Tausende Bewohner von Mariupol bangen um ihre Zukunft. Die Hafenstadt am Asowschen Meer ist die letzte von der Ukraine kontrollierte Großstadt im umkämpften Osten des Landes. Die Region könnte bald zum Schlachtfeld werden. Ein Besuch bei den Menschen von Mariupol.
Mariupol - Das Asowsche Meer liegt wie ein Riegel aus Blei vor dem grauen Himmel. Wellen schwappen an den Strand von Berdyans`ke. Die Katzen des Dorfs bevölkern die Sandpiste, die durch den Ort zwanzig Kilometer östlich von Mariupol führt. Unverputztes Mauerwerk, Pappe statt Glas in Fensterhöhlen sieht man hier. Leben in Berdyans`ke auch Menschen?
Hinter einem aufgebocktem VW-Bus taucht unvermittelt ein Paar Arbeitsstiefel auf. In ihnen steckt ein Mann, der auf Knien den Rost an der Achse eines Kleinbusses untersucht. Er nennt sich Wanja, eigentlich sei er Fischer wie alle Männer in Berdyans`ke, erzählt der junge Mann. Als der Krieg in der Ostukraine 2014 begann, habe die ukrainische Marine begonnen, Seeminen vor der Küste von Berdyans´ke zu verlegen. Die Armee untersagte das Fischen. „Ich habe Glück gehabt und einen Job als Fahrer gefunden“, sagt er. Als ein gepanzertes Fahrzeug der Ukrainer an ihm und seinem Bus vorbeifährt, zischt er: „Die sollen verschwinden“. Wanja zeigt auf das Ende der Sandpiste. Dort liegt die letzte Stellung der ukrainischen Armee. Dahinter beginnt das Territorium der Separatisten. Wanja schraubt an seinem in die Jahre gekommen VW-Bus einige Dutzend Meter von der Frontlinie zwischen der Ukraine und den pro-russischen Separatisten herum, auf die alle Welt gerade ihre Aufmerksamkeit richtet. Zu den Nachrichten über einen bevorstehenden Krieg fällt ihm nicht viel ein. Es werde schon seit acht Jahren in seinem Dorf geschossen, sagt er. „Mal ist es mehr, mal weniger “, meint Wanja, als spräche er von einer Laune des Wetters.
Es riecht nicht nach Salz und See, es stinkt nach offenen Giftmüllfässern
Östlich von Berdyans`ke liegen die Trümmer des früheren Ferienorts Schyrokyne, westlich die noch bewohnten, aber menschenleer wirkenden Ortschaften Sopyne und Pioners`ke mit ihren von Schrapnell durchlöcherten Fassaden. Dann tauchen schon die Schlote und Plattenbauten der Hafenstadt Mariupol auf. Ukrainische Soldaten kontrollieren Papiere und filzen den Kofferraum an einem Checkpoint vor der Stadt. So wollen sie sicherstellen, dass keine Waffen aus den Dörfern nach Mariupol gelangen.
Dunst liegt über der Hafenstadt. Es ist keine Nebelbank, die sich vom Asowschen Meer herangewälzt hat und nun über der Küstenstadt mit ihren 440 000 Einwohnern liegt. Rauch quillt weiß, grau und schwarz aus den Kaminen der Stahlfabriken Asow-Stahl und Illjitsch. Die Ungeheuer mit ihren Schloten, Pumpen und Röhren im Zentrum gehören beide zum Stahlimperium Metinvest des Oligarchen Rinat Achmetow. Es riecht in Mariupol nicht nach Salz und See. Es stinkt je nach Windrichtung nach offenen Giftmüllfässern. Die Menschen hier munkeln von einem „kleinen Tschernobyl“ sollten Raketen die Tanks mit ätzenden und giftigen Flüssigkeiten in den Fabriken treffen.
Noch schweigen die Waffen in Mariupol
Mariupol und Metinvest, das ist für manche ein und dasselbe. Der Unternehmer und Oligarch Rinat Achmetow stieg als Sohn eines Donezker Bergmanns in den 90er Jahren nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 zu sagenhaftem Reichtum auf und gründete das Stahlimperium Metinvest. Das Herzstück sind die beiden ehemaligen sowjetischen Metall-Kombinate in Mariupol. Als die Separatisten im Mai 2014 Mariupol einnahmen, hielt sich Achmetow zunächst bedeckt. Dann eroberte die ukrainische Armee die Stadt im Juli 2014 zurück. Rinat Achmetow drückte nach dem Sieg der Ukrainer seinen Stahlarbeitern Waffen in die Hand und gab ihnen den Auftrag, künftig gemeinsam mit den einrückenden Soldaten der Ukraine die Separatisten fernzuhalten. Grad-Raketen trafen im Januar 2015 den Kiew-Markt in Mariupol im Osten der Stadt und umliegende Wohnhäuser. Sie rissen 30 Menschen in den Tod. Seitdem schweigen die Waffen in Mariupol. Nur der Wind trägt manchmal das Donnern der Geschütze von der Front hinter Berdyans´ke und bei Schyrokyne in die Stadt.
Mariupol liegt auf halber Strecke zwischen der von Russland annektierten Halbinsel Krim und den von den Separatisten kontrollierten Teilen des Donezbeckens um die Großstädte Donezk und Luhansk.
Noch hat die Ukraine mit Mariupol einen Hafen am Asowschen Meer und eine Basis, von der ihre Truppen die Küstenlinie zwischen der Krim und der russischen Grenze kontrollieren können. Wäre Mariupol in russischer Hand, stünde nichts mehr einer Landverbindung zwischen der Krim und Russland entgegen. Die Krim wäre dann ein geografisch fester Bestandteil Russlands, ein Alptraum für die Ukraine. Doch wie will das Land eine Stadt halten, in der manche vielleicht gar nicht verteidigt werden wollen?
Die meisten Menschen hörten hier auf diejenigen, die ihnen Lohn und Rente zahlten
Valery Aweryanow erscheint im Tarnanzug in der Kneipe „Bier-Keller“ im Zentrum von Mariupol. Der pro-ukrainische Aktivist der Gruppe „Nein zur Kapitulation“ bestellt sich einen Saft, während er seine für die Ukraine düstere Sicht auf die Stimmung in der Bevölkerung schildert. „Ein Drittel sitzt auf dem Sofa und will seine Ruhe haben. Vielleicht zehn Prozent sind pro-ukrainisch. Mehr als 50 Prozent sind für Russland“, sagt er. Aweryanow holt zu einer Geschichtsstunde aus. Die Industrialisierung des Donbass mit seinen Kohlegruben und Stahlfabriken habe am Ende des 19. Jahrhunderts Menschen aus dem ganzen Zarenreich angezogen. „Deshalb leben heute so viele Russen hier und fast alle sprechen Russisch“, meint der Aktivist. Der Sowjetunion waren Kohl und Stahl für ihre Industrialisierungspläne wichtig. Also sei es den Metallarbeitern in Mariupol in der UdSSR besser gegangen als in den Menschen im landwirtschaftlich geprägten Westen der Ukraine. Die Zeit vor dem Zerfall der UdSSR sei für viele in Mariupol immer noch die „gute, alte Zeit“, meint Aweryanow. Wie zu Sowjetzeiten hörten die meisten Menschen in Mariupol immer noch auf diejenigen, die ihnen Lohn und Rente zahlten. Statt der Partei ist das heute vor allem der Oligarch und maßgebliche Arbeitgeber Rinat Achmetow.
Der ukrainische Präsident Wolodmyr Selenski beschuldigte den Stahlmagnaten im Dezember, einen Staatsstreich gegen ihn zu planen und dabei mit Russland zusammenzuarbeiten. Achmetow und Selenski streiten sich über ein im September 2021 verabschiedetes Oligarchengesetz. Es soll den Einfluss der Superreichen etwa auf die Medien in der Ukraine beschränken. Achmetow empfand das Gesetz als gegen ihn gerichtete Kriegserklärung. Ausgerechnet ein Erzfeind des Präsidenten beherrscht nun die Stadt, die für die Ukraine strategisch wichtig ist.
„Die Ukraine ist auf jeden Fall viel sichtbarer geworden für die Menschen“
In einer Stadt, die angeblich in der Sowjetunion stehen geblieben ist, gibt es schon seit einigen Jahren mit der Initiative To in einem Gebäude an der Straße Mytropolytska einen offenen Raum für alternative und queere Kunst. Diana Berg und Faith Protsky erklären, warum ihnen Stereotype über ihre Stadt und den Osten der Ukraine nicht gefallen. Nicht jeder Arbeiter in den Stahlfabriken sei pro-russisch, nicht jeder mit Universitätsdiplom für die Ukraine. Und nicht jeder Unterstützer der Ukrainer sei aufgeklärt und fortschrittlich. „Wir haben auch Probleme mit den ukrainischen Nationalisten. Idioten gibt es da auch“, meint Berg. Sie macht aus ihrer pro-ukrainischen Haltung keinen Hehl. Nach dem Abzug der Separatisten habe sich die Stadt zum Besseren verändert. Die Kommune hatte in der nach der Maidan-Revolution 2014 dezentralisierten Ukraine mehr Geld in der Tasche, um das triste Stadtbild zu verändern. „Die Ukraine ist auf jeden Fall viel sichtbarer geworden für die Menschen“, sagt Berg. Protsky und Berg sind überzeugt, dass die Sowjet-Nostalgie dem Realitätstest auf Dauer nicht standhalten würde. Doch der Krieg läge wie Mehltau auf der gesellschaftlichen Entwicklung. Die neuen Freiräume für Künstler, Feministinnen oder sexuelle Minderheiten entwickelten sich erst nach dem Sieg der ukrainischen Armee über die Separatisten in die Stadt. Vielleicht verschwinden die Kiewer Truppen aber schon bald aus Mariupol. Was wird dann aus Leuten wie ihnen? „Wenn es schief geht, sehen wir uns in irgendeinem europäischen Land wieder“, meint Protsky.
Das Szenario klingt lebensgefährlich für die Zivilisten in der Stadt
Die ukrainische Armee ist in Mariupol in diesen Tagen nicht zu übersehen. Militärlaster und gepanzerte Fahrzeuge gehören zum Straßenbild. Ein Sprecher der Streitkräfte in Mariupol will sich keine Zahlen entlocken lassen, wie viele Soldaten derzeit in Mariupol stationiert sind und in welchem Umfang weitere Truppen für die Verteidigung der Stadt mobilisiert werden. Ein interessantes Detail verrät er aber: Die Armee übe derzeit den Häuserkampf. Das Szenario klingt lebensgefährlich für die Zivilisten in der Stadt.
Die Wintersonne blitzt durch die Löcher im Dach über dem Kiew-Markt im Osten von Mariupol. Die Splitter der explodierenden Grad-Raketen hatten sie am 25. Januar 2015 in das Wellblech gerissen. Darunter gingen die Menschen in Deckung. Andere wurden vom Schrapnell getroffen und lagen in Blutlachen zwischen den Marktständen. Es dauert lange, jemanden zu finden, der über das Unglück reden will oder Sorgen vor einer Wiederholung. Eine Wäscheverkäuferin erzählt schließlich, wie sie sich während der Attacke unter einen Container verkroch, während um sie herum Menschen starben. Sie verkaufe seit dem Angriff jeden Tag Unterwäsche auf dem Kiew-Markt. In den ersten Jahren sei sie nach der Schließung der Stände sofort zur Bushaltestelle gerannt, um so schnell wie möglich vom Markt wegzukommen. Sie werde trotz ihre Ängste weiter ihre Wäsche auf dem Markt verkaufen, wenn die Lage sich weiter zuspitzt. Einfache Menschen wie sie hätten in Mariupol keine andere Wahl.