Diskussion um Nachfolge Klares Bekenntnis zur Cranko-Tradition

Von Andrea Kachelrieß 

Reid Anderson im Jahr 1999 auf der Suche nach Talenten. Damals war der Kanadier gerade im dritten Jahr Intendant des Stuttgarter Balletts Foto: Susanne Kern
Reid Anderson im Jahr 1999 auf der Suche nach Talenten. Damals war der Kanadier gerade im dritten Jahr Intendant des Stuttgarter Balletts Foto: Susanne Kern

An diesem Dienstag wird Reid Anderson das Programm seiner 20. Spielzeit als Intendant des Stuttgarter Balletts vorstellen. Grund zum Feiern! Doch weil der Vertrag des Kanadiers 2018 ausläuft, stellt sich für die Kompanie und ihr Publikum auch die Frage, wie es mit dem Stuttgarter Ballett weitergeht.

Stuttgart - 20 Jahre! So lange leitete Marcia Haydée das Stuttgarter Ballett, dann entschied sie, dass der Kompanie ein Wechsel guttun würde. Reid Anderson will, so sein Plan, bis 2018 an der Spitze der Kompanie stehen. Bis dahin soll der Neubau für die John-Cranko-Schule, der auch die Probensituation des Stuttgarter Balletts entspannen wird, fertig sein. Die Verwirklichung eines solchen Ballettzentrums war schon beim Start in Stuttgart Andersons Ziel, seine Einweihung als Intendant mitzuerleben auch Grund dafür, warum der Kanadier seinen Vertrag bis 2018 verlängerte.

Wenn eine Ballett-Ära endet

Gibt Reid Anderson 2018, dann 69 Jahre alt, seinen Abschied, dann wird er so lange wie keiner vor ihm das Stuttgarter Ballett geleitet haben. 1996 hatte er die Kompanie von Marcia Haydée übernommen – und mit ihr die schwierige Aufgabe einer radikalen Verjüngungskur. Für viele Kollegen aus der Cranko-Zeit wie Egon Madsen und Vladimir Klos mussten neue Aufgaben gefunden werden; ein für alle Beteiligten schmerzhafter Prozess. Mit 21 neuen Tänzern startete das Stuttgarter Ballett 1996 in die Ära Anderson. Dass deren Ende 2018 ähnliche Erschütterungen für die Kompanie mit sich bringt, ist nicht zu erwarten.

Denn das Stuttgarter Ballett ist, was Alter der Tänzer und ihre technische Qualität betrifft, heute bestens aufgestellt. Trotzdem: So sanft, wie ihn Christian Spuck in Zürich betrieben hat, ist der Wechsel an der Spitze einer großen Kompanie nicht immer. ­Deshalb wird die Stuttgarter Tänzer, deren Verträge in der Regel über zwei Spielzeiten laufen, nicht kaltlassen, dass man derzeit im Kunstministerium mit einer Findungs­kommission nach einem Nachfolger für Reid Anderson sucht.

Das Waltz-Gerücht

Vor einiger Zeit dachten Stuttgarter Tanzfreunde, denen das Repertoire der örtlichen Ballettkompanie zu einseitig ist, darüber nach, wie es denn wäre, wenn man einer wie Sasha Waltz die Leitung des Stuttgarter Balletts anvertrauen würde. Die Stuttgarter Tänzer konnten dann das Waltz-Gerücht im Januar dieses Jahres am Presse-Brett der Kompanie in einem Ausschnitt aus der „Stuttgarter Zeitung“ nachlesen.

Obwohl man im zuständigen Kunstministerium schon damals klarstellte, dass man nicht mit der aus Karlsruhe stammenden Choreografin über einen Umzug ihrer ­Kompanie an den Neckar verhandle, sorgte das Gerücht für Unruhe beim Stuttgarter ­Ballett. Vielleicht, weil es so absurd ist? Schließlich stellt es die von John Cranko ­initiierte Zusammenarbeit von Kompanie und Schule, die nun in neuen Beton ­gegossen wird, komplett infrage. Unverständnis ­erntet es auch bei Jochen Schönmann, dem Sprecher des Kunstministeriums. Dass John Neumeier die Findungskommission berät, ist ihm da Argument ­genug. „Es gibt ein ganz klares Bekenntnis zur John-Cranko-Tradition.“

Cranko ist tot? Es lebe Cranko!

Die Auslastungszahlen sprechen für sich: Das Stuttgarter Publikum ist mit seinem Ballett zufrieden; gerade die großen Tanzdramen John Crankos erweisen sich auch nach 50 Jahren noch als echte Ballett-Blockbuster. Kylián und Clug, van Manen und Forsythe tanzen viele Kompanien, das reiche Cranko-Erbe ist ein Stuttgarter Alleinstellungsmerkmal.

Seine Pflege ist Pflicht und kluges Marketing. Zumal John Cranko in Stuttgart eine choreografische Kreativität begründete, die bis heute ebenfalls bezeichnend für die Kompanie ist. So viele Uraufführungen wie das Stuttgarter Ballett, das mit Marco Goecke zudem einen international renommierten Haus-Choreografen unter Vertrag hat, wagen wenige große Kompanien. Auch Reid Anderson entdeckte wie seine Vorgänger Choreografen, Mauro Bigonzetti und Kevin O’Day zum Beispiel, für die Stuttgart zum Sprungbrett wurde.

Ist Kontinuität Stillstand?

Nach dem plötzlichen Tod Crankos übernahm Glen Tetley 1974 die Kompanie. Die Stuttgarter Tänzer waren mit der Arbeit des amerikanischen Choreografen und Cranko-Freundes vertraut, der mit Stücken wie „Le sacre du printemps“, „Pierrot lunaire“ oder „Voluntaries“ bis heute präsent ist. Trotzdem schien Tetleys moderne Tanzsprache eine zu große Herausforderung, seine Direktion in Stuttgart blieb ein zweijähriges Zwischenspiel.

Mit Marcia Haydée und Reid Anderson, die beide als Tänzer mit John Cranko gearbeitet hatten, leiteten und leiten zwei „Stuttgarter Gewächse“ die Kompanie, aus deren Reihen auch jetzt der Wunsch nach Kontinuität zu vernehmen ist – und sicherlich bei einem wie John Neumeier auf Verständnis stößt. Bei der Vision von einem Neuanfang mag das manchem als Rückschritt erscheinen. Beim Blick zurück ist die Angst vor einem Neuanfang aber auch in der Geschichte der Kompanie begründet.

Oben bleiben! Nur mit wem?

Das Stuttgarter Ballett tanzt ganz oben mit. „Wir kennen selbstverständlich den Stellenwert des Stuttgarter Balletts als klassische Kompanie“, betont denn auch Ministeriumssprecher Schönmann. Es hat technisch brillante Tänzer und mit Marco Goecke einen Haus-Choreografen, der das klassische Bewegungsvokabular mit markantem Stil auf seine Zukunftsfähigkeit befragt. Fehlt ein Kopf, der die Stuttgarter Strukturen kennt, zu füllen vermag – und der doch mit Mut zum Risiko nach vorne denkt. In Stuttgart wird sich mit Reid Anderson die letzte Tänzergeneration aus der Führungsposition verabschieden, die noch mit Cranko persönlich gearbeitet hat – Birgit Keil ist weiterhin in Karlsruhe, Marcia Haydée in Santiago de Chile Ballettdirektorin, John Neumeier hat, inzwischen 73 Jahre alt, in Hamburg seinen Tänzer Lloyd Riggins zu seinem Stellvertreter und damit möglichen Nachfolger bestimmt.

Weil auch aus einer jüngeren Stuttgarter Tänzergeneration reichlich Ballettdirektoren hervorgegangen sind, hat die Findungskommission, will sie auf Kontinuität und Erfahrung setzen, reichlich Auswahl: Ivan Cavallari hat in Perth bewiesen und tut das noch in Straßburg, dass er Aufbauarbeit leisten und politischem Sparwillen trotzen kann. Bridget Breiner ist auch in Gelsenkirchen die kluge Grenzgängerin, als die sie sich in Stuttgart präsentierte. Ob Robert Conn in Augsburg, Sue Jin Kang in Korea, Christian Spuck in Zürich: offen bleibt, wer den eigenen Neuanfang aufgeben würde für einen Ruf aus Stuttgart, wo ihn zudem im sanierungsbedürftigen Opernhaus eine Großbaustelle erwartet. Offen auch, ob das Stuttgarter Ballett nach der Ära Anderson wieder einen Intendanten braucht, der auch Choreograf ist.

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