Euronics XXL Elsässer in Sindelfingen ist der größte Euronics-Händler in Deutschland. Mit kleinen, trendigen Läden will Euronics junge Kunden in den Stadtteilen von Großstädten gewinnen. Foto: Drofitsch/Eibner

Erst der Verkauf von E-Autos, jetzt ein Laden, in dem die Kunden zu Eigentümern werden. Die Ditzinger Genossenschaft Euronics will neuartige Stadtteilgeschäfte eröffnen. Und damit endlich jüngere Händler gewinnen.

Seit zwölf Jahren ist Jochen Mauch „Teil der Euronics-Familie“. Er hat mit dafür gesorgt, dass die Marke des Ditzinger Elektronikhändlerverbunds, organisiert als Genossenschaft, bekannter und moderner wurde. Und dass die Zentrale die eigenständigen Euronics-Händler noch stärker beim Marketing, dem Internetgeschäft und bei der Personalgewinnung unterstützt. Jetzt will er als neuer Vorstand für Marketing, Vertrieb und Digitalisierung nicht nur Fachkräfte, sondern auch neue Unternehmer für Euronics gewinnen: „Wir glauben an die Händler vor Ort, niemand kennt das Umfeld besser. Solche Händler suchen wir.“

 

Wenn es um den Umsatz geht, steht Euronics hervorragend da. Die Erlöse schnellten in den beiden Pandemiejahren, in denen Millionen von Verbrauchern ihr Zuhause mit hochwertigen Computern, Fernsehern und smarten Haushaltsgeräten verschönerten, von 3,4 Milliarden Euro auf zuletzt 4,3 Milliarden Euro nach oben. Das entspricht in Deutschland etwa, was Expert und Electronic Partner umsetzen – und gut einem Drittel der Erlöse von Media Markt Saturn.

Zugleich leidet Euronics unter einem massiven Mitgliederschwund. In den vergangenen zehn Jahren schrumpfte die Zahl der Händler von knapp 1700 auf gut 1100, der Trend zeigt trotz Coronabooms weiter bergab. Hinter den Geschäftsaufgaben steckt ein Strukturwandel: Vor allem kleine, inhabergeführte Geschäfte schlossen. Viele Inhaber gingen in Rente, ohne dass sie einen Nachfolger fanden.

Euronics verkauft auch ein Elektroauto

„Unsere Mitglieder werden im Schnitt nicht jünger, die Nachfolgethematik treibt nicht nur uns, sondern auch andere Genossenschaften um“, räumt Mauch ein. „Wir brauchen deshalb Konzepte, die junge Unternehmer interessant finden.“

Vor zwei Jahren ging die Genossenschaft, die manchen verstaubt erscheinen mag, im Markt voran. Als erster Elektronikhändler in Deutschland verkauft Euronics auch ein Elektroauto – den SUV U5 des chinesischen Herstellers Airways. Mittlerweile gibt es 50 Standorte, von denen Kunden auch zur Probefahrt starten können. Zur Wahl stehen auch Stromtarife, Batteriespeicher oder die Installation einer Wallbox. „Anfangs wurden wir für verrückt erklärt – inzwischen wissen wir, dass die Kunden bereit sind, sich ein E-Auto auch bei einem Elektronikhändler zu kaufen – mit dem ganzen Drumherum“, sagt Mauch. 2023 werde man das Angebot erweitern. Man werde „fast schon bedrängt“.

2023 soll auch das nächste Projekt starten, das noch etwas schräger klingt als der E-Auto-Verkauf zwischen Waschmaschinen und Fernsehgeräten. Mauch will in der zweiten Jahreshälfte in Stuttgart, Berlin oder Hamburg einen Laden eröffnen lassen, in dem die Kunden zu Genossen und Teil einer Community werden. „Njuju“ heißt das Konzept, das lautmalerisch nach „New you“, also „neues Du“ klingt. Ein Pressetext spricht von der „Vision einer Urban Electronics Genossenschaft“, die die „Kunden durch Blockchaintechnologie zu Miteigentümern“ mache. Sind das nicht ziemlich viele Buzzwords für eine Genossenschaft, deren Händler im Schnitt eher über 50 Jahre alt sind?

Zielgruppe sind junge, bewusste Verbraucher in der Nachbarschaft

Mauch, der das Projekt entwickelte und jetzt vorantreibt, formuliert es bodenständiger: Rund 300 Quadratmeter könnte der erste von einmal rund 100 Läden messen. Man wolle nicht neben den Flagship-Stores von Tesla oder Porsche in der Stadtmitte stehen, sondern in angesagten Kiezen wie der Stuttgarter Westen einer sei. Trendig, aber lokal. Man wolle zwei, drei Schwerpunkte präsentieren und vor allem beraten, herausfinden, was der Kunde wirklich brauche. „Wir wollen gemeinsam den eigentlichen Bedarf identifizieren. Es gibt wenige Geschäfte, die hier substanziell Hilfestellung leisten.“

Mauch schwebt ein Kommunikationsort für junge, bewusste Verbraucher in der Nachbarschaft vor, der auch mal ganze Konzepte anbiete, wenn es zum Beispiel um Nachhaltigkeit im Haushalt gehe. Die konkrete Ware könne ein Shop wie dieser über die größeren Euronics-Händler beziehen. „Wir wollen zum Beispiel kein Fernsehgerät verkaufen – wir verkaufen schöner fernsehen, weil wir den Service darum auch mit anbieten“, meint er. „Bei der Entwicklung des Njuju-Konzepts hat es bei unseren Mitgliedern eine breite Zustimmung gegeben – das ist selten.“

Dazu zählt auch, dass die Einkäufer zum Miteigentümer werden. Mit jedem Bezahlvorgang an der Kasse erhielten Kunden über einen digitalen Token auch einen Anteil an dem Njuju-Laden. Durch ein Cashback-Modell würden sie auch am Profit des Ladens beteiligt. Im Idealfall würden die Kunden durch ihre eigenen Einkaufswünsche den Laden mitgestalten. Das sei „revolutionär“, sagt Mauch. „Was der Mensch nicht will, wird im Laden nicht zu finden sein.“

Vielleicht wird das Konzept ja Maßstäbe setzen und sowohl junge Händler wie Kunden locken. Noch aber bereitet die Revolution noch Schwierigkeiten in der konkreten Umsetzung. Die erwünschte App und die Technologie dahinter seien sehr komplex und forderten die meiste Zeit, sagt Mauch. „Entscheidend ist aber, dass wir die richtigen Händler für die neuen Läden finden.“

Fachhändler-Verbund für Groß und Klein

Mitglieder
Der Ditzinger Fachhändlerverbund Euronics ist eine Genossenschaft, die derzeit 1100 Mitglieder mit 1200 Geschäften fasst. Die Händler sind sehr unterschiedlich aufgestellt – es gibt etwa Vollsortimenter, Audiospezialisten, TV-Elektriker und Verkäufer von großen Haushaltsgeräten.

Geschäftstypen
Das Gros der Geschäfte machen die regulären Euronics-Läden aus. Dazu gibt es rund 100 Standorte von Euronics XXL, die die Größe eines Saturn oder Media Markts haben. Die gut 80 Geschäfte, die sich auf Premiumware spezialisiert haben, firmieren unter dem Namen media@home. Diese Geschäfte sind es auch, die dem neuen Ladenkonzept „Njuju“ schon jetzt recht nahekommen. Viele Geschäfte sind Euronics angeschlossen, nutzen aber nicht den Namen.