Vor den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs ist die Wilhelma ein rein botanischer Garten. Bislang unveröffentlichte Fotos zeigen, wie sie 1942 ausgesehen hat.
Stuttgart - Das ist ein schöner Tag irgendwann im August 1942 in Stuttgart: Die Sonne scheint, Cumuluswolken scheinen vorüberzuziehen, die Bäume und Sträucher der Wilhelma stehen da in voller Pracht. Doch es fehlt komplett an Menschen, die diese Pracht bestaunen wollen an diesem Tag.
Das fügt sich insofern zu unserer Stuttgart-1942-Bilderserie, als auch dort viele Stadtteilansichten eher der von Geisterstädten gleichen: keine Menschen unterwegs. Das liegt natürlich an den Kriegszeiten: Junge Männer werden an die Front verpflichtet, alle anderen machen Überstunden in der Rüstungsindustrie. Feiertage, die auf einen Wochentag fallen, werden in dieser Zeit schon längst auf die Sonntage verlegt. Freizeit ist ein kostbares Gut im Sommer des Jahres 1942.
Ein botanischer Garten ohne wilde Tiere
Da spielt es wohl auch keine Rolle, dass aus heutiger Sicht der Wilhelma damals eine wichtige Attraktion fehlt: die wilden Tiere. Die gibt es in diesen Jahren in einem privat geführten Park bis 1942 auf der Doggenburg. Zum Zoo wird die Wilhelma erst allmählich in den 1950er Jahren, 1942 ist sie ein reiner botanischer Garten. Ob die Stadtverwaltung dieses Areal in Bad Cannstatt damals noch hegt und pflegt, lässt sich heute nicht wirklich beurteilen. Die Architektur im maurischen und im höfischen Stil entsprach freilich kaum den völkischen Idealen.
Auffällig ist aber, dass die Anlage noch in einem guten Zustand zu sein scheint – was man von vielen anderen Orten der Stadt aus dieser Fotoserie nicht behaupten kann: An vielen öffentlichen Gebäuden blättert der Putz 1942 gewaltig.
Die Nationalsozialisten haben ja ein Prestigeprojekt in Sachen Landschaftsgestaltung umgesetzt: die Reichsgartenschau 1939, also die Gestaltung des Killesbergparks, wie man ihn heute noch zum Teil erfahren kann. Ein Werbeplakat aus dem Jahr 1938 verkündet, die Wilhelma werde als Teil des Reichsgartenschaugeländes verstanden. Der Eintritt kostet eine halbe Reichsmark.
Fotos mit künstlerischen Ambitionen
Anders als seine Kollegen, die Stuttgart mehr oder weniger gewissenhaft dokumentieren, geht der Fotograf Helmut Schmidt aus der städtischen Bauabteilung mit geradezu künstlerischen Ambitionen ans Werk: Licht und Schatten, Nähe und Ferne, Perspektive und Ornamentik prägen seine Fotos. Die von ihm abgelichteten Motive sind auf der aus diesem Jahr überlieferten Bilderliste mit „Sonderaufgabe Öffentliche Gebäude und Anlagen“ überschrieben.
Die Damaszenerhalle und der Maurische Festsaal sind in einem Topzustand zu sehen, landschaftsarchitektonisch herausragend integriert. Deswegen gefallen diese Aufnahmen auch heute noch den Historikern, denn vom 20. Oktober 1944 an ist die Wilhelma nach zwei schweren Luftangriffen eine Trümmerwüste. Der zerstörte Festsaal wird später abgetragen. Hier steht heute das Aquarium mit dem Terrarium. Das Eingangsportal ist erhalten.
Die Orchideen sieht man nicht
Was auf den Fotos nicht zu sehen ist: Die Orchideensammlung der Wilhelma gilt bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges als deutschlandweit einzigartig und leistet damals durch den Verkauf von Nachzuchten einen erheblichen Beitrag zur Finanzierung des botanischen Gartens. Gibt es die Orchideen im Spätsommer 1942 noch oder sind sie da schon dem Anbau von Gemüse gewichen?
Die Produktion von Nahrungsmitteln steht 1942 im Mittelpunkt, entsprechende Erlasse sind bereits in Kraft. Nach dem Motto Nutz- statt Zierpflanzen sind die städtischen Gärtner gehalten, Kartoffeln, Kraut und Rüben in öffentlichen Parkanlagen zu pflanzen.
Wie auch immer die Wilhelma 1942 ausgesehen haben mag: Unmittelbar nach dem Krieg wird die Anlage zu einem wichtigen Gemüseversorger für die Krankenhäuser der Stadt.