Mit mehr Aufklärung statt Zwang soll die relativ geringe Impfbereitschaft unter den Pflegekräften in Heimen und Krankenhäusern bekämpft werden, betont die Bundesregierung. Woher kommt die große Skepsis ausgerechnet in dieser Berufsgruppe?
Stuttgart - Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) beharrt darauf: In dieser Pandemie werde es keine Impfpflicht geben, bekräftigt er am Mittwochmorgen. Die Zusage, dass es bei der Freiwilligkeit bleibt, ist vor allem an die Pflegekräfte gerichtet, unter denen im Schnitt etwa jede und jeder zweite eine große Skepsis gegenüber den Covid-19-Impfungen zeigt. Genauere Erhebungen gibt es noch nicht. Spahn und auch Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) betonen ebenso wie viele Verbandsvertreter der Branche, dass Aufklärung mehr bewirke als Zwang. Woher kommt die Verunsicherung der Pflegekräfte? Dazu einige wesentliche Faktoren.
Aus dieser Haltung resultiert eine erhöhte Ansteckungsgefahr für sie selbst und folglich auch für die Bewohner. Und weil die mobilen Impfteams keine Pflegeheime aufsuchen, in denen es Corona-Ausbrüche gibt, wird die ganze Impfkampagne dadurch massiv abgebremst.
Die Bedenken der Impfmuffel Das Bild ist sehr diffus. Sie habe sich länger mit dem Thema beschäftigt und im Kollegenkreis herumgefragt, schildert eine Pflegerin – nun sorge sie sich wegen Nebenwirkungen und Spätfolgen. Die Zeitspanne der Zulassungsverfahren auf EU-Ebene sei zu gering gewesen, argumentiert eine ähnlich misstrauische Kollegin. Sie wolle bis zum Sommer warten, um zu beobachten, wie verträglich die Impfung ist. Groß sind allgemein die Fragezeichen, dass sich in so einer kurzen Zeit überhaupt ein Vakzin entwickeln lässt, nachdem die Erforschung von Impfstoffen in den Vergangenheit stets mehrere Jahre gedauert hat oder gar gänzlich erfolglos geblieben ist. Viele auch ernsthafte Fragen werden zur Entstehung der Stoffe aufgeworfen. Besonderen Argwohn erregt das neuartige mRNA-Vakzin der Hersteller Biontech und Moderna – mit der Sorge, dass dadurch das Erbgut verändert werden könnte. Dazu betont das zuständige Paul-Ehrlich-Institut für Arzneimittelsicherheit, dass „keine Gefahr einer Integration von mRNA in das humane Genom“ bestehe. Und Langzeitnebenwirkungen seien bei Impfstoffen generell nicht bekannt.
Die Kampagnen der Gegner vor Ort Eine besondere Wirkung, bekennen erfahrene Arbeitgebervertreter der Branche, zeigt die Stimmungsmache der organisierten Corona-Leugner. Da liegen plötzlich Flyer in manchen Heimen, deren Inhalte von den Beschäftigten aufgenommen werden. Wie sie dorthin kommen, ist offen. Von „Schreiben obskurer Institutionen“ berichtet ein Geschäftsführer. Sie enthalten Warnungen vor den Impfrisiken und Mahnungen an die Heimträger, dass sie keinen Zwang ausüben dürfen, um sich nicht strafbar zu machen – bis hin zur Aufforderung, Verstöße zu melden.
Vor allem aber stoßen die Beschäftigten in den sozialen Netzwerken auf die teils kruden Argumente, Gerüchte und Falschmeldungen, die die allgemeine Impfbereitschaft weiter dämpfen. Völlig absurde Ängste werden da geschürt, etwa vor einer Zeugungsunfähigkeit oder Vergiftung durch das Vakzin. Unter #ichlassemichnichtimpfen wird auf Facebook tausendfach die Abneigung dokumentiert – zum Beispiel die von einem User, der es „nicht zulasse“, dass seine 103-jährige „Omi“ im Pflegeheim „als Versuchskaninchen dienen soll“. Die Pflegeheimleitung habe sehr verständnisvoll reagiert: Sie selbst habe „mit gemischten Gefühlen diesbezüglich zu kämpfen“ und hoffe, „dass der Unfug schnell ein Ende haben wird“. Die Pflegefachkraft Katharina, jüngst noch in einer Onkologie tätig, schildert, dass ihr Chef mit Kündigung gedroht hätte, weil sie nicht geimpft werden wolle. Daraufhin habe sie sich von ihrer Arbeitsstelle getrennt.
Die Verschwörungslegenden im Netz Im Internet werden abwegige Impfmythen in großer Zahl transportiert. Die wohl bekannteste ist der Verdacht, dass Microsoft-Gründer Bill Gates die Pandemie als Vorwand nutzt, um eine weltweite Impfpflicht einzuführen. Bei der Impfung werde ein Mikrochip-Implantat in den Körper eingepflanzt, um die Menschen zu bespitzeln und zu dezimieren. Eine andere Theorie lautet, dass mit Impfungen eine neue digitale Weltherrschaft etabliert werden solle. Die Youtube-Videos der so etwas behauptenden Verschwörungstheoretiker werden millionenfach angeschaut – auch von Beschäftigten der Pflegebranche. Echte Impfgegner sind in Deutschland eine kleine Minderheit, doch das Netz gibt ihnen eine riesige Bühne.
Schwer beweisen lässt sich die Urheberschaft solcher Legenden. Es gibt mittlerweile mehrere wissenschaftliche Untersuchungen aus den USA, wonach Desinformationskampagnen, die Anti-Impf-Inhalte verstärken, in signifikanter Zahl aus Russland kommen oder über Akteure, die damit in Verbindung gebracht werden, in die allgemeine Debatte eingeschleust werden. Tausende von russischen Accounts verbreiten demnach impfkritische Inhalte. Aber – auch dies nachzuvollziehen fällt schwer.
Der Bezug zur Masernimpfpflicht Kritik an der Impfpflicht ist nicht neu: Seit dem 1. März 2020 müssen Kinder in Kitas und Schulen ab dem vollendeten ersten Lebensjahr gegen die hochansteckende Masernkrankheit immunisiert sein – Gleiches gilt für Erzieher, Lehrer, Tagespflegepersonen und medizinisches Personal. Dagegen haben einige Eltern Verfassungsbeschwerde eingelegt. Die Frage ist, ob der Staat derart in Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit eingreifen darf. Eilanträge gegen die Masernimpfpflicht hat Karlsruhe im Mai 2020 schon abgelehnt.
Es gibt jedoch einen wesentlichen Unterschied: Bei Masern kann eine Virusweitergabe nach der Impfung ausgeschlossen werden – das ist bei Corona-Impfstoffen wissenschaftlich noch nicht erwiesen. Daher hält der deutsche Ethikrat bei Masern eine gesetzliche Pflicht für Berufsgruppen in besonderer Verantwortung und in gut begründeten Fällen für zulässig. Bei Corona wird nur eine „bereichsbezogene Pflicht“ – bei der Versorgung von sehr verletzlichen Menschen, die man nur dadurch schützen kann – befürwortet.