Eigentlich soll der Tunnel für bessere Luft insbesondere in Bad Cannstatt sorgen. Doch weil absehbar mehr Verkehr durch die Röhren rollt, steigen am Tunnelmund die Stickoxid-Immissionen. Die Deutsche Umwelthilfe kündigt bereits an, notfalls gerichtlich auf die Einhaltung des EU-Grenzwerts zu pochen.
Stuttgart - Das 380-Millionen-Projekt Rosensteintunnel macht Fortschritte: Schon am 20. Februar soll der sogenannte Kurztunnel in Betrieb gehen, der den heutigen B-14-Wender in Richtung Innenstadt ersetzt. Für September ist dann die Eröffnung des Herzstücks Rosensteintunnel zwischen Wilhelma und Löwentorkreuzung geplant. Doch die Begeisterung über die Fertigstellung könnte getrübt werden. Weil Stadt und Land auf Dauer höhere Verkehrsmengen durch den neuen Tunnel erwarten, könnte es am Tunnelmund nahe der Löwentorkreuzung Probleme mit der Einhaltung des Stickoxid-Grenzwerts geben.
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat gegenüber unserer Zeitung bereits angekündigt, ein Auge auf die Situation zu haben und gegebenenfalls erneut die Vollstreckung des geltenden Jahresmittelwerts von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft durchzusetzen.
Die 1,3 Kilometer langen Tunnelröhren sollen vor allem die stark befahrene Pragstraße vom Autoverkehr entlasten, der dann unterirdisch geführt wird. Auf dem Abschnitt zwischen der Löwentorkreuzung bis zur Einfahrt in den Pragtunnel kommen die Autos allerdings wieder ans Tageslicht – und das hat Folgen. Die Stadt rechnet schon jetzt damit, dass sich der Ausstoß von Luftschadstoffen an dieser Stelle deutlich über dem Grenzwert bewegt und die Anwohner belastet. Die Konsequenz: Die Stadt will die insbesondere betroffenen Wohngebäude im Bereich der Hausnummern 148 bis 152 von den Eigentümern erwerben und abreißen. Weiteren Eigentümern, die nicht veräußern wollen, wurde der Einbau von Lüftungsanlagen offeriert, um die Schadstoffbelastung aus Abgasen abzufedern.
Verkehrsministerium rechnet mit Überschreitungen des Grenzwerts
Für die DUH ist dieses Vorgehen nicht akzeptabel: Ihr Geschäftsführer Jürgen Resch pocht auf die Einhaltung des Luftreinhalteplans der Landesregierung. Schon im vergangenen Jahr sei trotz coronabedingten Verkehrsrückgangs der Grenzwert an der Pragstraße mehrfach deutlich überschritten worden, auch an der Talstraße im Stuttgarter Osten lägen die Spotmessungen trotz mittlerweile geltender Fahrverbote für Diesel der Schadstoffklassen Euro 5 und schlechter weiterhin darüber. Reschs Fazit: „Die von Land und Stadt ergriffenen Maßnahmen reichen nicht aus.“ Zwar habe das „Aussperren“ älterere Dieselmodelle etwa am Neckartor oder an der Hohenheimer Straße geholfen, an anderen Stellen aber offenbar nicht. Resch drängt daher darauf, die Verkehrsmengen in der Stadt zu reduzieren. Auch Fahrverbote für Euro-6-Diesel, die nicht die strenge Abgasnorm 6d-temp erfüllen, müssten erwogen werden. Der DUH-Geschäftsführer regt zudem die Einführung eines generellen Tempolimits von 30 Stundenkilometern in Stuttgart an.
Dass die Stadt nun ausgerechnet bei einem Tunnel, dessen politisch durchaus umstrittener Bau ja gerade damit begründet wurde, die Luftqualität in den angrenzenden Stadtbezirken zu verbessern, nachbessern muss, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Auf Anfrage teilte die Stadt mit, es sei „wichtig, mögliche betroffene Anwohner an der Pragstraße zu schützen“. Ob und wieweit weitere Maßnahmen an dem verbleibenden oberirdischen Abschnitt der Pragstraße zu ergreifen seien, werde derzeit eruiert. Das Verkehrsministerium verweist seinerseits bezüglich zusätzlicher Luftreinhaltungsmaßnahmen am Tunnelmund auf die Stadt: „Zum geplanten Zeitpunkt der Eröffnung empfehlen wir, bei der Stadt Stuttgart anzufragen.“ Das Ministerium geht aber auf Anfrage davon aus, dass im Bereich der Löwentorkreuzung „die Immissionsbelastung möglicherweise über den Grenzwert steigt.“
Stadt will aus neuen Verkehrszählungen Rückschlüsse ziehen
Unklar ist zurzeit noch, wie hoch die Steigerung des Verkehrs nach Inbetriebnahme des Tunnels ausfällt. Die Stadt will neue Verkehrszählungen durchführen, um daraus Rückschlüsse für die weitere Planung der Begleitmaßnahmen ziehen zu können.
In der Vergangenheit gelang es, durch das Aufstellen von Filtersäulen an der Hohenheimer Straße oder am Neckartor im Bereich der Schadstoffmessstellen den Grenzwert einzuhalten. Für Jürgen Resch ist das zu wenig: „Es ist absurd, um die Messstellen herum die Luft zu säubern. Die dort lebenden Menschen müssen im Fokus stehen.“