Wer nutzt das Deutschlandticket – und für wen lohnt es sich nicht? Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Hat das Deutschlandticket gebracht, was man sich von ihm versprochen hat? Erste Indizien stimmen optimistisch. Bund, Land und Verkehrsanbieter laufen sich unterdessen für die nächste Etappe warm – einen heftigen Streit ums Geld.

Es war mehr als nur ein Sommertheater, als sich kürzlich die Länder wegen der offenen Rechnung fürs Deutschlandticket mit einem dramatischen Appell an Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) wandten. „Alle Beteiligten brauchen sehr schnell Klarheit über die weitere Finanzierung“, sagte der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann. „Der ,Brandbrief‘ der Länder in Richtung Bund ist absolut berechtigt und dringlich“, pflichtete ihm VVS-Chef Thomas Hachenberger als Sprecher der Verkehrsverbünde in Baden-Württemberg bei. Im September müssten die Unternehmen die Wirtschaftspläne für 2024 erstellen. Doch erst mal werde es wohl einen heißen Herbst der Verhandlungen geben.

 

Bund spielt auf Zeit

Mit dem Verweis auf schwierige Haushaltsverhandlungen spielt der Bund auf Zeit. In diesem Jahr hat er 1,5 Milliarden Euro übernommen, die Hälfte des Finanzbedarfs. Dieser Betrag entspricht 4,5 Prozent des aktuellen Etats des Bundesverkehrsministeriums und etwa einem Fünftel der jährlichen Investitionszuschüsse des Bundes an die Deutsche Bahn. Nur dieser Grundzuschuss, der auf Basis der Kosten im Vor-Corona-Jahr 2019 berechnet wurde, ist sicher. Das Geld wird 2023 wohl reichen. Aber 2024 dürfte die Lücke deutlich größer werden. Noch ist aber völlig unklar, um wie viel Geld es geht.

Letztlich geht es um eine Grundsatzentscheidung: Wie ist die Arbeitsteilung zwischen Bund und Ländern im öffentlichen Nahverkehr ? Und wie viel müssen die Nutzer beitragen? 49 Euro sind ein Einführungspreis. Eine „Dynamisierung in Form eines automatischen Inflationsausgleichs“ ist laut der Vereinbarung zwischen Bund und Ländern vorgesehen. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) hielt vor der Einführung 69 Euro im Monat für notwendig.

Noch mehr Rabatt für junge Menschen

Zurzeit überbieten sich die Bundesländer aber immer noch mit neuen Vergünstigungen für bestimmte Zielgruppen. So wird in Baden-Württemberg der Gültigkeitsbereich des kurz vor dem Deutschlandticket eingeführten, für 30,42 Euro im Monat erhältlichen Jugendtickets BW ausgeweitet, auf Kosten des Landes und der Kommunen.

Wenn das Ziel des Tickets mehr ökologische Mobilität war, wurde das laut aller Indizien erreicht. Noch immer gehen die Abozahlen nach oben, weil mit zeitlicher Verzögerung mehr Firmen das Deutschlandticket als Jobticket anbieten. So meldet der Verkehrsverbund Stuttgart inzwischen etwa die Hälfte mehr Abonnements als im Spitzenjahr 2019 vor Corona. Firmen, die Verkehrszählungen machten, sprechen von Zuwächsen zwischen fünf und zwanzig Prozent. Ein Fünftel der Deutschlandticket-Nutzer sagte in einer Umfrage des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) auch ausdrücklich, dass sie das Ticket gekauft haben, weil sie weniger Auto fahren wollen.

Bringen Neukunden mehr Geld?

Eine Schlüsselfrage wird sein, ob die Mehreinnahmen durch Neukunden das Defizit abfedern können. Menschen, die vorher einen Bogen um Bus und Bahn gemacht haben, sind laut einer Umfrage der deutschen Verkehrsunternehmen mit acht Prozent der Ticketkunden eher rar. Doch immerhin fast die Hälfte der Nutzer hatte bisher kein Abo. „Viele Umsteiger sind bisher nur ab und zu gefahren“, heißt es beim VVS.

Nahverkehrsexperten wie Horst Stammler, der scheidende Chef des VVS, sehen dies als entscheidend an: „Im urbanen Umfeld wie Stuttgart fahren 80 bis 90 Prozent der Menschen zumindest ab und zu mit Bus und Bahn. Wenn es gelingt, dass sie häufiger mit uns unterwegs sind, dann haben wir schon etwas gewonnen.“

Ticket passt zum hybriden Arbeiten

Das Ticket ist vor allem ein Angebot, das auf das immer mehr verbreitete hybride Arbeiten von zu Hause und im Büro zugeschnitten ist: Im Verkehrsverbund Stuttgart galt bisher die Faustregel, dass man mindestens drei Wochen im Monat von Montag bis Freitag auf einer Strecke pendeln muss, damit sich ein Monats- oder Jahresticket lohnt. Doch beim Deutschlandticket ist man gegenüber Einzelfahrscheinen schon auf kurzen Strecken im Plus, wenn man mehr als zwei Tage die Woche pendelt. Diese Pendler, die teils zu Hause, teils im Büro arbeiten, sorgen bisher dafür, dass die Fahrgaststeigerung verkraftbar ist: Den Zuwachs gibt es weniger werktags zu Spitzenzeiten, sondern zeitlich verteilt. Gerade werden auch erst wieder die Passagierzahlen aus der Zeit vor Corona erreicht. Mehr Passagiere gibt es auch eher auf längeren Strecken im Regionalverkehr, wo das Deutschlandticket das Angebot attraktiv gemacht hat, als in den Städten selbst, wo schon bisher der öffentliche Nahverkehr konkurrenzfähig war.

Wie funktioniert das Deutschlandticket?

Abonnement
Die Fahrkarte gibt es nur im Abonnement – das allerdings zum 10. eines Monats auch jederzeit monatlich kündbar ist. Papierfahrkarten gibt es nicht, man braucht entweder ein Handyticket oder – in den Verbünden, die das auch anbieten – eine Chipkarte. Für die Bezahlung braucht es im Übrigen in der Regel eine Kontoverbindung. Die meisten Verbünde akzeptieren nur das Lastschriftverfahren.

Weitere Rabatte
Nicht nur Baden-Württemberg, sondern auch Bundesländer wie Bayern geben weitere Nachlässe für Jugendliche. Dort kostet das Jugendticket statt 30,42 Euro im Monat sogar nur 29 Euro. Denselben reduzierten Betrag von 29 Euro gibt es in Mecklenburg-Vorpommern für Senioren. Auch immer mehr Arbeitgeber ermöglichen mit einem Mindestzuschuss von 12,25 Euro und einem dadurch ermöglichten weiteren Rabatt von fünf Prozent, dass Arbeitnehmer für unterm Strich nur 34,30 Euro im Monat unterwegs sein können. age