Der Vorstand der Deutschen Telekom und sein Vorsitzender Timotheus Höttges machen den Führungskräften konkrete Vorgaben, damit die Beschäftigten weniger im Homeoffice und verstärkt am Arbeitsplatz tätig sind.
Telekom-Chef Timotheus Höttges sorgt sich um die Kultur in seinem Unternehmen – sie sei von zentraler Bedeutung für das Ziel, das führende digitale Telekommunikationsunternehmen zu werden. Bedroht werde sie vom Homeoffice, durch das „ein hohes Maß an Vitalität in unserer Konzernzentrale verloren gegangen“ sei. Denn das persönliche Gespräch und die Kreativität blieben oft auf der Strecke. Dem bisher nur losen Appell, in die Büros zurückzukommen, hat Höttges nun konkrete Vorgaben folgen lassen.
Klare Vorgabe über Anzahl der Tage im Büro
In einer ausführlichen Mail an die Führungskräfte mit dem Betreff „Seien Sie ein Vorbild für Präsenz im Büro“ teilte der Vorstand den „lieben Executives“ vor Tagen seine „Erwartungen an die Anwesenheit im Büro“ mit. Gute Führung – so heißt es da – bedeute, nah bei den Menschen zu sein. Dafür müsse man mit den Mitarbeitenden zusammenkommen – persönlich, vor Ort. „In der Regel bedeutet dies, dass Führungskräfte vier bis fünf Tage präsent sind. Für Vollzeitbeschäftigte ohne Führungsfunktion möchten wir, dass sie in der Regel drei Tage im Büro arbeiten.“ Derzeit würden die Mitarbeitenden im Schnitt weniger als 1,5 Tage pro Woche im Büro verbringen. „Das bedeutet, dass ein erheblicher Teil unserer Mitarbeitenden nicht mehr regelmäßig ins Büro kommt – einige gar nicht mehr.“ Dies gefährde den Zusammenhalt.
Nach sechs Monaten wird Bilanz gezogen
Der Vorstand äußert die „klare Erwartung“, dass die Führungskräfte ihre Rolle „aktiv wahrnehmen“. Wenn sie präsent seien, sei auch die Anwesenheit der Beschäftigten im Büro höher. „Sie haben es in der Hand, die Zusammenarbeit im Büro sinnvoll zu gestalten, Zeit für das Zusammenkommen und den Austausch einzuräumen und zugleich hybrides Arbeiten gezielt zu nutzen.“ Mit Augenmaß, Sensibilität und gesundem Menschenverstand sollten sie „dafür sorgen, dass das Büro unser Arbeitsschwerpunkt ist“. In den nächsten Monaten werde die Büroauslastung weiter beobachtet, so der Vorstand. Nach sechs Monaten werde der neue Ansatz überdacht.
Das Ansinnen löst Unruhe und Unverständnis in der Belegschaft aus, zumal es bei der Deutschen Telekom einen mit der Gewerkschaft Verdi abgeschlossenen Tarifvertrag zur Mobilen Arbeit gibt – mit „ganz klaren Regelungen“, wie es heißt. Ferner gibt es für einzelne Betriebe innerhalb des Konzerns konkrete Betriebsvereinbarungen, die das Thema Heimarbeit auch aufgreifen. Insofern zeigt sich die Arbeitnehmerseite noch nicht übermäßig beunruhigt. Der Vorstand müsse sich aber fragen, wie er denn per Anordnung eine andere Unternehmenskultur durchsetzen möchte. Diese müsse er sich erarbeiten, indem er die Bedürfnisse der Mitarbeitenden ernst nehme.
Verdi kann der Präsenzarbeit auch etwas abgewinnen
Die Gewerkschaft ist in diesen potenziellen Konflikt zunächst nicht eingebunden. Zudem sieht Verdi in der Präsenzarbeit auch einen Sinn: „Für die Beziehungs- und Teampflege ist eine hundertprozentige Nutzung von Homeoffice natürlich nicht so gut, als wenn man sich am Arbeitsplatz auch mal privat austauschen kann“, sagt Christian Filusch, zuständiger Gewerkschaftssekretär von Verdi Baden-Württemberg. Zudem steht 2024 wieder eine Tarifrunde bei der Telekom an – die lasse sich nicht aus dem Homeoffice heraus bestreiten. Da gehe es vielmehr auch darum, der Gewerkschaft während der Verhandlungen den Rücken zu stärken. Zumindest für die Protestaktionen sollten sich dann die Beschäftigten auf den Weg an die Pforte ihres Betriebs machen, hofft er.
Scharfe Kritik von der kleineren Gewerkschaft
Ähnlich ist von Arbeitnehmervertretern im Betrieb zu hören, dass sie sich prinzipiell vollere Büros wünschen, weil gute Betriebsratsarbeit besser über persönliche Kontakte funktioniere. Wenn Beschäftigte seit Wochen oder Monaten nicht mehr in den Betrieb kämen, könne man auch die Fürsorgepflicht nur schwer wahrnehmen.
Die kleinere Gewerkschaft DPVKOM ist kritischer und nennt die Vorgehensweise des Vorstands „nicht nachvollziehbar“. Auch wegen Homeoffice sei die Zufriedenheit der Mitarbeiter spürbar gewachsen; nun würden sie verstärkt in die Büros zitiert. Für viele habe dies wegen der Zusammenlegung von Standorten und Abmietung von Büroflächen weite Anfahrtswege zum Arbeitsplatz zur Folge, sagt ein Sprecher. Derweil spare der Arbeitgeber einige Millionen Euro an Miete.
Vereinbarung über Büronutzungskonzept vor dem Abschluss
Er verweist aber auch auf eine quasi unterschriftsreife Vereinbarung mit dem Betriebsrat über ein neues Bürokonzept, mit dem die vielen verfügbaren, aber ungenutzten Büroflächen ökonomischer verwendet werden sollen. So sollen Mitarbeiter nicht an ihren mitunter weit entfernten Arbeitsort, der im Arbeitsvertrag steht, pendeln müssen, sondern in ein Gebäude der Telekom, das dann als Arbeitsort definiert ist. Dort haben sie aber keinen festen Schreibtisch, sondern müssen sich vorab einbuchen.
Weitere Unruhe bringen Pläne für einen Stellenabbau. Höttges hatte im August öffentlich eine Überprüfung der Strukturen und mehr Effizienz angemahnt. Derzeit wird im Unternehmen über den Abbau von offenbar mehr als 1000 Stellen verhandelt, was gerade die Zentrale in Bonn tangieren könnte. Ein Arbeitnehmervertreter beruhigt, man habe in der Vergangenheit Stellenabbau immer mit sozial verträglichen Regelungen hinbekommen – keinem Arbeitnehmer sei betriebsbedingt gekündigt worden. Es gebe auch Tarifverträge, die dies verhinderten.