Steuerknüppel und Pedale gibt es in der neuen Kapsel nicht mehr, geflogen wird per Touchscreen. Eingreifen müssen die Astronauten erst beim Andockmanöver. Foto: //SpaceX

Am 27. Mai schickt die amerikanische Weltraumagentur Nasa ihre Astronauten erstmals wieder mit einer eigenen Fähre zur Raumstation – dank der Hilfe von Elon Musk, dessen Firma SpaceX die Kapsel namens Crew Dragon entwickelt hat.

Stuttgart - Nicht nur Millionen stolzer Amerikaner werden vor dem Bildschirm sitzen, wenn am Mittwoch, 27. Mai, zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder eine Rakete vom Kennedy Space Center in Florida abhebt, um Astronauten von amerikanischem Boden aus ins All zu bringen – auch der deutsche ESA-Astronaut Matthias Maurer wird mitfiebern. Denn dieser Start hat entscheidenden Einfluss auf sein Leben. Sollte er erfolgreich verlaufen, wird womöglich schon im Juli der reguläre Flugverkehr zur Station beginnen. Und damit auch bald feststehen, wann Maurer zur Internationalen Raumstation fliegt. Nach jetzigem Stand wird es voraussichtlich Ende des kommenden Jahres soweit sein. Maurer wäre der zwölfte Deutsche im All. Und der zweite, der als Teil einer europäischen Astronautenklasse ausgebildet worden ist.

 

Vor ihm ist allerdings noch sein französischer Kollege Thomas Pesquet dran. Pesquet brach jetzt aufgrund der Pandemie später als geplant zum Training in die USA auf. Klappt trotzdem alles so, wie Francois Macron und Angela Merkel es bei einem ihrer Treffen im vergangenen Jahr vereinbart haben, dann werden sich Pesquet und Maurer eine Zeit lang gemeinsam auf der Raumstation aufhalten.

Wegen Corona sind keine Zuschauer vor Ort

Zuletzt war im Juli 2011 ein Space Shuttle vom Kennedy Space Center aus ins All gestartet. Damals waren Hunderttausende gekommen, um den Start mitzuverfolgen. Ähnlich groß wollte die amerikanische Weltraumagentur NASA die Rückkehr zu einem regulären Flugverkehr jetzt feiern. Doch daraus wird nun nichts – in Zeiten einer Pandemie dürfen nicht einmal die Familien der beiden Astronauten Robert Behnken und Doug Hurley den Start live vor Ort mitverfolgen, wie das sonst üblich ist. Es mache ihn traurig, das sagen zu müssen, sagte Nasa-Chef Jim Bridenstine dazu bei einer Pressekonferenz im April: Aber er müsse allen Zuschauern abraten, zum Start zu kommen.

Dabei ist der heiß ersehnte Erstflug ein historischer Schritt: Gelingt er, muss die NASA nach fast neun Jahren endlich keine Flüge mehr bei der russischen Agentur Roskosmos buchen, um ihre Astronauten zur Raumstation zu bringen. Zugleich ist der Flug am 27. Mai eine Premiere: Die Kapsel namens Crew Dragon wurde vom privaten Raumfahrtunternehmen SpaceX entwickelt. Die Frachter-Variante der Dragon-Kapsel hat in der Vergangenheit bereits zahlreiche Versorgungsflüge zur Internationalen Raumstation absolviert. Die Weiterentwicklung zum Personentransporter war der logische nächste Schritt auch aus Sicht des Unternehmens – der Firmengründer Elon Musk, mit Tesla auch ein Pionier der Elektromobilität, plant die Besiedlung des Nachbarplaneten Mars noch zu seinen Lebzeiten.

Boeing unterlag im Wettstreit der Anbieter

Eine Kapsel zu entwickeln, die Astronauten sicher transportiert, ist keine kleine Herausforderung. Das zeigte auch das Commercial Crew-Programm. Die Nasa hatte nach dem Prinzip „Konkurrenz belebt das Geschäft“ zwei Unternehmen beauftragt: SpaceX und Boeing. Sie sollten parallel Raumfahrzeuge entwickeln. SpaceX hat das Rennen gewonnen – Mitte April verkündete Nasa-Chef Bridenstine gemeinsam mit Elon Musk den ersten Start mit Astronauten an Bord. Einen unbemannten Testflug hatte die Crew Dragon schon im März 2019 absolviert.

Der erste Flug von Boeings Starliner zur Raumstation war dagegen im Dezember spektakulär gescheitert – die Kapsel landete im falschen Orbit, ein Andocken war nicht möglich. Offenbar gab es nicht nur eines, sondern gleich mehrere Probleme mit der Software, wie eine Untersuchungskommission im Januar feststellte. Daraufhin ordnete die Nasa eine weitere Sicherheitsuntersuchung an. Anfang April verkündete Boeing, es werde einen neuen unbemannten Testflug geben, um zu beweisen, dass der Starliner sicher sei. Vor dem Hintergrund, dass die technischen Probleme der Boeing Max nach zwei Abstürzen nach wie vor nicht behoben sind, ist das ein herber Rückschlag für das US-Unternehmen.

Das Design ist deutlich eleganter als früher

Bei SpaceX fiebert man dem Start am 27. Mai entgegen. Zwar läuft auch hier nicht alles ganz so, wie Elon Musk sich das vorgestellt hat. Ursprünglich sollte die Kapsel fähig sein, stehend zu landen. Doch dies zu entwickeln, hätte den Start weiter verzögert. Nun wird die Crew Dragon-Kapsel bei der Rückkehr aus dem All einfach wie ihre Nasa-Vorgänger an Fallschirmen zur Erde schweben und ins Meer fallen. Davon abgesehen hat die Crew Dragon mit bisherigen Raumfahrzeugen so viel gemein wie ein Schwan mit einem Pelikan: Das Design des Cockpits wie auch der Raumanzüge ist deutlich eleganter. Die schicken Touchpads im Cockpit werden die beiden Astronauten an Bord während des etwa 18-stündigen Flugs zur Raumstation aber kaum brauchen. Die Kapsel wird vom Start um 16.32 Uhr Ortszeit an – so der Plan – bis kurz vor dem Andockmanöver 18 Stunden später völlig autonom fliegen. Erst dann wird die fliegerische Erfahrung von Robert Behnken gefragt sein, der zuvor schon zweimal mit einem Shuttle zur Raumstation geflogen ist. Erstflüge sind auch so schon aufregend genug – selbst für einen Testpiloten.

Weitere Infos: Hier kann man die Raumstation erleben

Simulation: SpaceX hat eine Simulation entwickelt, in der jeder Interessierte testen kann, wie gut ihm das Andockmanöver an der Raumstation gelingt (https://iss-sim.spacex.com/).

Start: Wer den Start der Crew Dragon-Kapsel am Mittwoch, 27. Mai, um 16.32 Uhr Ortszeit verfolgen möchte: Die NASA überträgt ihn auf ihrem eigenen Kanal live.

Tracker: Die Raumstation ist deutlich zu erkennen, wenn sie den Himmel überquert – vor allem abends kurz nach Sonnenuntergang. Die NASA bietet einen Benachrichtigungsservice unter https://spotthestation.nasa.gov

Rundgang: Mit Google Street View kann man sich auch innerhalb der Station umschauen. Der ESA-Astronaut Thomas Pesquet filmte die Räume während seines ersten Aufenthalts.