­Vor dem Spiel gegen Frankreich veränderte der Bundestrainer seine Startelf auf fünf Positionen. Foto: Baumann

Warum der Umbruch von Joachim Löw beim gelungenen Auftritt der DFB-Elf gegen Frankreich nur ein erster Schritt ist – und was der Bundestrainer nun weiter anpacken muss.

Paris - Am Ende wehten die schwarz-rot-goldenen Fähnchen im Gästeblock des Pariser Stade de France. Es gab Applaus, es gab Aufmunterung, es gab Zuspruch. Die Daumen wurden nach oben gereckt. Drei Tage vorher noch zeigten einige deutsche Fans den Spielern in Amsterdam nach dem 0:3 gegen die Niederlande einen anderen, mittigeren Finger. Bierbecher flogen. Es gab vereinzelte „Jogi raus“-Rufe. Jetzt, nach dem 1:2 am Dienstagabend, war die Stimmung anders, als das Team in Richtung Kurve ging. Komplett anders. Weil Joachim Löw die Dinge anders machte.

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Die knappe Niederlage beim Weltmeister Frankreich in der Nations League war im Grunde ein Sieg, Abstiegsgefahr hin oder her. Ein Sieg für den Neuanfang. Ein Sieg für bessere Zeiten. Ein Sieg auch für Joachim Löw, der die Dinge nach dem WM-Desaster endlich veränderte und den jüngeren Spielern eine Chance gab. Aber, um im Duktus zu bleiben: Auch ein Sieg gibt nicht mehr als drei Punkte. Es muss mehr kommen – der Bundestrainer muss seine eigene Steilvorlage in den letzten beiden Länderspielen des Jahres gegen Russland (15. November in Leipzig) und in der Nations League gegen die Niederlande (19. November in Gelsenkirchen) nutzen. Und damit den Eindruck von Paris bestätigen, nach dem ein reformwilliger Löw den sturen Löw abgelöst hat. Und nach dem Löw endlich das einläutete, was nach der desaströsen WM im Sommer schon länger überfällig gewesen war: einen echten Umbruch.

Frankreichs Trainer voll des Lobes

Wozu das führen kann, das zeigten am späten Dienstagabend auch die Aussagen von Trainerkollege Didier Deschamps. Wann hat es das zuletzt gegeben, dass der Coach des Gegners nach einem Spiel zu einer Lobeshymne auf die deutsche Elf ansetzte? Lang, lang ist’s her. Nun also sagte der Weltmeistertrainer: „Das deutsche System mit drei Innenverteidigern hat uns Schwierigkeiten bereitet. Die drei Stürmer haben uns in Schwierigkeiten gebracht, sie hatten viel Geschwindigkeit auf den Flügeln und ein gutes Passspiel.“ Und weiter: „Sie hätten uns wesentlich mehr Schmerzen zufügen können.“

Die deutsche Elf also tat Frankreich, dem bärenstarken Weltmeister, weh. Weil Löw vieles richtig machte, indem er vorne mit Serge Gnabry und Leroy Sané ordentlich Tempo ins Spiel brachte und hinten auf eine kompakte Fünferkette setzte. Bei allen Entscheidungen lag der Bundestrainer richtig, weshalb er sich nach langer Zeit mal wieder ein Lob verdient hatte – gleichzeitig aber schwang in der lauen Pariser Nacht auch immer eine entscheidende Frage mit: Warum, um Himmels willen, ging das alles nicht schon früher?

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Die Dreierkette etwa mit drei Innenverteidigern, die sich bei gegnerischem Ballbesitz zur Fünferkette ausweiten kann, wäre auch schon bei der WM eine Option gewesen. Und dass Löw den Tempodribbler Leroy Sané tatsächlich aus dem WM-Kader strich, wirkt spätestens nach dem starken Auftritt des Stars von Manchester City in Paris wie ein schlechter Treppenwitz.

Auch die Etablierten profitieren

Wie sehr die deutsche Elf vom Mut und vom Tempo der neuen Jungen profitieren kann, das zeigte sich gegen die Franzosen auch bei den etablierten Kräften. Toni Kroos etwa machte einen Schritt aus der persönlichen Krise – auch weil er merkte, dass man mit wilden, schnellen Draufgängern in der Offensive auch mal wieder einen Steilpass spielen kann und die Kugel nicht immer nur wie noch bei der WM quer und zurück spielen muss. Ja, der stoische Kroos wurde von den Jungen tatsächlich ein bisschen mitgerissen. Weiter hinten wiederum profitierte der Innenverteidiger Mats Hummels vom kompakten Abwehrgerüst. Man sicherte sich gegenseitig ab, man half sich, man verengte die Räume.

Und jetzt? Wie macht Löw weiter bei den nächsten Länderspielen im November? Klar ist, dass er seine alten Helden von 2014 noch lange nicht abgeschrieben hat, im Gegenteil. „Ich habe immer gesagt, dass man eine Achse braucht, dazu stehe ich auch“, sagte Löw dazu. „Einige Spieler haben eine schwierige Phase, aber sie haben es nicht verlernt. Man braucht immer eine Mischung aus erfahrenen und jungen Spielern.“ Diese Mischung stimmte gegen die Franzosen, als die Alten um Kroos und Hummels mit den Jungen überzeugten.

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Was wäre das für eine reizvolle Vorstellung nach den Eindrücken von Paris, wenn sich die Jungen und die Alten im Kader nun weiter gegenseitig zu Höchstleistungen treiben, wenn sie einen gesunden Konkurrenzkampf vorleben, bei dem jeder die gleichen Chancen auf Startelfeinsätze hätte? Wenn sich die Kroos, Müllers und Boatengs noch mal im besten Sinne angestachelt fühlen würden, weil sie wissen, dass sie nur spielen, wenn sie auch in Form sind. Und dass die Jungen wiederum nicht mehr wie zu der Zeit rund um die WM mit dem miesen Gefühl anreisen müssen, dass sie eh keine Chance haben, weil die Alten gesetzt sind. Es liegt nun an Löw, diese Dinge, die eigentlich Selbstverständlichkeiten sind, so umzusetzen und zu moderieren.

Noch nicht über den Berg

Der Bundestrainer steht dabei weiter unter Beobachtung, das Spiel gegen Frankreich war nur ein erster Schritt – die Unterstützung von Verbandsseite aber hat er vorerst weiter. DFB-Direktor Oliver Bierhoff wertete den Auftritt als „wichtiges, gutes Zeichen“. Und Reinhard Grindel meinte: „Was die junge Mannschaft gezeigt hat, darauf lässt sich aufbauen.“ Besser hätte es der DFB-Präsident ausnahmsweise mal nicht ausdrücken können.

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