Der HSV-Dino kämpft ums Überleben. Foto: dpa

Beim Hamburger SV hoffen sie auf ähnliche Entwicklung wie beim VfB nach dem Abstieg 2016: Mit Neuanfang und Auferstehung. Wie realistisch ist dieses Szenario?

Stuttgart - Hamburg. Reeperbahn, Elbphilharmonie, Hafen. Tor zur Welt. Auf der anderen Seite: Stuttgart. Spätzle und Kehrwoch, und dann noch dieser Feinstaub! Die alten Klischees, sie leben. Zumindest in Hamburg, dieser großen Stadt, die sich selbst gern noch ein bisschen größer macht. Ausgerechnet dieses Hamburg nimmt nun den Stuttgarter Weg. Rein fußballerisch zumindest. HSV follows VfB. Runter in die zweite Liga (wahrscheinlich) – und wieder hoch (der Wunsch). Wie realistisch ist das? Ein Vergleich von damals und heute.

Die Vorgeschichte

Dreimal war der VfB Stuttgart dem Abstieg von der Klippe gesprungen, bis es ihn 2016 schließlich erwischte. Der HSV hatte den Boden mehrfach berührt, ehe es ihn nach zwei aberwitzigen Relegations-Duellen doch oben hielt. Dieses Mal scheint der Dino der Liga seinem jahrelangen Leiden zu erliegen. Der Abstieg ist wohl unausweichlich. Das war er beim VfB damals nicht. Wer neun Spieltage vor Schluss zehn Punkte Vorsprung auf Platz 17 aufweist, muss am Ende nicht zwingend absteigen.

Die Vereinsführung

Welche Vereinsführung?, spotten die HSV-Fans über das im Chaos versinkende Management. In einem Handstreich hat der Clubmächtige Bernd Hoffmann den Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen sowie Sportchef Jens Todt vor die Tür gesetzt. Aktuell führt Finanzvorstand Frank Wettstein die Geschäfte. Seine wichtigste Aufgabe: Einen neuen Sportchef finden. Der VfB hätte sich nach dem Abstieg 2016 auch komplett neu aufstellen müssen, bemüht Hoffmann den Stuttgarter Neuanfang als Aufbruchsignal. Tatsächlich gibt es Parallelen: Nach dem Abstieg stand der Club ohne Präsident (Bernd Wahler war zurückgetreten) und ohne Sportvorstand (Robin Dutt wurde entlassen) da. Vorübergehend lenkten Finanzvorstand Stefan Heim und Marketingvorstand Jochen Röttgermann die Geschicke. Überraschend zauberten sie Jan Schindelmeiser aus dem Hut. Der neue Sportchef konnte – wenn auch spät – die sportliche Wiederaufbauarbeit beginnen. In Hamburg ist die Stunde Null bereits angebrochen. Hamburger Medien fragen schon bei VfB-Präsident Wolfgang Dietrich nach, wie das so funktioniert mit dem Neustart in Liga zwei. Während Hoffmann die Planung für die kommende Saison als „Gesamtkunstwerk“ bezeichnet. Was im HSV-Kontext reichlich skurril klingt.

Die Trainer

15:13 steht es zwischen dem HSV und dem VfB bei der Zahl der Trainer seit der Regierungsübernahme von Angela Merkel im Jahr 2005. In diesem Ranking sind die beiden Traditionsvereine dem Rest der Liga enteilt. Beim VfB war 2016 klar, dass es mit Jürgen Kramny nicht weitergeht. In den Nachwirren des Abstiegs waren naheliegende Lösungen gefragt. Aufstiegsexperte Jos Luhukay galt als patent genug, den VfB zurück in Liga eins zu führen – aber nur vier Spieltage lang. Dann stellte sich heraus, dass die Chemie zwischen ihm und dem erst später eingestellten Schindelmeiser nicht stimmte. Schließlich erwies sich Hannes Wolf als Glücksgriff. Ob der HSV mit Coach Christian Titz eine Etage tiefer weitermachen wird, ist fraglich. Die Trainerfrage soll dem neuen Manager überlassen werden. Um nicht dazustehen wie der VfB nach der Luhukay-Trennung.

Die Mannschaft

In Stuttgart setzte nach dem Abstieg das Großreinemachen ein. Über 30 Millionen Euro brachten die Verkäufe von Timo Werner, Lukas Rupp oder Filip Kostic (zum HSV) ein. Kostic würde nach einem Abstieg wohl erneut weiterziehen, und mit ihm ein Großteil der Mannschaft. Den wünschen sich die Anhänger eh sonst wo hin. Wie es weitergeht? Keiner weiß es. Mit der Verpflichtung von Zweitliga-Toptorjäger Simon Terodde gilt der VfB seither als Vorbild für alle ambitionierten Bundesliga-Rückkehrer. Nur verfolgt Terodde besagte Mission im kommenden Jahr womöglich in Köln.

Die Finanzen

Die Lizenz ist sicher, sagt Hoffmann, was ein wenig nach „Die Rente ist sicher“ klingt. Fakt ist: Den HSV drücken immense Schulden, von 100 Millionen Euro ist die Rede. Laut „Hamburger Abendblatt“ benötigt der Tabellenletzte 30 Millionen Euro aus Transfererlösen, um nicht wieder bei Investor Klaus-Michael Kühne vorstellig werden zu müssen. Schon jetzt ist von Bürgschaften die Rede. Der schwerreiche Kühne will seinen HSV nicht fallenlassen; nicht aber, ohne ihm vorab einen Seitenhieb zu verpassen. „Vor einem Jahr hatte Hamburg drei Perlen: Die Elphilharmonie, unser neues Hotel und den HSV. Jetzt hat es nur noch zwei Perlen“, sagte er anlässlich der Eröffnung seines Luxushotels. Und die Finanzlage beim VfB? Wurde trotz eines Umsatzeinbruches von 51 Millionen Euro gut abgefedert. Aber nur, weil es bei einem Jahr zweite Liga blieb.

Die Fans

Die HSV-Fans ertragen den Niedergang mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und der verbundenen Hoffnung, dass es bald endlich vorbei sein könnte. Der harte Kern ist auf Krawall gebürstet und leistete sich schon so manche Entgleisung (Drohungen in Richtung der Spieler). In Stuttgart ging der Abstieg recht friedlich über die Bühne, schnell entfaltete sich eine Aufbruchstimmung mit anschließendem Zuschauerrekord in der zweiten Liga. Eine ähnliche Entwicklung scheint in Hamburg zumindest möglich.

Das Fazit

Ob der Abstieg beim VfB tatsächlich eine reinigende Wirkung erzielte oder ob der Club auch bei einer Rettung 2016 so gut dastehen würde wie heute, ist letztlich Kaffeesatzleserei. Fakt ist: Angesichts der Größe seines Umfeldes wird auch der HSV wieder auf die Beine kommen – früher oder später.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: