Antiheld waren schon mal auf dem Weg nach oben – und haben die Schattenseiten des Musikbusiness kennengelernt. Nun legen die textstarken Stuttgarter Rocker ein tolles neues Album vor: „Goldener Schuss“
Stuttgart - Obwohl John Niven in seinem beißenden Roman-Abgesang „Kill your Friends“ den Gonzo-Gott Hunter S. Thompson falsch zitiert, ist dieses Bonmot einfach zu gut, um es gänzlich abzutun. „Das Musikgeschäft ist eine grausame und hirnlose Geldkloake“, heißt es da, „ein langer Korridor aus Plastik, in dem Diebe und Zuhälter tun und lassen, was sie wollen, und gute Menschen vor die Hunde gehen. Im Übrigen hat es auch eine negative Seite.“ Selbst wenn es der Autor von „Fear and Loathing in Las Vegas“ nicht exakt so gesagt hat, sitzt es – und ist vor allem etwas, das Luca Opifanti ohne einen weiteren Gedanken unterzeichnen würde.
Der Sänger hat mit seiner Band Antiheld eine turbulente Zeit hinter sich. Nach aufstrebenden Jahren als Stuttgarter Straßenmusiker schien 2017 ihre Stunde zu schlagen: Sie wurden von Starwatch Entertainment von der Straße geholt, der Plattenfirma des TV-Konzerns ProSiebenSat.1, zu deren Portfolio auch David Garrett, Gregor Meyle oder Santiano gehören. Global Player der Popwelt also, das große Geld, der große Ruhm, die großen Hallen.
Luca hat den Look
Doch es kam anders. „Es wurde uns sehr viel versprochen, es wurde uns sehr viel erzählt, es wurden sehr viele Träume aufgeblasen und dann wieder zum Platzen gebracht“, fasst Opifanti eine Chronik der Enttäuschung zusammen. Nicht zynisch oder verbittert. Einfach sachlich.
Er sitzt im Flora und Fauna, die Lederjacke nass vom plötzlichen Regenguss draußen, vor sich einen Cappuccino, Tabak zum Selbstdrehen. Die Bedienung in dem Rondell an den Mineralbädern erkennt ihn, sie war erst letztes Jahr auf einem Antiheld-Konzert. Geht ihm öfter so. Er hat den Look, wenn man Roxette zitieren möchte.
Und anfangs sah es ja auch alles sehr vielversprechend aus mit der schnellen Karriere: Der „Straßenköterpop“, wie Antiheld ihre Musik vor allem in ihrer Anfangszeit nannten, passte gut in den Zeitgeist. Die Musik war roh und auch ein wenig verkatert, dabei aber stets eingängig, markant und getragen von Opifantis tiefer Stimme. Dochihr Debüt „Keine Legenden“ blieb hinter den kommerziellen Erwartungen zurück.
Songs wie im Rausch
Glaubt man dem Sänger, so waren die aber eh von Anfang an viel zu astronomisch. „Da werfen irgendwelche Leute plötzlich mit Zahlen um sich, die man sich gar nicht vorstellen kann. So was kannte ich vielleicht aus dem Profifußball.“
Irgendwann, es war die Folge einer ziemlich schwierigen Beziehung mit entsprechend explosiver Trennung, schrieb Opifanti wieder Songs wie im Rausch. Um zu verstehen, wie er sagt, was da eigentlich mit ihm und in ihm passiert war. „Mir war schnell klar, dass die nächste Platte ,back to the Roots’ gehen würde. Dorthin eben“, zuckt er mit den Schultern, „wo ich herkomme: Rock, Punk, Alternative.“ Doch ihr Label sah das anders. „Sie wollten mich nach Schweden schicken, wo ich mit ein paar Pop-Produzenten ein Album voller Radiohits schreiben sollte. Sie wollten aus uns eine jüngere und coolere Version von Santiano machen. Das war der Punkt“, sagt er mit fester Stimme, „an dem ich ausstieg.“
Enger zusammengerückt
Man verzagte nicht. Stattdessen drückte man flott den Reset-Knopf, unterzeichnete beim Rock- und Metal-Label Arising Empire (das zu Nuclear Blast gehört) und schrieb mit „Goldener Schuss“ eine schonungslose Rock-Platte, die Katharsis und Verarbeitung gleichermaßen ist – ehrlich, echt und roh, mit den wahrscheinlich direktesten und besten Texten, die in diesem Jahr über die Liebe gesungen werden.
Was schon auf „Keine Legenden“ in Opifantis Texten und Songs schlummerte, wird jetzt entfesselt. „Wir sind noch enger zusammengerückt, noch überzeugter davon, was wir tun“, so Opifanti zu seiner vierköpfigen Band – die einmal kurz davor war, ihre Seele zu verkaufen.
Er selbst beschreibt das Album dann auch als Gegenentwurf zum ersten. „Damals hat uns ein unfassbar teurer Starproduzent in Andalusien aufgenommen, heute unser bester Freund Marius im Jugendhaus Hallschlag.“ Ihrer Musik hat diese Entscheidung sehr gut getan. Und wenn man sich Luca Opifanti heute so anschaut, dann auch ihm.