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Der WM-Titel ist für Bundestrainer Joachim Löw kein Ruhekissen. Nach dem Triumph von Rio sieht er die Notwendigkeit, neue Impulse zu setzen: „Der Fußball entwickelt sich, wir müssen uns auch weiterentwickeln.“

Sturm

Miroslav Klose hat für Löws Planungen zwei Nachteile. Zum einen ist er aus der Nationalelf zurückgetreten, zum anderen gilt für ihn: Es gibt nur ein Miro Klose. Weil der Torjäger von Lazio Rom einmalig ist, hat es Löw mal mit einem Stürmer, mal mit einer falschen Neun versucht. Gegen Gibraltar schickte er in Thomas Müller und Max Kruse eine Doppelspitze ins Rennen.

Auch das war nicht der Weisheit letzter Schluss. Beide sehen sich als offensive Mittelfeldspieler, die gerne auf die Seiten ausweichen und gut im Kombinationsspiel sind. Der später eingewechselte Kevin Volland kommt in Hoffenheim vornehmlich auf dem rechten Flügel zum Einsatz. Dennoch sagt Löw: „Zwei Angreifer sind künftig wieder eine Option.“ Sollte der zuletzt häufig verletzte Mario Gomez beim AC Florenz mal wieder in Tritt kommen, ist er zunächst der Platzhirsch.

Der ehemalige Stürmer des VfB Stuttgart verkörpert als einer der letzten den Typus des Stoßstürmers, der seine Stärken im Torabschluss hat. Allerdings fremdelt er auch mit 29 Jahren in der Nationalelf noch immer. Ohne Gomez (und ohne Stefan Kießling, auf den er partout verzichtet) wird es Löw weiter mit Müller, Mario Götze und Marco Reus versuchen. Notgedrungen – die Bundesliga liefert keine echten Stürmer mehr.

Mentale Frische

Noch eine Ehrung, noch ein roter Teppich, und dann auch noch eine Kinofilm-Premiere („Die Mannschaft“): Die Feierlichkeiten nach dem Gewinn des WM-Titels reißen gar nicht mehr ab. Oder doch? Darauf achtet schon Joachim Löw, dem Bundestrainer  steht der Sinn nicht nach weiteren Empfängen.

„Am Ende dieses Jahres müssen wir die Köpfe frei bekommen und einen Strich ziehen“, sagt er, „einige Spieler sind auch froh, wenn dieses WM-Jahr abgeschlossen ist.“ Der Titelgewinn hat eine emotionale Ausnahmesituation geschaffen. Da ist es zwar menschlich, wenn danach die Spannung abfällt und sich Müdigkeit und ein gewisses Laisser-faire in die Köpfe einschleichen.

Doch das Leben geht weiter – in Form der EM-Qualifikation, in der die Mannschaft bisher zu häufig enttäuscht hat und bereits ins Hintertreffen geraten ist. „Im neuen Jahr, nach der Winterpause und einer dreiwöchigen Vorbereitung, sind die Spieler körperlich und geistig wieder frischer, davon gehe ich auf jeden Fall aus“, sagt Löw. 

Die nächste Bewährungsprobe ist das EM-Qualifikationsspiel gegen Georgien am 29. März 2015 in Tiflis – genug Zeit für die meisten Nationalspieler, um bis dahin wieder in den gewohnten Spielrhythmus zu kommen.

Außenverteidiger

Im Test-Länderspiel gegen Spanien muss Joachim Löw an diesem Dienstag (20.45 Uhr/ARD) ohne Jérôme Boateng auskommen. Den Münchner zwickt die  linke Wade, für ihn soll der nachnominierte Wolfsburger Robin Knoche (22) sein Debüt in der Innenverteidigung feiern, in der auch Mats Hummels ausfällt.

Auch das noch – als ob die Sorgen auf den Außenpositionen nicht schon groß genug sind! Dort hat der  Rücktritt von Philipp Lahm eine Lücke gerissen, die kaum zu schließen ist.  Rechts vertraut Löw bis auf weiteres VfB-Verteidiger Antonio Rüdiger (21), dem er eine ähnliche Entwicklung zutraut wie Boateng: „Er ist schnell und hat gute Lösungen im Eins-gegen-Eins und im Defensivverhalten.“ Ziel sei es, „ihn in den nächsten zwei bis vier Jahren zu begleiten“.

Gleiches gilt auf der linken Seite zunächst für Erik Durm: „Beide sind  sehr weit für ihr Alter. Aber sie müssen noch einen großen Schritt machen, um in die Weltklasse zu kommen.“ Durm ist gelernter  Angreifer und hat Stärken im Spiel nach vorn, allerdings auch  Defizite im  Defensivverhalten. Benedikt Höwedes, den WM-Linksverteidiger, hält Löw zentral für geeigneter. 

Wie schwierig die Suche nach guten Außenverteidigern ist, zeigt die lange Liste der Kandidaten, die bei Löw durchgefallen sind. Rechts gilt das für Gonzalo Castro, Andreas Hinkel, Andreas Beck oder Christian Träsch, links für Malik Fathi, Marcel Schäfer, Marcell Jansen, Dennis Aogo und Marcel Schmelzer.

Philosophie und Taktik

Unter Joachim Löw hat die Mannschaft  eine Spielweise verinnerlicht, die  „die  ganze Welt beeindruckt“ hat, wie der Bundestrainer stolz hervorhebt. Doch nun seien „Anpassungen“ notwendig. Bei der WM in Brasilien hat Löw eindrucksvoll bewiesen, dass er einen Spielstil neu definieren kann.

Wo bis dahin überfallartige Konter das deutsche Spiel prägten, setzte er in Brasilien auf gewinnenden  Ballbesitzfußball. Den gilt es zu verfeinern. Nach dem 4:0 gegen Gibraltar bemängelte Löw die fehlenden Eins-gegen-eins-Situationen: „Du musst auch mal einen Gegenspieler herauslocken. Aber wir haben dann abgebrochen, sind in die Mitte gezogen oder haben zurückgespielt.“ 

Dabei verfügt Löw in Mesut Özil, Marco Reus oder André Schürrle über die schnellen, quirligen und ballsicheren Spieler, die dafür notwendig sind. Allerdings sind zurzeit alle drei verletzt. Auch taktisch schwebt Löw in Gestalt einer Dreier-Abwehrkette eine Neuerung vor, zumindest in Einzelfällen.

Vorbild ist Pep Guardiola, der dies bei Bayern München praktiziert. Die Parallelen gegen Gibraltar waren frappierend: Rechts spielte in Shkodran Mustafi ein gelernter Innenverteidiger – wie Mehdi Benatia bei den Bayern. Zentral verkörpert in beiden Teams Jérôme Boateng den überragenden Innenverteidiger, links war in Erik Durm (wie David Alaba beim FC Bayern) ein gelernter Flügelstürmer im ­Einsatz.

Personal und Eigenmotivation

Um wie ein Weltmeister aufzutreten, ist es nicht ganz unwichtig, dass der Kader des Weltmeisters auch nahezu vollständig auf dem Platz steht. Davon kann Joachim Löw nur träumen.

Philipp Lahm, Miroslav Klose und Per Mertesacker muss er nach deren Rücktritten ohnehin abschreiben. Zurzeit fehlen aber auch Bastian Schweinsteiger, Marco Reus, Mesut Özil, André Schürrle, Mats Hummels, Christoph Kramer und Julian Draxler – bis auf WM-Hinterbänkler Draxler allesamt Stammspieler. Sami Khedira hatte sich zur WM mühsam von seinem Kreuzbandriss erholt, seither wurde er erneut am Knie operiert und hält noch keine 90 Minuten durch.

Verletzungen kann Joachim Löw weder verhindern, noch kann er die Genesung seiner angeschlagenen Spieler beschleunigen. Deshalb muss er einfach nur hoffen, dass ihn Rückschläge gesundheitlicher Art künftig nicht mehr in dieser Häufigkeit ereilen.

Darüber hinaus gilt es für einige ­Nationalspieler, ihre Form kritisch zu hinterfragen. Lukas Podolski, beim FC Arsenal nur noch Bankdrücker, bewahren trotz seiner 121 Länderspieleinsätze nur ein Vereinswechsel und dauerhafte Spielpraxis vor dem Aus in der Nationalmannschaft. Mesut Özil steckt seit langem im Formtief, bei der WM wirkte er zuweilen wie ein Fremdkörper im deutschen Team. Das Gleiche gilt für Mario Götze, trotz seines Siegtors im Finale. Dabei ist gerade ihre Kreativität gefragt.

Nur wenn sie ihre alten Stärken wieder einbringen, sind sie ein Gewinn für die Mannschaft.