Der wohl größte Dönerproduzent Europas ist in Murr zu Hause. Das Unternehmen Birtat ist ein Hidden Champion und eine Erfolgsgeschichte. Und das, obwohl die öffentliche Wahrnehmung des Döners immer wieder leiden musste.
Cihan Karaman trägt einen eleganten Anzug, die Frisur sitzt – das Lächeln auch. Er sitzt am Ende eines großen Konferenztisches in einem geräumigen Büro. Alle paar Minuten klingelt das Handy des Inhabers der Birtat-Gruppe. Einmal geht er ran, ein dutzend Mal drückt er den Anruf weg. Karaman ist der Stereotyp-Unternehmer – doch etwas ist anders. Immer wieder kommen Angestellte wie selbstverständlich in sein Büro, bedienen sich an seiner Kaffeemaschine und nutzen seine kleine Terrasse zum Rauchen – einer macht es sich auf dem Sofa gemütlich und telefoniert. „Wir sind ein familiäres Unternehmen, haben aber auch konzernähnliche Strukturen“, erklärt Karaman.
Birtat ist ein auffälliges Unternehmen. Nicht nur, weil der Großteil der Menschen in der Region Stuttgart schon einmal einen ihrer Döner gegessen hat. Die Firma aus Murr ist in der Region verwurzelt, gleichzeitig der wohl größte Dönerproduzent Europas – Birtat ist ein Hidden-Champion. Chef Cihan Karaman vergleicht sein Unternehmen gerne mit Mercedes-Benz und ist auch mit Blick in die Zukunft selbstbewusst. Er kennt die Trends, weiß, wie sich das Dönergeschäft verändert. Nur beim Blick in die Vergangenheit zeigt er sich verärgert.
Eine türkisch-deutsche Unternehmergeschichte
Die Geschichte des Unternehmens beginnt mit Cihan Karamans Vater. Der wanderte in den 1970er Jahren als Gastarbeiter aus der Türkei in die Region ein und arbeitete als Verkäufer auf einem Wochenmarkt. In den 1980er Jahren machte sich Karamans Vater selbstständig und begann unter anderem Döner im Kreis Ludwigsburg zu verkaufen. Er habe das Fleisch selbst mariniert, auf den Spieß gesteckt und auf Festen wie dem Markgröninger Schäferlauf verkauft, berichtet Cihan Karaman.
Dabei entstand die Geschäftsidee, die bis heute Erfolg hat. Karamans Vater machte den wenigen Döner-Imbissen der Region schmackhaft, ihre Spieße lieber bei ihm zu kaufen, anstatt diese jeden Morgen selbst zu stecken. „Das hatte für alle Vorteile, die Inhaber sparen Arbeitszeit und haben immer die gleiche Qualität.“ Sein Vater war wohl einer der ersten, die in Europa industriell hergestellte Dönerspieße angeboten haben, sagt Karaman.
Das Familienunternehmen der Anfangstage ist mittlerweile Geschichte. Birtat ist eine Aktiengesellschaft und sucht immer mehr Öffentlichkeit. Unter anderem ist der Dönerproduzent Namensgeber der deutschen Ringer-Bundesliga. Die Unternehmensgruppe hat über 400 Mitarbeiter und einen Umsatz von 200 Millionen Euro pro Jahr. Rund 50 Prozent der Ware geht ins Ausland nach Polen, Frankreich, Spanien und weitere Länder. Die Produkte erreichen angeblich jeden Monat 13 Millionen Endkunden in ganz Europa.
„Und wir wachsen jeden Monat weiter“, sagt Cihan Karaman selbstbewusst. Kaum ein Produzent sei so lange und auf diesem hohen Level auf dem Markt. „Wir sind eine Marke, die Sicherheit und Qualität ausstrahlt. Was Mercedes für die Automobilbranche ist, sind wir für die Dönerbranche.“
Der Aufstieg des Unternehmens aus Murr ist eng mit dem Aufstieg des Döners verknüpft. Mittlerweile ist die gefüllte Brottasche nicht nur bei jungen Menschen beliebt, in jeder Generation hat der Döner eine mehr oder weniger große Bedeutung. Die Produktpalette wird vielfältiger, die Gerichte feiner und die Imbisse hochwertiger.
„Eine positive Entwicklung“, nennt es Karaman. „Obwohl in der Vergangenheit viel dafür getan wurde, den Döner schlecht darzustellen.“ Tatsächlich hatte der Döner eine Zeit lang ein schmuddeliges Image. Hygieneprobleme und Gammelfleischskandale seien zu Unrecht aufgebauscht und auf die gesamte Branche umgewälzt worden, sagt Karman. Auch die Beschreibung des NSU-Terrors als „Döner-Morde“ während der 2000er Jahre, stellte die Branche ungerechtfertigt in eine halbseidene Ecke. Das einstige Image des Döners treibt den Unternehmer immer noch sichtbar um.
Immer wieder betont Karaman, wie hoch die Sicherheitsvorkehrungen in seiner Produktion seien und wie sich die Hygiene in den Imbissen verbessert habe. Die fast aufdringliche Botschaft, dass hier hochprofessionell gearbeitet wird, ist nachvollziehbar. Denn obwohl sich der Döner täglich Hunderttausende Male verkauft, bleibt den Dienstleistern der Branche die gesellschaftliche Anerkennung verwehrt. Das schreibt Eberhard Seidel in seinem Buch „Döner: Eine türkisch-deutsche Kulturgeschichte“.
Branche wird selbstbewusster
Doch das Blatt wendet sich: Nicht nur Karaman, die ganze Branche wird immer selbstbewusster. Das zeigt sich auch in den Städten der Region. Junge Döner-Unternehmer drängen auf den Markt, kaufen hochwertigere Spieße und werben mit guter Qualität. Schicke Döner-Restaurants werden zahlreicher, „während die alten kleinen Stuben immer weniger werden“, sagt Karaman.
Dönerpreise sind immer noch unrealistisch
Preis
Der Dönerpreis wird wohl weiter steigen, prognostiziert Cihan Karaman. „Das ist wichtig, denn eigentlich muss ein Döner 10 Euro kosten.“ Die Preissteigerungen bei den Zutaten seien enorm, allein seine Spieße hätten sich über die vergangenen Jahre um 50 Prozent verteuert. Viele Imbiss-Betreiber würden die Kosten aber nicht weitergeben. Aus Angst, Kunden zu verlieren.
Kennzahlen
Laut dem Berufsverband ATDID arbeiten in Deutschland rund 60 000 Menschen in der Döner-Branche. Die Branche erzielt in Deutschland jährlich rund 2,4 Milliarden Euro Umsatz, europaweit rund 3,5 Milliarden. Europaweit werden laut ATDID täglich 400 Tonnen Döner produziert.