Zehnkämpfer Rico Freimuth und Kai Kazmirek (li.): Das System braucht Funktionäre, erst recht bei Olympischen Spielen Foto: dpa

DOSB-Vorstandschefin Veronika Rücker ist seit Januar im Amt und setzt sich ehrgeizige Ziele: Die First Lady des deutschen Sports will Olympische Spiele in Deutschland, besser informierte Athleten und mehr Geld vom Bund.

Stuttgart – Unbestritten ist: der deutsche olympische Spitzensport muss sich reformieren, wenn er international auch in Zukunft zu den Besten zählen will. Über den Umbau gibt es Streit – um Zuständigkeiten und ums Geld. Nur das Ziel bleibt bestehen: Noch einmal Olympische Spiele in Deutschland.
Frau Rücker, passt Ihr Aufschlag noch?
(lacht) Ich hoffe doch. Genau kann ich es aber nicht sagen. Wir hatten am vergangenen Wochenende spielfrei.
Sie spielen mit den Damen 40 in der höchsten deutschen Klasse.
Ja, mit dem Kölner HTC Blau-Weiß – dort spiele ich seit über 25 Jahren.
Die ersten Stürme als neue DOSB-Vorstandsvorsitzende haben Sie bereits überstanden.
Ich würde sagen: Mein Team und ich sind noch mitten drin. Aber wir haben auch schon sonnige Zeiten erlebt. Die Winterspiele in Pyeongchang waren als beruflicher Einstieg für mich ein tolles Erlebnis. Der Spirit im Team D hat mich begeistert.

Das Besondere an Olympia erklären

Haben die Olympischen Spiele in Deutschland noch eine Chance?
Ich betrachte es als Aufgabe des DOSB, Olympische Spiele nach Deutschland zu holen. Und ich werde alles dafür geben. Es wäre das Größte für mich, die Spiele wieder einmal bei uns zu haben.
Sommer- oder Winterspiele?
Beides ist denkbar.
In München und Hamburg scheiterten die Bewerbungen zuletzt am Bürgervotum.
Wenn die Befragung der Bevölkerung auch in Zukunft die Grundlage einer Bewerbung ist, dann muss es uns gelingen, in einem langfristigen Prozess den Nährboden für eine Zustimmung zu schaffen. Wir müssen erklären, was das Besondere an Olympia ist und in den Menschen den innigen Wunsch wecken, die Veranstaltung zu uns ins Land zu holen.
Die Mehrheit in Hamburg sah in Olympia einen kostspieligen Fall von Ruhestörung.
Das hat gerade vor kurzem noch einmal eine wissenschaftliche Studie gezeigt. Deshalb müssen wir darstellen, dass nicht nur die veranstaltende Stadt und Region einen Nutzen etwa durch eine verbesserte Infrastruktur hat. Olympia hat einen Mehrwert für alle, für jeden einzelnen Bürger in Deutschland.

Die Fußball-WM 2006 als Vorbild

Der wie aussieht?

Nehmen Sie die Fußball-WM 2006 als Beispiel. Die Begeisterung im Land, die Gastfreundlichkeit anderen Nationen gegenüber, der Stolz auf die eigene Mannschaft, die Freude gemeinsam in Schwarz-Rot-Gold zu feiern und zu jubeln. Das war für viele ein beeindruckendes und bleibendes Erlebnis.

Das womöglich durch Stimmenkauf nach Deutschland kam.
Das ist nach derzeitigem Stand nicht auszuschließen. Aber das relativiert nicht die positiven Erlebnisse, die die Menschen während der WM hatten. Wir alle wissen noch, was wir im Sommer 2006 gemacht haben. Außerdem wertet so ein Event wie Olympia eine Region nachhaltig auf. Erinnern wir uns daran, wie die Spiele 1972 zur Entwicklung von München positiv beigetragen haben.
Maximale Transparenz der Vergabe-Kriterien und der wirtschaftlichen Bedingungen für sportliche Großveranstaltungen könnte deren Akzeptanz womöglich erhöhen.
Das ist sicherlich elementar. Ich bin aber der Ansicht, dass sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit der Agenda 2020 genau in diese Richtung bewegt hat. So wird jetzt beispielsweise der Gastgeber-Vertrag im Vorfeld veröffentlicht.
Fahren Sie zur Fußball-WM in Russland?
Nein. Das hat sich nicht angeboten. Im Zweifelsfall würde ich aber nach Russland reisen, um die Mannschaft zu unterstützen. Sie steht für mich im Mittelpunkt. Was aber nicht bedeutet, dass man die Vergabe nach Russland nicht hinterfragen kann.

Alles für die Athleten

Der Verein Athleten Deutschland wird künftig unabhängig vom DOSB die Belange der Sportler vertreten. Dahinter steckt auch ein gewisses Misstrauen den Funktionären gegenüber.
Es ist uns in der Vergangenheit vermutlich nicht ausreichend gelungen, den Athleten zu verdeutlichen, was wir hier beim DOSB alles machen und mit welchem Zweck und was konkret sie davon haben und wo ihr Nutzen liegt. Da gibt es auf unserer Seite ein Defizit an Information und Kommunikation. Wir sind dabei, dies zu verbessern.
Warum braucht ein Sportler überhaupt den DOSB?
Der DOSB ist kein Selbstzweck, wir richten unser Handeln immer an den Sportlerinnen und Sportlern aus. Was Vereine und Verbände alles leisten, um einem Sportler den Weg an die Weltspitze zu ermöglichen, wird hin und wieder übersehen. Das beginnt bei Talentprogrammen für den Nachwuchs, geht über eine systematische Förderung über alle Altersklassen hinweg und setzt sich über Trainer und Betreuer bis hin zur Schaffung von optimalen Rahmenbedingungen bei den olympischen Spielen fort.
Momentan scheint diese Erkenntnis aber noch nicht bei allen Athleten angekommen.
Zehnkämpfer Kai Kazmirek hat das neulich ganz schön ausgedrückt, als er im Interview die Rolle der Athleten betonte, jedoch auch sagte: ‚Das System funktioniert aber auch nur mit Funktionären. Wir brauchen Ehrenamtler, wir brauchen Trainer, wir brauchen Leute, die die Leichtathletik allgemein vermarkten.‘ Wir als Verantwortungsträger in den Vereinen und Verbänden sind gefordert, noch stärker den Dialog mit den Athleten zu suchen.

Mehr Geld vom Bund

Wie gut oder schlecht ein Sportverband arbeitet, klärt im Rahmen der Leistungssportreform künftig das Bewertungssystem Potas.
Potas liefert uns jedenfalls Antworten auf die Frage, wie sich ein Sportfachverband aufstellen muss, um optimale Rahmenbedingungen für die Entwicklung von Sportlern zu bieten. Diese Ergebnisse werden im Übrigen auch dem Verband gegenüber öffentlich dokumentiert, er hat die Stellschrauben zur Optimierung seiner Leistung vor Augen. Und wir haben die Möglichkeit, auf Basis dieser Ergebnisse in die Gespräche mit den Verbänden einzutreten und darauf aufbauend, die Förderungen zu vergeben.
Die Reform stockt, weil die neue Bundesregierung die notwendigen Gelder nicht einstellt.
Die Regierungsbildung hat länger gedauert als angenommen. Wir sind in intensiven Verhandlungen und einem konstruktiven Dialog mit dem Innenministerium und den Abgeordneten des Deutschen Bundestages, um aus dem Haushalt 2018 noch möglichst viel für die Athleten und Verbände herauszuholen. Entschieden wird das in Berlin am 27. Juni.
Wie viel Geld wird 2018 noch fließen?
Es ist ja medial aufgegriffen worden, wir hätten im DOSB-Haushalt 70 Millionen Euro für dieses Jahr für die Reform eingestellt. Das ist richtig. Falsch ist aber, dass wir uns nun mit 23 Millionen zufrieden gegeben haben. Stattdessen haben wir in einem Prioritätenkatalog berechnet, was in diesem Jahr überhaupt noch realisierbar erscheint. Dabei haben wir die verschiedenen Positionen priorisiert und uns auf Maßnahmen konzentriert, die im Hinblick auf die Olympischen Spiele Tokio 2020 noch Wirkung entfalten können und die unmittelbar bei den Athletinnen und Athleten sowie Trainerinnen und Trainer spürbar werden. Zudem sollten sie einen Beitrag zur Umsetzung der Leistungssportreform leisten. Dadurch haben sich die noch in diesem Jahr realisierbaren Bedarfe deutlich reduziert. Bis die Förderbescheide verschickt werden, wird es ja schon Juli sein.
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