Feste wie Fasnet oder Pferdemarkt sind gut für die Seele und verbinden Menschen, meint unser Leonberger Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.
Es ist jetzt 33 Jahre her, da wurde in ganz Deutschland die Fastnacht abgesagt. In karnevalistischen Hochburgen wie Mainz, Köln oder Düsseldorf blieb es am Rosenmontag, dem höchsten aller närrischen Feiertage, gespenstisch ruhig. Der Autor dieser Zeilen, seinerzeit ein junger Redakteur in Mainz, kann sich noch gut an eine Begegnung mit einem einsam wie frustriert durch eine leere Fußgängerzone gehenden Präsidenten eines großen Karnevalsvereins erinnern: Sinnbild einer Tragik, die für Hunderttausende tatsächlich tragische Züge hatte.
Der Anlass für den ersten Komplettausfall der tollen Tage nach dem Zweiten Weltkrieg war freilich viel katastrophaler: Der Beginn des Golfkriegs ließ im fernen Europa fröhliches Feiern angesichts von Tod und Zerstörung pietätlos erscheinen. Nicht alle sahen das damals so, aber die meisten reihten sich in der moralischen Korrektheit ein.
Die Menschen leben in einer Daueranspannung
Und heute? Seit fast zwei Jahren sterben in der Ukraine ungezählte Menschen, man ist fast geneigt, nicht genau wissen zu wollen, wie viele es wohl täglich sind. Das Gemetzel im Gazastreifen hat jenseits der schrecklichen Dimension des Terrors bei uns eine Art ideologischen Glaubenskrieg aufkommen lassen, in dem Befürworter Israels und Anhänger der Palästinenser die jeweils andere Seite der Gräueltaten bezichtigen. Wobei mittlerweile zu oft untergeht, dass es ein Terrorakt der Hamas war, der im Oktober ein weiteres blutiges Kapitel im Heiligen Land aufgeschlagen hat. Die Kämpfe im Jemen gehen in dieser Aneinanderreihung von Gewalt fast schon unter.
Doch kaum jemand käme heutzutage auf den Gedanken, angesichts der nicht enden wollenden Konflikte die Fasnet oder in Leonberg den Pferdemarkt abzusagen. Ist das falsch? Nein! Spätestens seit Corona leben die Menschen in einer Daueranspannung, die zu gesellschaftlichen Konflikten führt, die vor zehn oder 15 Jahren in dieser Form nur schwer vorstellbar gewesen wären.
Dennis Müller, der jazzende Pfarrer aus Leonberg, der bald nach Ludwigsburg wechselt, hat beim Abschied von seiner Kirchengemeinde Eltingen von Pausen gesprochen, die die Menschen brauchen, um mit den Herausforderungen des Lebens fertig zu werden. Auch Feste sind Pausen. An der Fasnet oder beim Pferdemarkt verschwinden die Sorgen und Nöte nicht, aber sie treten für zwei oder drei Tage in den Hintergrund. Sie machen sozusagen eine Pause. Und Pausen, wir wissen es aus dem Arbeitsleben, geben Kraft für neue Taten.
Sinnstiftende und verbindende Vereinsarbeit
Ein anderer bedeutender Aspekt ist, dass Feste nicht funktionieren würden, gäbe es kein Ehrenamt. Das lässt sich jetzt bei Rathausstürmen, Umzügen oder eben beim Pferdemarkt erleben. Zahllose Vereine sind unterwegs, stellen buchstäblich etwas auf die Beine, oft nach monatelanger Vorarbeit.
Damit schenken sie den Menschen nicht nur Freude, Ihre Arbeit ist zudem sinnstiftend und verbindend. Ein Blick nach Weil der Stadt genügt, um zu beobachten, wie sehr die dortige Narrenzunft AHA mit ihren vielen Gruppen eine Stadt zusammenführt und damit soziale Funktionen übernimmt, die mit Geld nicht zu bezahlen wären.
Wo wir schon beim Geld sind: Fasnet und Pferdemarkt sind wichtige Wirtschaftsfaktoren. Zehntausende kommen nach Weil der Stadt und nach Leonberg. Davon profitieren der Handel, vor allem aber die Gastronomie, die die Corona-Spätfolgen längst nicht überwunden hat. Sie braucht die Einnahmen.
Gönnen wir uns die Fröhlichkeit und die Freude am Leben. Gönnen wir uns eine Pause vom Unbill des Alltags. Wir brauchen sie.