Yavuz Köroglu als Känguru Foto: Regina Brocke

Marc-Uwe Kling hat mit seinen drei Büchern rund um ein antikapitalistisches Känguru Kultwerke geschaffen. Jetzt sind die „Känguru-Chroniken“ im Stuttgarter Theaterhaus auf der Bühne zu sehen.

Stuttgart - In Stuttgart wurde er geboren. Von hier zog er los, um in Berlin ungezählte Semester Philosophie zu studieren. Wenn man dort die „Lesedüne“ aufsucht, eine Lesebühne, deren prominentestes Mitglied er ist, sieht man Warteschlangen, die sich um mehrere Häuserecken winden. Der Mann hat einen in der Kleinkunstszene einzigartigen Kult erschaffen: um sich und um ein fiktives, antikapitalistisches, vorlautes Beuteltier, das bei Marc-Uwe Kling, pardon, bei einem ihm recht ähnlichen Ich-Erzähler einzieht: bei einem Kleinkünstler, der nicht gerne als solcher bezeichnet wird.

Die drei Bände umfassende Känguru-Geschichten, deren erster den Titel „Känguru-Chroniken“ trägt, sind Bestseller. Sprüche wie „‚Mein‘ und ‚dein‘ – das sind doch bürgerliche Kategorien!“ bekommt man mittlerweile in tausenden Studentenwohngemeinschaften zu hören. Etwa, wenn sich einer über den Biervorrat eines anderen hermacht. In manchen Kreisen dienen diese Wendungen als Erkennungs-, wo nicht gar als Gesinnungsmerkmal. Marc-Uwe Klings Literatur ist der Thermomix der Halbintellektuellen – das ist nicht abwertend gemeint. Werner Schretzmeierhat die Geschichten ums Känguru im Theaterhaus inszeniert. Am Donnerstag feierte das Stück Premiere.

Der Klassenkampf beginnt

Vor einer kärglich dekorierten Wand sitzt der namenlose Kleinkünstler (Roman Roth) im blau-weiß-gestreiften Schlafanzug auf dem Sofa. Er zupft an Gitarrensaiten, tiriliert: „Ich hätte auch so gern ein Hobby. Ein Hobby ist mein Traum.“ Dann klingelt’s an der Tür: „KLINGKLING! KLINGKLING!“ Das Känguru (Yavuz Köroglu) möchte Mehl. Und Eier. Und eine Schüssel. Und einen Herd. Da kann es im Grunde ja auch gleich hier wohnen. Der Klassenkampf beginnt.

Gemeinsam diskutieren die beiden mit Nazis, erinnern Banker an deren verdrängtes Gewissen und spielen das Falsch-zugeordnete-Zitate-Spiel: „Ozapft is!“ – Graf Dracula. „Leiht mir euer Ohr!“ – Vincent van Gogh.

Das Känguru-Kostüm ist Gudrun Schretzmeier gut gelungen: Ein in Brauntönen gehaltenes Ganzkörperoutfit samt Ohren, Beutel und Schwanz, ergänzt durch eine schwarz bepinselte Nase und gleichfarbig lackierte Fingernägel. Der Kleinkünstler streift den Schlafanzug ab und trägt Sakko zu Turnschuhen. Zur Klampfe greift er immer mal wieder: Marc-Uwe Kling ist auch Musiker und hat einige seiner Songs ins Theaterwerk integriert. Während Kling diese bei seinen Soloauftritten meist mit melancholisch-gleichgültigem Timbre vorträgt, singt Roth mitunter aus voller Kehle: „Nananana! Ich weiß noch nicht, was ich mal werden will, es gibt so viele interessante Sachen! Ich weiß nur: Ich will auf jeden Fall was ohne Menschen machen!“

Die Theaterfassung stammt von Marc-Uwe Kling selbst

Kling hat diese Theaterfassung selbst geschrieben. Das merkt man dem Stück an, wenn es vorübergehend auf einer Metaebene spielt. „Dann stecken wir eben irgendeinen bühnengeilen Idioten in ein dämliches Kostüm“, sagt der Kleinkünstler, als es um die theatralische Darstellung des Kängurus geht. Ein andermal stellt sich Roth vors Publikum: „Hier spricht der Geist von Marc-Uwe Kling! Ich bin gefangen im Körper dieses mittelmäßigen Schauspielers, helfen Sie mir! Sie glauben mir nicht? Würde ich sonst wohl das hier tun?“, sagt er und ohrfeigt sich selbst.

Diese Brüche sind kluge Einfälle, denn dank ihrer verkommt die Inszenierung nicht zur Sitcom-artigen Pointenreihung. Die beiden Hauptakteure neigen leider dazu, ihre Zeilen affektiert, auf Lacher lauernd von sich zu geben. Hervorzuheben und einmal mehr zu loben ist hingegen Stefan Moos, der sich als wunderbar zerstreuter Ansager verhaspelt und später in der Rolle des Rassisten eine Kängurufaust mit dem eigenen Nasenbein zu spüren bekommt.

Einen roten Faden gibt es nicht in dieser Revue der lustigsten Känguru-Abenteuer. Auch darüber amüsiert sich der Macher, wenn er das Protagonistenpaar streiten lässt: „Wieso denn jetzt ausgerechnet die Flughafengeschichte?“ – „Die Leute lieben die Flughafengeschichte, die muss mit rein!“ Für Unwissende: Das Känguru wird vom Sicherheitspersonal aufgefordert, seinen bedauerlicherweise angewachsenen Beutel abzugeben. „Ein Idiot in Uniform ist immer noch ein Idiot!“, stellt es daraufhin fest.

Systemkritik in einfachen Sätzen

Fans lieben das Klingsche Känguru auch, weil es angebrachte Systemkritik in vergleichsweise einfachen, beinahe kindlichen Sätzen ausdrückt. Damit verliert ebenjene Kritik notwendigerweise an Schärfe. Direkt attackiert wird niemand. Während Kling diese Harmlosig- mit der eigenen Schnoddrigkeit hervorragend zu kontrastieren und kaschieren weiß, gelingt das der Inszenierung über weite Strecken nicht. Dass die Forderung des Rechts auf Arbeit etwa schon die Niederlage der Arbeiterklasse bedeute, „weil sie systemimmanent und damit wirkungslos ist“, und dass man demnach eher so wenig Arbeit wie möglich zu fordern habe, das darf das Känguru schon anmerken. Allein: Seine These geht zwischen Scherzen unter. So schafft man den vom Beuteltier ersehnten Sprung von der Wissens- in die Dissensgesellschaft wohl nicht.

Spaß bereitet das Stück dennoch. Der Wortwitz und die Sophistereien bleiben komisch. Schön sind auch ulkige Details wie ein gleich einem Hündchen herangepfiffenes, ferngesteuertes Mikrofonpodest. Einen neuen Aspekt kann die Bühnenfassung den „Känguru-Chroniken“ zwar nicht beisteuern. Doch die Liebhaber kennen die Werke ja ohnehin aus allen Perspektiven, während die im Publikum anwesenden Neu- und Jünglinge sich nach der Theaterkarte wohl bald auch eines der Bücher kaufen werden. Das antikapitalistische Känguru ist ein Meister der Selbstvermarktung.

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