Afghanistan vor den Taliban: Frauen auf dem Weg zur Uni, locker getragene Kopftücher oder offenes Haar, halblange und auch mal kurze Röcke Foto: NDR/Dr. Bill Podlich

Ein Dokumentarfilm über Afghanistan im Ersten erteilt nur Frauen das Wort. In „Afghanistan. Unser verwundetes Land“ erzählen sie von den Wechseln und Schrecken der vergangenen Jahrzehnte – unbedingt sehenswert.

Stuttgart - In Afghanistan stehen die Taliban kurz vor der Rückkehr an die Macht. Aber der Westen ist dieses Landes und seiner Konflikte müde. Selbst die Zivilgesellschaft in Deutschland sieht die Städte und Dörfer, die Berge und Täler Afghanistans meist nur noch mit dem Blick des Soldaten: als gruselige Abfolge von Hinterhalten, Versteckmöglichkeiten, Sprengfallen. Zivilisten sind da nur noch Hindernisse, die das Schussfeld blockieren. Der Dokumentarfilm „Afghanistan. Unser verwundetes Land“ von Marcel Mettelsiefen und Mayte Carrasco gibt uns einen anderen Blick zurück, konfrontiert uns mit anderen Erinnerungen, Hoffnungen und einer ganz anderen Verzweiflung.

Nicht die Männer, die Frauen reden

Dabei macht diese jetzt im Ersten zu sehende Produktion an der Oberfläche nichts Besonderes. Sie mixt eigene aktuelle Interviews mit Archivfunden. Aber diese Aufnahmen sind eben sehr treffend ausgesucht und auf den Punkt montiert. Man winkt sie nicht durch mit dem wohlwollenden Gefühl des „stimmt, hatte ich damals in den Nachrichten doch auch gesehen“. Man hält eher mal inne und fragt sich, ob das, was man zu wissen glaubte, zu diesen Bildern passt. Vor allem aber kommen hier keine Männer, sondern ausschließlich Frauen zu Wort. Also die gesellschaftliche Gruppe, die unter den Taliban am meisten zu leiden hatte.

Sechs Frauen aus unterschiedlichen Generationen, darunter die ehemalige Miss Afghanistan, die Tochter des letzten kommunistischen Präsidenten und die jetzige Ministerin für Menschenrechte – ihnen allen kommen die Mudschaheddin aus den Bergen so fremd und aus der Zeit gefallen vor wie uns. Sie seien schon lange, sagt eine, „von Krieg und Gewalt erschöpft“ gewesen. Und doch lassen sie keinen Zweifel daran: „Wir wollen unser Land zurück.“ Jedem wird gruselig klar, ohne dass der Film das aussprechen muss: Die Taliban haben denselben Schlachtruf.

Ausstrahlung: Montag, 6. Juli 2020, 23.35 Uhr. Nach Ausstrahlung einen Monat lang in der Mediathek des Senders abrufbar.

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