„Leute, ich will Reichweite!“ Kira Beer bereitet ihren nächsten Post vor. Foto: /Carolin Albers

Kira Beer ist eine christliche Influencerin. Die 21-jährige Katholikin postet über ihren Glauben, über ihren Hader mit den Machtstrukturen und die evangelikale Konkurrenz.

Waldenburg/Tübingen - Es war Zufall, aber man kann es auch als Zeichen sehen. Im April war in der „Heilbronner Stimme“ ein Nachruf auf Hans Küng zu lesen. Der Theologe galt als einer der profiliertesten Mahner für Reformen in der katholischen Kirche. Auf der Rückseite dieser Zeitungsseite wurde, was wie eine Stabübergabe wirkt, die Theologiestudentin Kira Beer vorgestellt: „Sie hofft auf Veränderungen.“

 

Wie einst Küng sucht die 21-Jährige die Öffentlichkeit: Während er den Weg seiner Zeit über Bestseller ging, setzt sie in einem wahren Posting-Gewitter auf die Neuen Medien, von Podcasts auf ihrer Webseite bis zu Instagram. 4000 Follower notiert ihr Account. Das ZDF porträtierte sie schon als junge, unkonventionelle Stimme der katholischen Kirche. Kira Beer gehört inzwischen zu den bekanntesten unter den sogenannten Christfluencern.

„Ich mag den Begriff nicht so sehr“, sagt sie. „Gott ist kein Produkt, das ich verkaufen muss. Ich möchte nur zeigen, wie ich den christlichen Glauben lebe.“ Kira Beer ist nicht einmal die klassische Digital Native: Erst mit 18 Jahren hat sie sich auf Instagram angemeldet. Zu oberflächlich, hat sie lange gedacht.

„Wie krass mich das auffängt, ist crazy“

Auch mit der Kirche ist die Waldenburgerin erst mit 15 Jahren enger in Kontakt gekommen. Der Firmunterricht in der Pfarrei Pfedelbach gab ihr einen religiösen Schub: „Dort habe ich meine Begeisterung für den Gottesdienst entdeckt“, sagt sie. Für die Gemeinschaft, die Musik und die Gottesbeziehung. Einen religiösen Anker im Leben zu haben, ist ihr unverzichtbar geworden: „Das absolut Zentrale ist Gott, und daraus schöpfe ich Kraft. Wie krass mich das auffängt, das ist crazy.“

Sie begann ein Theologiestudium an der Universität in Tübingen. Und postete ein bisschen im Freundeskreis herum. Nichts Außergewöhnliches – auch nicht, dass sie mal über eine Kirchengemeinderatssitzung berichtete. Aber damit hat es angefangen. „Aus einem Grund, den ich selbst nicht kenne, sind mir immer mehr Leute gefolgt“, sagt sie. Einen Grund hat sie dann doch gleich parat: „Ich kann sehr leicht über private Gefühle reden.“

Sie sei sehr spirituell, sagt sie. Vieles, was sie über eine Gottesbeziehung sagt, erinnert andere an Mystikerinnen. In ihrem Zimmer hat sie eine Gebetsecke eingerichtet: „Ein Zuhause innerhalb meines Zuhauses.“ Auf einem Tischchen liegt ein Rosenkranz, das Bild des eng an Jesus gelehnten Johannes ist aufgestellt. Im Rahmen klemmt ein Spruch: „Every good thing is born of a struggle.“ Das Gute erwächst aus dem Kampf.

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Was sie im Laufe ihres Studiums gemerkt hat: Die heile religiöse Welt ihrer Heimat Hohenlohe, in der sie heute noch bei den Ministranten und den Sternsingern mitmacht, ist Kirche nicht unbedingt. So richtig wurde ihr das bewusst, als ein Tübinger Freund von ihr ins Priesterseminar gegangen ist. „Da hat es klick gemacht: Ich dürfte das ja gar nicht.“ Wenn sie später in einer Gemeinde arbeitet, könnte sie zum Beispiel keine Taufe leiten.

Da erhielt ihr Account eine neue Abteilung: „Kira in Rage“. Energisch stößt in einem Video ihr Arm Richtung Betrachter: „Entschuldigung, es geht doch in dieser Debatte, in welches Amt ich als Frau darf, darum, dass es schon sehr lange eine große Zahl an Frauen gibt, die eine Berufung zu einem Dienst – und nicht zu einer Machtposition – in sich verspüren, und dass sie dieser Berufung nicht nachgehen können, nur weil sie Frauen sind. Wenn ich das gerne machen würde und nicht machen kann, dann ist das Scheiße! Punkt.“

Die bestehenden Machtstrukturen lassen auch eine engagierte Katholikin auflaufen: „Hey Leute, du bist ein junger Mensch und denkst, du würdest gerne was in der Kirche machen, und es gibt ja auch Hoffnungsschimmer, es passieren ja auch gute Sachen, wir wollen ja auch teilweise Reformen, und dann kommt der Vatikan und sagt: Nö!“

Der Protest aus der Mitte

„Kira in Rage“ hätte in den Zeiten Hans Küngs Folgen gehabt: Einen Job im kirchlichen Dienst hätte Kira Beer sich abschminken können. Aber in ihrem Studienjahrgang sind es ohnehin nur wenige, die überhaupt dahin wollen. Schon die Nachwuchserosion muss die Kirche defensiver agieren lassen.

Überhaupt ist die Kritik auf allen Kirchenebenen breiter und lauter geworden. Das analysiert auch Johanna Rahner, Tübinger Professorin für Dogmatik, dem Kernfach der katholischen Theologie schlechthin. Sie sagt schon mal unverblümt, bestimmte Kreise der katholischen Kirche seien reif für eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Und sie nennt den entscheidenden Unterschied zu ihrem Amtsvorgänger Küng: Der Protest gegen Skandale und Strukturen sei längst in der Mitte der Kirchengemeinden angekommen.

So ist Johanna Rahner noch auf ihrem Lehrstuhl, an dem Kira Beer wissenschaftliche Hilfskraft ist. So kann die Studentin ins Netz stellen, wie sie mit einer Freundin eine Regenbogenfahne als Statement gegen die Vatikan-Verlautbarung, die gleichgeschlechtliche Paare ablehnt, vor ihrer Kirche hisst.

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Kira Beer wird von Rottenburg, wo der Bischof sitzt, nicht gemaßregelt, sondern umworben. Inzwischen folgt auch die Kirche Marshall McLuhan, dem Altmeister der Kommunikationsforschung: „The medium is the message.“ Das Medium ist die Botschaft.

Die Diözese holte Kira Beer auf alle digitalen Kanäle, unter anderem für einen Live-Talk. Ihr Gesprächspartner war Weihbischof Thomas Maria Renz. Von der Beichte bis zu geschlechtlicher Vielfalt, kein Thema wurde ausgelassen. Auch die Weihe für Frauen nicht.

Eine Stunde, in der Kira Beer zwar mit Lob für das Glaubensengagement katholischer Frauen überschüttet wurde. Aber Papst Johannes Paul II. habe die Priesterweihe von Frauen nun mal ausdrücklich verboten. Diese Situation müssten die Frauen aushalten. Man sieht in dem Video das Entsetzen in Kira Beers Gesicht. Was er denn persönlich denke, will sie wenigstens noch wissen. Gerade als Weihbischof könne er nicht eine abweichende persönliche Meinung haben, sagt Thomas Maria Renz, das wäre ja Schizophrenie. „Ich war total wütend“, erinnert sich Kira Beer.

Flüchten oder standhalten?

Womit sie vor der Entscheidung vieler Katholiken steht: flüchten oder standhalten? Zumal sie immer wieder mit Skandalen der Kirche konfrontiert wird und hört: „Das sind alles Vergewaltiger. Wie kannst du das unterstützen?“ Und zumal sie auch schon den Zorn konservativer Katholiken aushalten muss, die ihr zurückposten: „Die sollte lieber mal jeden Tag den Rosenkranz beten!“ Viele andere Christfluencerinnen vertreten sehr strenge Glaubensregeln, posten Beiträge wie „Wann ist Sex ungesund“ oder „Wie sieht die Hölle aus?“.

Das hat Kira Beer, die eine rigide Sexualmoral ablehnt, sehr entschlossen gemacht. „Leute, ich will Reichweite!“, ruft sie ihren Followern zu. In ihren Posts wettert sie auch gegen bestimmte evangelikale Freikirchen: „Sie machen so auf cool und hip, aber am Ende des Tages sind sie oft so homophob oder so, das macht mich echt aggro. Das sehen Jugendliche und denken, sie haben gesündigt. Und ich denke: Guckt mein Insta – dann bekommt ihr eine nicht toxische Gottesbeziehung hin.“

Kirche ist für Kira Beer Heimat. Und jemand wie sie könne das glaubhaft an junge Leute weitergeben: „Eine junge Frau, die auch mal besoffen ist und auch mal verliebt.“ Oder mal an der Liebe leide. „Vielleicht kann ich so Klischees aufbrechen.“ Sie bleibt ihrer Kirche treu. „Es gibt so viel Revolutionspotenzial. Es ist ein bisschen abenteuerlich und spannend in der katholischen Kirche, aber es funktioniert nicht, wenn man zu radikal ist.“ Sie wolle sich dafür einsetzen, dass die Kirche ein besserer Ort wird. „Aber weiß ich denn, ob ich in zehn Jahren, wenn ich sehe, dass ich vergeblich gekämpft habe, nicht doch Tschüss sage?“