Konfrontationskurs? Fritz Keller (links) und Karl-Heinz Rummenigge. Foto: imago/Martin Ewert/Martin Hoffmann Montage: Ruckaberle

Der Vorstandschef des FC Bayern München kontert Äußerungen des DFB-Präsidenten Fritz Keller zur angeblichen „Großkotzigkeit“ im Profifußball. Hat sich da einiges angestaut?

Stuttgart - Nein, sonderlich scharf schoss der FC Bayern nicht im Auswärtsspiel beim 1. FC Union Berlin, das 2:0 im Geisterspiel war schnell abgehakt als schmuckloser und eher stumpfer Arbeitssieg. Die Pflicht erledigt, heimfliegen, und weiter geht’s, das wäre das Motto gewesen – ohne den Münchner Ballermann schlechthin. Der hatte am Sonntagabend nicht auf dem Platz gestanden, sondern daneben. Und von da aus schoss er vor dem Spiel, genau: scharf.

Die Experten streiten seither darüber, ob Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge mit seinen Äußerungen einen Volltreffer oder ein klassisches Eigentor fabriziert hat – alle eint aber ein Gedanke: Warum ging Rummenigge überhaupt in die Vollen?

DFB soll vor der eigenen Haustüre kehren

Der FCB-Boss zielte, wenn man so will, per sattem Vollspann direkt auf den DFB-Präsidenten Fritz Keller, und als Rummenigge verbal so allerhand abfeuerte, da umspielte ein süffisantes Lächeln seine Mundwinkel. „Ich bin irritiert über Kellers populistische Wortwahl“, sagte er in Berlin, „vielleicht sollte man sich beim DFB mal einen Besen kaufen, um vor der eigenen Türe zu fegen.“ So kenne er Fritz Keller nicht, ergänzte der Bayern-Chef, „weil er ein Mann ist, der sehr genau überlegt, was er sagt“.

Was das war? Keller hatte tags zuvor in einem „Spiegel“-Interview die „Großkotzigkeit“ neureicher Fußballmillionäre beklagt und für die Zeit nach der Corona-Krise „mehr Demut“ eingefordert. Das Herumprotzen sei „eine Katastrophe für das Image des deutschen Fußballs“.

Die scharfe Replik kommt überraschend

Auch das war an Schärfe kaum zu überbieten – dennoch kam Rummenigges ebenso scharfe Replik überraschend. Denn Keller sprach Dinge an, die in der Pandemie schon seit mehreren Wochen auf und ab diskutiert wurden, mit großer Einigkeit bei den Protagonisten der Bundesliga und des DFB. Und übrigens auch bei Keller und Rummenigge, die zuletzt stets den allgemeinen Solidargedanken gepredigt hatten.

Lesen Sie hier: Wie Rummenigge die Bayer-Spieler zur Räson rief

Man müsse demütiger werden, zurück zu den Wurzeln, und überhaupt, diese ganzen Auswüchse müssten eingedämmt werden – beim Prahlen einzelner Superstars, aber auch beim Schuldenmachen, dem Leben auf Pump mancher Clubs und teils auch bei den horrenden Spielergehältern, so lässt sich die gemeinsame Haltung zusammenfassen. Keller übrigens attackierte auch nicht konkret den FC Bayern oder einzelne Profis – er hatte nur das Ganze im Blick. Wenn auch in scharfer Form.

Grundsätzlich herrscht Einigkeit

Wo also das Problem liegt? Inhaltlich sind sich Keller und Rummenigge ohnehin näher, als es am Sonntag den Anschein hatte. Da nannte Rummenigge im Detail Protzereien von Profis die „Ausnahme“ – auch Keller hatte vorher einschränkend von „einigen“ Fällen gesprochen.

Grundsätzlich also herrscht Einigkeit – Rummenigge aber wollte Keller irgendwie nicht verstehen und konterte weiter scharf: „Wenn wir eine Krise im deutschen Fußball in den vergangenen Jahren hatten, war sie beim DFB zu suchen. Mir fällt da schon vieles ein, was mir in den letzten Jahren nicht gefallen hat.“ Der Verband solle lieber „seine Hausaufgaben“ machen: „Bis heute steht noch nicht fest, wann die Frauen-Bundesliga und die dritte Liga den Spielbetrieb wieder aufnehmen können oder dürfen.“

Rummenigges Ausbruch ist wohl bei näherer Betrachtung nur so zu erklären: Beim Vorstandschef des FC Bayern München hat sich, was den DFB und seine Verantwortlichen angeht, offenbar einiges angestaut in der jüngeren Vergangenheit. Und allgemeine Ratschläge will er deshalb auch vom neuen Verbandschef Fritz Keller nicht hören. Jetzt komm’ mir du nicht auch noch ums Eck – so tickte Rummenigge wohl innerlich am Sonntag, ehe er ins Mikrofon am Spielfeldrand sprach.

Offene Rechnungen mit dem DFB?

Die eher stillose Ausbootung der Rio-Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels (damals noch beim FC Bayern) und Jerome Boateng Anfang 2019 aus der Nationalmannschaft spielt im Verhältnis zwischen dem Verband und den Bayern noch immer eine Rolle. Das meint Rummenigge wohl, wenn er sagt, dass ihm zuletzt einiges nicht gefallen habe beim DFB – ebenso wie andere Problemfelder wie die Sommermärchen-Affäre, den irrlichternden und auf allen Ebenen überforderten Ex-Präsidenten Reinhard Grindel und den vor dem WM-Desaster 2018 abgehobenen Kosmos Nationalelf, der sich nach der Bruchlandung in Russland nun ebenfalls wieder bescheidener und volksnäher geben will. Und den Beweis für dauerhafte Besserung eben erst noch antreten muss.

All das sitzt bei Rummenigge zumindest noch im Hinterstübchen – weshalb er augenscheinlich noch immer irritiert ist, wenn ein DFB-Verantwortlicher die große Fußballwelt erklären will. Auch wenn dieser, wie der neue Präsident, wenig bis nichts für die alten Probleme kann. Keller selbst übrigens war dem Vernehmen nach zumindest pikiert nach Rummenigges Rundumschlag, er wollte sich zunächst aber öffentlich nicht äußern.

Droht jetzt also ein Zerwürfnis? Wohl kaum. Denn wenn die beiden Protagonisten mal kurz in sich gingen und über die jeweils andere Position sinnierten, dann würden sie wohl merken, dass man die meisten Dinge gerade ähnlich oder sogar gleich bewertet.

Und diese Erkenntnis wäre dann wahrscheinlich so etwas wie ein echter Volltreffer.

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