Eines Tages, in der Erzählung „Welthölzer“, verlangt es die Diplomatie, dass sein Vater mit einem Arbeitskollegen, Herrn Wehner, einen Fahrradausflug unternimmt. Dass sich die beiden Männer, der SPD-Kanzler und der SPD-Fraktionschef, nicht mögen, erkennt der Sohn an der „lauten und launigen Weise“ der Begrüßung, die er nur von Menschen kennt, die durch „persönlichen oder dienstlichen Zwang aneinandergekettet sind“. Matthias soll nun als Anstandskind für einen glücklichen Verlauf der Radtour sorgen. Das Problem: Vater kann nicht Fahrrad fahren und fällt ins Möhrenbeet, was der Ich-Erzähler minutiös als Kentern eines leckgeschlagenen Boots beschreibt – ein Kabinettstück von großer bitterer Komik, durchzogen von einer irren Mischung aus Schadenfreude, Fremdscham und Trauer angesichts dieser väterlichen Peinlichkeit. Denn es war ja so: Bei den Brandts musste nicht der Vater den Sohn beschützen, sondern der Sohn den Vater. Und der Sohn hat bei der Tourplanung wieder mal versagt.

Erzählung um Erzählung setzt sich so das Bild einer Kindheit zusammen, die anders war. Brandt wurde, wie er in einem Interview erklärte, in eine „höfische Situation“ geboren, die ihm viel Anschauungsmaterial geboten habe. Dass darunter auch Personen der Zeitgeschichte waren, Staatsgäste und andere hohe Tiere, sei ihm wurscht gewesen: Kinder seien in der Regel keine Sozialdemokraten und demzufolge auch nicht an sozialdemokratischen Berühmtheiten interessiert – die „Raumpatrouille“ ist deshalb auch kein Schlüsselroman zur Ära Brandt. Die Kunst des Erzählers liegt vielmehr darin, hinter der höfischen Aufzucht des Kanzlersohns auch das ganz gewöhnliche Heranwachsen eines Jugendlichen zu beschreiben, für den Günter Netzer der Held der Stunde ist. Der Junge, der Matthias Brandt war, frisst sich durch den Unterhaltungsbrei der siebziger Jahre, er schaut Wim Thoelke, „Bonanza“ und „Raumpatrouille Orion“ und entdeckt auch immer wieder den Abgrund, der sich in seinem Innern auftut. In der fulminanten Erzählung „Kein Laut“ wird er, weil er nicht Opfer werden will, zum Täter – und tobt, um sein Ansehen bei den Klassenkameraden nicht zu verlieren, seinen Sadismus an einem Außenseiter aus, den er heimlich zum Freund und Verbündeten gewonnen hat.

Obwohl in Film und Fernsehen begehrt wie nie, ist Matthias Brandt der Rollenwechsel vom Schauspieler zum Autor reibungslos gelungen. Seine sich zu einem Zeitporträt fügenden Erzählungen sind mehr als nur die Fingerübungen eines Debütanten und müssen sich hinter anderen gewichtigen Adoleszenz-Geschichten nicht verstecken: Die „Raumpatrouille“ ist schon jetzt eine der Überraschungen des anlaufenden Buchherbsts.

bar. Unentwegt ist der kleine Matthias mit seiner Kinderfantasie auf der Suche nach Ersatzvätern, sei’s der in der Nachbarschaft wohnende nette Herr Lübke, der Bundespräsident war und heiße Schokolade liebt, sei’s der geheimnisvolle Briefträger Herr Vianden oder eben der leutselige Wachmann Herr Stöckl, der kurz seinen Posten verlässt – und wenn der Junge mit „Papapapapapapa“ auf ihn schießt, steckt im lautmalerischen Kugelhagel nicht von ungefähr dreimal der sehnsüchtig vermisste, inständig gehasste Papa drin.

Brandt wägt seine Worte genau ab. Mit präziser Sprache taucht er in sein früheres Leben ein, um sich als introvertiertes Kind, das nur bei seiner Mutter die erwünschte Geborgenheit findet, wieder auferstehen zu lassen. Genau das, Präzision, Empathie und Psychologie, sind auch die Mittel, mit denen er als Schauspieler vor der Kamera, unter anderem im Münchner „Polizeiruf 110“, brilliert. Brandt treibt seine Filmfiguren nicht in die Explosion, sondern in die Implosion, er trumpft in seinen Rollen nicht auf, sondern verglüht, verglimmt, verkohlt auf minimalistische Weise. Und dieses Unterspielen prägt auch sein Schreiben: Die Erwachsenenperspektive lässt Brandt höchstens sachte hinter der strikt durchgehaltenen Kinderperspektive aufblitzen, dabei fern jeglicher Besserwisserei, die angesichts der Naivität eines sich in eskapistischen Träumen verlierenden Jungen nahe liegen würde. Aber Brandt verrät das Kind, das er war, nicht. Und wenn er dann doch mal aus der Vogelperspektive auf seine Vaterlosigkeit blickt, dann mit grimmigem Humor.

Im Unterhaltungsbrei der siebziger Jahre

Eines Tages, in der Erzählung „Welthölzer“, verlangt es die Diplomatie, dass sein Vater mit einem Arbeitskollegen, Herrn Wehner, einen Fahrradausflug unternimmt. Dass sich die beiden Männer, der SPD-Kanzler und der SPD-Fraktionschef, nicht mögen, erkennt der Sohn an der „lauten und launigen Weise“ der Begrüßung, die er nur von Menschen kennt, die durch „persönlichen oder dienstlichen Zwang aneinandergekettet sind“. Matthias soll nun als Anstandskind für einen glücklichen Verlauf der Radtour sorgen. Das Problem: Vater kann nicht Fahrrad fahren und fällt ins Möhrenbeet, was der Ich-Erzähler minutiös als Kentern eines leckgeschlagenen Boots beschreibt – ein Kabinettstück von großer bitterer Komik, durchzogen von einer irren Mischung aus Schadenfreude, Fremdscham und Trauer angesichts dieser väterlichen Peinlichkeit. Denn es war ja so: Bei den Brandts musste nicht der Vater den Sohn beschützen, sondern der Sohn den Vater. Und der Sohn hat bei der Tourplanung wieder mal versagt.

Erzählung um Erzählung setzt sich so das Bild einer Kindheit zusammen, die anders war. Brandt wurde, wie er in einem Interview erklärte, in eine „höfische Situation“ geboren, die ihm viel Anschauungsmaterial geboten habe. Dass darunter auch Personen der Zeitgeschichte waren, Staatsgäste und andere hohe Tiere, sei ihm wurscht gewesen: Kinder seien in der Regel keine Sozialdemokraten und demzufolge auch nicht an sozialdemokratischen Berühmtheiten interessiert – die „Raumpatrouille“ ist deshalb auch kein Schlüsselroman zur Ära Brandt. Die Kunst des Erzählers liegt vielmehr darin, hinter der höfischen Aufzucht des Kanzlersohns auch das ganz gewöhnliche Heranwachsen eines Jugendlichen zu beschreiben, für den Günter Netzer der Held der Stunde ist. Der Junge, der Matthias Brandt war, frisst sich durch den Unterhaltungsbrei der siebziger Jahre, er schaut Wim Thoelke, „Bonanza“ und „Raumpatrouille Orion“ und entdeckt auch immer wieder den Abgrund, der sich in seinem Innern auftut. In der fulminanten Erzählung „Kein Laut“ wird er, weil er nicht Opfer werden will, zum Täter – und tobt, um sein Ansehen bei den Klassenkameraden nicht zu verlieren, seinen Sadismus an einem Außenseiter aus, den er heimlich zum Freund und Verbündeten gewonnen hat.

Obwohl in Film und Fernsehen begehrt wie nie, ist Matthias Brandt der Rollenwechsel vom Schauspieler zum Autor reibungslos gelungen. Seine sich zu einem Zeitporträt fügenden Erzählungen sind mehr als nur die Fingerübungen eines Debütanten und müssen sich hinter anderen gewichtigen Adoleszenz-Geschichten nicht verstecken: Die „Raumpatrouille“ ist schon jetzt eine der Überraschungen des anlaufenden Buchherbsts.

Matthias Brandt: Raumpatrouille. Geschichten. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 176 Seiten, 18 Euro.

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