Den Sinn verbildlicht ein Mülleimer. Foto: factum/Granville

Digitale Technik soll die Arbeit der städtischen Bediensteten erleichtern, allerdings nicht im Internet, sondern mit eigenen Sendemasten. Jeder darf das Netz kostenlos nutzen. Gedacht ist an Unternehmen genauso wie an Schrebergärtner.

Herrenberg - Diese Zahl ist falsch. Fünf Menschen am Messestand meldet der Computer. Sieben sind es. Zwei waren so höflich, zu diesem Gespräch ihre Handys auszuschalten. „Es gibt Sensoren für alles Mögliche“, sagt Stefan Kraus, der Chef des Umwelt- und Technikamts. In diesem Fall ist es die Zahl der Funknetze in nächster Umgebung, aber „man kann sogar den Reifegrad seiner Erdbeeren messen“, sagt Kraus. Und zwar am Handy.

Diese Nachricht dürfte niemanden erstaunen, der sich je mit dem sogenannten Internet der Dinge befasste. Im Gegensatz zum Preis, zu dem die Stadt Herrenberg ihr eigenes Funknetz schuf. Dem Internet der Dinge wird erst mit Verbreitung des neuen Mobilfunk-Standards 5 G eine Blüte vorhergesagt. Allein aus der Versteigerung der Lizenzen – wohl Anfang 2019 – erwartet die Bundesregierung Milliardeneinnahmen.

Die Funkantennen kosteten die Stadt 10 000 Euro

10 000 Euro kosteten die Stadt Herrenberg zwei Antennen. Sie empfangen und senden Daten innerhalb eines Umkreises von 30 Kilometern, mithin in nahezu dem gesamten Stadtgebiet. „Lora“ kürzelt die Technik, was für „Long Range Wide Area Network“ steht. Eine Übersetzung wäre weitgehend sinnfrei. Die Vorteile der Technik sind, dass sie kaum Energie verbraucht, im Gegensatz zum Telefonnetz so gut wie keine Strahlung aussendet und im Vergleich zum gewöhnlichen Funknetz eben billig ist.

Den Sinn verbildlicht am Messestand ein Mülleimer. Sein größter Teil, der eigentliche Müllbehälter, verbirgt sich unter der Erde. Um ihn zu leeren, fahren Bedienstete in regelmäßigen Abständen alle Abfalleimer an, dies eben auch dann, wenn kaum der Boden bedeckt ist. Künftig meldet ein Sender den Füllstand, Kosten: rund 100 Euro. „Das amortisiert sich schnell“, sagt der Oberbürgermeister Thomas Sprißler. Wenige Fahrten wiegen den Preis auf. „Am Anfang wollten wir das übers Internet machen“, sagt Kraus. Dann aber hätte die Stadt für jeden ihrer Mülleimer einen Handyvertrag abschließen müssen.

Und in Zukunft für alle ihre Parkplätze, etliche Messstellen an Straßen und allerlei mehr. Sensoren sollen den Winterdienst rufen, wenn Glätte droht. Bisher überprüft bei Minusgraden ein Mitarbeiter frühmorgens um 4 Uhr den Asphalt mit seinen Schuhsohlen. Ebenso automatisch soll in Zukunft gemeldet werden, welcher Parkplatz frei ist. Das dazugehörige Leitsystem können Autofahrer im Internet abfragen. Allerdings noch nicht: „Wir sind erst am Anfang“, sagt Sprißler. Jeder, der sich berufen fühlt, kann sein Ideen zur sinnvollen Anwendung der Funktechnik auf der städtischen Homepage eintragen.

Jeder, der sich berufen fühlt, kann eigene Sensoren kaufen

Genauso kann jeder, der sich berufen fühlt, für seine eigenen Zwecke ein paar Sensoren kaufen und das städtische Netz nutzen, kostenlos. Die Sensoren kosten zweistellige Summen. Gedacht ist an Schrebergärtner genauso wie an Unternehmen. Erstere können sich melden lassen, ob sie losfahren müssen, um ihren Rasen zu wässern, zweitere Gebäude überwachen – beispielsweise. Die entsprechenden Daten abzugreifen, soll dabei nahezu unmöglich sein. „Das System ist etwa so sicher wie das Online-Banking“, sagt Kraus.

Bundesweit gehört die Stadt Herrenberg tatsächlich zu den ersten, die sich die Technik zunutze machen. Reutlingen und Chemnitz sind Pilotstädte für ein Forschungsprojekt der Bundesregierung mit ähnlichen Zielen. Dort wird Bluetooth als Übertragungstechnik benutzt. Lora-Netze überziehen in Europa nur die Schweiz flächendeckend und einen großen Teil der Niederlande. In diesen Ländern sind die Anbieter allerdings Konzerne. „Die Telekom ist auch am Thema dran“, sagt Kraus, „aber das ist dann alles kostenpflichtig“. Andernorts versuchen private Initiativen, das Netz zu verbreiten. Gelungen ist dies vor allem in Berlin. Auch in der Region Stuttgart bemühen sich Initiativen. Ihr Urmotiv war allerdings ein anderes als das Erleichtern alltäglicher Tätigkeiten: das Sammeln von Daten zur Luftverschmutzung.

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