Nach langer Pause hat der Tübinger Schlagerbarde Dieter Thomas Kuhn in Stuttgart seine Deutschlandtournee begonnen. Mit Sommer, Sonne, bester Laune, viel Altbewährtem – und ein paar Anspielungen auf den Zeitgeist.
Die Hitze steht, die Sonne knallt, der markante Duft von Kunstfaserhemden liegt in der Luft. Die Schlangen vor den Getränkeständen ziehen sich endlos hin. Die Kehlen sind ausgedörrt. Und alle sind glücklich. Es gibt wohl wenige Anlässe, bei denen eine derart außergewöhnliche Stimmung herrscht wie bei einem Auftritt von Dieter Thomas Kuhn. Ein Laufsteg der schrägen Verkleidungen, der Brusthaartoupets, Schlaghosen und Plateauschuhe, der aufgeklebten Oberlippenbärte und der Blumenmuster. Mehr Party als Konzert. Kontaktfreudig, fröhlich, friedlich.
Nach dreieinhalb Jahren Pause beginnen der Tübinger Schlagerbarde und seine Band, die er Kapelle nennt, in Stuttgart ihre Deutschlandtournee. „Hello again. Viel zu lang war die Zeit“ heißt sie. Und 25 000 Menschen sind am Samstagabend auf dem ausverkauften Cannstatter Wasen dabei. Lang war die coronabedingte Pause, außergewöhnlich ist das Format. Normalerweise spielt die singende Föhnwelle traditionell auf der Freilichtbühne auf dem Killesberg. Kleiner, lauschiger, familiärer. Das merkt an diesem Abend auch mancher Fan mit Bedauern an.
Doch die typische Atmosphäre stellt sich auch auf dem Wasen ein. Spätestens, als um kurz nach 19 Uhr die ersten Klänge von „Musik ist Trumpf“ wie gewohnt das Konzert eröffnen, wippen die Sonnenblumen, tanzen die Menschen, singen alle aus vollem Halse mit, was der deutsche Schlager hergibt. Gecovert und neu interpretiert mit Augenzwinkern und Ironie, aber auch viel Respekt.
Es gibt jede Menge Altbekanntes. Kuhn, mit goldenem Mikrofon und Glitzeranzug, und seine Kapelle bieten ein Potpourri zwischen „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ und „Ti amo“. Nichts verlernt haben sie, obwohl der inzwischen 58-Jährige immer wieder darauf zurückkommt, wie hart die coronabedingte Pause gewesen ist und sie „etwas aufgeregt“ seien.
Die Tochter kommt auf die Bühne
Wobei: Die eine oder andere Neuheit gibt es dann doch. Weniger musikalisch als im Begleitprogramm. Da kommt Kuhns Tochter auf die Bühne und bringt zwischendurch Getränke. Vor kurzem hatte ein Auftritt ihres Vaters bei ihrem Abi-Ball für Aufsehen gesorgt. Jetzt revanchiert sie sich – und der Papa sagt stolz: „Sie ist die einzige in der ganzen Familiengeschichte, die Abitur gemacht hat.“ Im Publikum sind viele aus derselben Altersklasse wie die Tochter des Schlagerbarden – nach 30 Jahren Karriere hat Kuhn auf dem Wasen eine Fangemeinde vom Erstklässler bis zur Großmutter versammelt.
So mancher lieb gewonnene Brauch allerdings bereitet Kuhn Sorgen. Als die ersten Schlüpfer auf die Bühne fliegen, fragt er sich, ob das in der heutigen Zeit noch angebracht ist: „Ich weiß nicht, ob wir solche Geschenke noch annehmen dürfen“, sagt er, überlegt kurz – und ruft dann ins Publikum: „Aber wir tun’s gern. Bewerft uns mit Höschen und BHs!“ Das passiert dann auch prompt.
Knapp drei Stunden Musik
Fast drei Stunden lang geben Kuhn und seine Kapelle alles. Am Ende brennt das Klavier, steigen Feuerwerkskörper auf und Kuhn lässt das Publikum „Tränen lügen nicht“ alleine singen. Gerührt steht er auf der Bühne, brüllt dann „Ich liebe euch“ in die Menge. Und: „Solange wir da sind, können wir sagen: Wir lieben das Leben.“ Das gilt an diesem Abend auch für das Publikum. Wie sagt einer am Schluss so schön: „Möge der Dieter mindestens 90 Jahre alt werden und immer singen.“