Frauen der Ahmadiyya-Gemeinschaft sprechen mit Vertreterinnen aus Kirche und Gesellschaft über Religion und Politik.
„Wer eine Tochter gut aufzieht und ihr eine gute Bildung und Erziehung angedeihen lässt, erwirbt dadurch das Paradies.“ Diese und andere Worte des Propheten Mohammed in Sachen Frauen und Gleichwertigkeit der Geschlechter bilden auf großen Bannern den Hintergrund beim Frauentag in der Qamar-Moschee der Ahmadiyya-Gemeinde mit etwa 40 Gästen. Eingeladen haben die Ortsgruppen Weil der Stadt-Renningen und Böblingen- Sindelfingen der Frauenorganisation Laijna Imaillah, der im Kreis Böblingen rund 120 Frauen angehören. „Die essenzielle Rolle der Frauen für die Zukunft unserer Gesellschaft“ soll diskutiert werden. Dazu sind Frauen mit unterschiedlichem Hintergrund aufs Podium geladen: Resi Berger-Bäuerle, ehemalige Vorsitzende der Kinderfreunde Renningen und Gemeinderätin der Wählerinneninitiative Frauen für Renningen, Eva Ulmer, Pfarrerin in Weil der Stadt, und Nida Ranjha, Lehrerin aus Bensheim, als Vertreterin der Frauenorganisation für die Belange von Schülerinnen und Studierenden.
Bevor die Moderatorin Hera Ahmed aus Böblingen ihre Fragen an die Teilnehmerinnen richtet, wird aus dem Koran zitiert, wo unter verschiedensten Aspekten nicht nur Männer genannt werden, sondern stets auch Frauen. Dort werde die Gleichwertigkeit von Männern und Frauen betont, heißt es dazu. Es gebe zahlreiche Stellen im Koran, die diese hervorheben, sagt Nida Ranjha. Mit der islamischen Botschaft hätten sich damals die Rechte der Frauen verändert. „Für viele muslimische Frauen gilt der Prophet als der erste männliche Frauenrechtler“. Er habe nicht nur Männer und Frauen gleichermaßen zur Bildung verpflichtet, sondern Frauen auch das Recht auf Scheidung gegeben, und das vor dem Hintergrund einer patriarchalen Stammesgesellschaft im 6. Jahrhundert. Im 9. Jahrhundert sei die erste Universität der Welt von einer Frau in Marokko gegründet worden.
Eine Frau gründete die erste Universität der Welt – in Marokko
Hier hakt die Pfarrerin Eva Ulmer ein, die diese Universität besucht hat. Seit sie ein Jahr in Jerusalem studiert hat, lasse sie der interreligiöse Dialog nicht mehr los. Auf die Frage der Moderatorin nach dem Paulus-Zitat, dass das Weib in der Gemeinde schweigen solle und welche Rolle die Frau im Christentum spiele, antwortet die Theologin, dass es sowohl in der Bibel als auch im Koran unterschiedliche Auslegungen von Texten gebe. „Ich glaube, diese Stelle wurde bewusst missverstanden“, so Ulmer. Es gebe andere Belege für aktive Rollen von Frauen im frühen Christentum. „Und es waren Frauen, die die frohe Osterbotschaft überbracht haben, warum sollen sie schweigen?“ so die Pfarrerin. Herausforderungen gebe es für die Kirche viele, sagt Ulmer auf eine Frage der Moderatorin, vor allem den Bedeutungsverlust in der Gesellschaft. „Ich sage immer, die Kirche ist viel besser als ihr Image.“
Resi Berger-Bäuerle schildert die Gründe für das Engagement der Frauen in der Kommunalpolitik, nämlich einen größeren Frauenanteil im Gemeinderat sowie das Einbringen weiblicher Blickweisen bei vielen Themen wie etwa Kinderbetreuung oder Barrierefreiheit. Das sei ein weiter Weg gewesen, der es aber wert sei, dafür zu kämpfen und den man weitergehen wolle.
Gegen frauenverachtende Denkweisen vorgehen
Nach ihrer Vision für die Frauen gefragt, sagt Nida Ranjha, sie wünsche sich, dass sie sich intensiver mit der islamischen Lehre befassen. Um die weltliche Bildung stehe es bereits sehr gut. „Mehr Wissen wird uns helfen, gegen frauenverachtende Denkweisen vorzugehen“, so die Lehrerin. „Wir kämpfen nicht nur für die Rechte von Frauen unserer Gruppe, sondern auch für andere“, sagt sie und fügt hinzu, man müsse von einem selektiven Feminismus wegkommen. So setzten sie sich etwa für die Frauen im Iran ein, die kein Kopftuch tragen wollen. „Aber andererseits dürfen wir auch nicht gezwungen werden, das Kopftuch herunterzunehmen.“
Die Ahmadiyya-Gemeinschaft (Ahmadiyya Muslim Jamaat) wurde 1889 im indisch-pakistanischen Raum gegründet, Weltweit gehören mehrere Millionen Menschen dieser islamischen Gemeinschaft an, die sich als Reformbewegung innerhalb des Islam versteht und sich nach eigenen Angaben für die Trennung von Politik und Religion einsetzt.