Dieser Wolf lebt in einem Gehege im Wildparadies Tripsdrill. Doch wie geht man mit Wölfen in freier Wildbahn um? Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Was tun, wenn der Wolf heimisch wird? Dieser Frage ging die Kreisjägervereinigung Böblingen nach – und zwar extrem vielseitig. Bei ihrer Diskussion war unter anderem die Umweltministerin dabei, eine Vertreterin der Schäfer – und natürlich ein Jäger. Einfache Antworten hatte keiner.

Die Rückkehr der Wölfe als größtes Raubtier aus der Familie des Hundes und die Folgen daraus – dieses Thema beschäftigt auch die Kreisjägervereinigung (KJV) Böblingen. Bei ihrer Jahreshauptversammlung am Samstag widmete sie ihm deshalb eine Podiumsdiskussion. Einfache Antworten gab es dabei keine. Dafür, das wurde überdeutlich, ist das Thema zu komplex und vielschichtig.

 

„Der Wolf wird heimisch – was kommt auf uns zu?“, lautete die Ausgangsfrage, bei der die von Christian Teppe moderierte Runde mit Vertretern aus Politik und Fachleuten die Rückkehr der Wölfe aus verschiedenen Perspektiven beleuchtete. Der Rechtsanwalt, Buchautor und Jäger war aus Niedersachsen angereist, wo die Wolfspopulation „zwischen 50 und 80 Rudeln“ bereits ganz andere Dimensionen angenommen hat als in Baden-Württemberg.

Düstere Aussichten für die Schäferei

In Baden-Württemberg unterliegt der Wolf, der durch internationales, europäisches und deutsches Recht streng geschützt ist, dem Naturschutzrecht. Deshalb fällt er in die Zuständigkeit von Umweltministerin Thekla Walker (Grüne). Sie warb auf dem Podium dafür, auf Basis des geltenden Rechts rationale Lösungen zu finden, um Weidetierhalter zu unterstützen, wie dies bereits im Land geschehe – und die Schutzkonzepte immer wieder zu evaluieren und anzupassen.

Spannendes Thema, interessiertes Publikum: die Diskussion bei den Jägern /Stefanie Schlecht

„Wir versuchen Herdenschutz zu betreiben“, erläuterte Anette Wohlfahrt, Geschäftsführerin des baden-württembergischen Landesschafzuchtverbands. In Steillagen zum Beispiel sei es aber schwierig, Zäune aufzubauen. Sie berichtete von „existenziellen Ängsten“ von Schäfern und prophezeite, dass es in zehn Jahren die Schäferei im Land nur noch im Nebenerwerb und als Hobby geben werde.

Die ständige Anspannung der Tierhalter hatte auch Sabine Kurtz (CDU) als Staatsministerin im Ministerium für Ernährung, Ländlicher Raum und Verbraucherschutz im Blick. Durch den Wunsch nach Weidehaltung und Grünland und dem Erhalt der Biodiversität und der Kulturlandschaft entstehe durch die vermehrte Anwesenheit von Wölfen ein Spannungsfeld. Sie wies darauf hin, dass die EU-Kommission angekündigt habe, den Schutzstatus der Wölfe zu überdenken.

Kein Platz für einen Großprädator

Aus Sicht des FDP-Landtagsabgeordneten Hans Dieter Scherer braucht es ein Wolfsbestandsmanagement, auch angesichts des hohen Siedlungsdrucks. Diesen Fakt hatte sprach auch der SPD-Kreistagsabgeordnete Tobias Brenner an. Ihm fehle etwas die Fantasie, dass in dicht besiedelten Gebieten wie dem Landkreis Böblingen Raum für einen Großprädator sei. Schließlich gebe es bereits einen Konflikt zwischen „Wohnen, Weide und Wirtschaft“.

„Wir sind momentan weit weg von einer Situation wie in Brandenburg“, betonte Bezirksjägermeister Thomas Dietz, der auch stellvertretender Vorsitzender im Landesnaturschutzverband ist. „Die Jägerschaft plädiert nicht für die Auslöschung des Wolfes“, es sei vielmehr zu klären, wie man punktuell oder zukünftig auch in der Fläche mit ihm umgehe. Für ein mögliches schnelles Eingreifen sei es zudem wichtig, Rechtssicherheit zu schaffen, so Dietz weiter.

Kein Wild erlegt, aber viele Wölfe gesehen

Seine jagdlichen Erfahrungen in Wolfsrevieren hatte KJV-Mitglied Berndt Fürstenberg, der inzwischen in Brandenburg lebt, mitgebracht. Die Muffel- und Damwildbestände seien stark zurückgegangen, berichtete er. Außerdem würde sich das Rotwild zu großen Rudeln zusammenschließen und dadurch vermehrt Schäden in der Landwirtschaft und im Wald verursachen. Er habe in diesem Jahr kein Stück Wild erlegt, aber bei seinen 39 Ansitzen 21 Mal einen Wolf gesehen, berichtete er.

Als „spannend“, aber auch lehrreich ordnete Kreisjägermeister Claus Kissel die „durchaus kontroversen Wortmeldungen“ nach der über eine Stunde dauernden Diskussion ein. Es war bereits das vierte Mal, dass eine Podiumsdiskussion mit aktuellem Themenbezug die KJV-Jahreshauptversammlung bestimmte. Die übrige Veranstaltung mit den Berichten zum vergangenen Jahr, den obligatorischen Entlastungen, der Ehrungen verdienter Mitglieder sowie der Nachwahl von Martin Weisbach als Presseobmann verlief unspektakulär.

Spektakel im Juli

Ein großes Spektakel steht dagegen noch an: Die über 1100 Mitglieder zählende KJV Böblingen feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Höhepunkt im Jubiläumsjahr ist ein Jägerfest am Sonntag, 7. Juli, im Eichholzer Täle in Sindelfingen von 10 bis 17 Uhr, zu dem die Bevölkerung eingeladen ist.

Schutz und Hilfe

Herdenschutz
Dabei handelt es sich um vorsorglichen Schutz von Nutztieren vor Wolfsübergriffen. Wolfsabweisende Weidezäune, Herdenschutztiere wie Hunde oder die traditionelle Behirtung stehen als Möglichkeiten zur Verfügung.

Prävention
Nach dem Nachweis sesshafter Wölfe wurden in Baden-Württemberg die beiden Fördergebiete Wolfsprävention Nordschwarzwald und Odenwald ausgewiesen. Nutztierhalter mit Flächen innerhalb dieser Gebiete können unter anderem finanzielle Förderung für Investitionen in Zäune, Unterstützung bei Unterhaltskosten für Herdenschutzhunde sowie Entschädigungen bei Rissen von Nutztieren durch Wölfe bekommen. Im Landkreis Böblingen liegen die Gemeinden Aidlingen, Bondorf, Deckenpfronn, Gäufelden, Herrenberg, Jettingen und Mötzingen in der Förderkulisse Schwarzwald.