Da hat der Ministerpräsident außer Dienst aber alle ganz schön aufgerüttelt: Günter Oettingers Kritik am „trägen“ Stuttgart hat ihm nun eine Besichtigungstour mit OB Frank Nopper eingebracht – zwischen Käpsele und schwäbischer Dialektik.
Wer diese Stadt liebt, hat es nicht leicht. Er ist entweder mal „Partner der Welt“ oder lebt „zwischen Wald und Reben“ und wird erleuchtet vom „Stern des Südens“. Wir erinnern uns noch an jenen Landtagsabgeordneten, der herumposaunte, er wolle in Stuttgart so lange Bier trinken können wie in Berlin. Durfte er, länger als die Leber mitmacht. Wusste er aber nicht. In Stuttgart gab’s schon ewig keine Sperrstunde mehr. Doch im Rest von Deutschland verbreitete sich mal wieder die Mär von den heruntergeklappten Bürgersteigen. Auch OB Wolfgang Schusters Versuch mit Müllsammeln ins Guinnessbuch der Weltrekorde zu kommen, fand der Rest der Republik recht putzig. Das Image war im Eimer. Noch schlimmer: Der Rekord ging nach Essen, die beseitigten mehr Unrat. „Let’s Putz“ hätte etwas Gutes gehabt, hätten wir uns fürs Sommerspülen 2012 beworben, doch es musste unbedingt Olympia sein. Außer Besen nichts gewesen.
Die Sorge um das Image
Immer wieder geht es ums Image. Allen Ernstes stritt man vor Jahrzehnten im Rathaus sogar, ob es Image oder Imitsch heiße. Nun hat ein Unruhestifter wieder mal das „Imitsch“ der Stadt gefährdet. Der ehemalige Ministerpräsident und EU-Kommissar Günther Oettinger hatte gesagt, „Stuttgart ist träge, verschlafen und satt.“ OB Frank Nopper hat getan, was er von Berufs wegen tun muss, heftig widersprochen: Oettinger habe Stuttgart wohl aus den Augen verloren.
Nun, die Stuttgarter, die sich in den letzten Jahren vor verschlossenen Bürgerbüros, vor der Führerscheinstelle oder dem Ausländeramt die Beine in den Bauch standen, die hätten noch ganz andere Worte gewählt. Wer sieht, wie lange man in dieser Stadt nicht nur an Bahnhöfen, sondern auch an Opernhäusern, Parkhäusern, Konzerthallen, Brücken und der Villa Berg plant und baut, der könnte zum Schluss kommen, träge sei noch geschmeichelt. Und die Diskussion über die neue Schleyerhalle droht so auszuufern und zerredet zu werden, dass Pop und Rock sanft entschlafen wird.
Besuch bei den Käpsele
Aber macht nichts, wir haben ja Weltsensationen wie die Fonduebläschen im Dorotheenquartier und Sauerkrautfelder am Stadtpalais. Um fair zu sein, einiges mehr gibt es schon. Das hat Frank Nopper nun dem lästerlichen Parteifreund gezeigt bei einer Tour durch die „Boomstadt“ Stuttgart. Bei Mahle wurde das Duo vom Vorstandsvorsitzenden Arnd Franz und den Technikdirektoren Uli Christian Blessing sowie Armin Frommer empfangen. Sie zeigten ihre Arbeit an einem kabellosen Ladesystem von Batterien von E-Autos. Es ging ins Zentrum für Angewandte Quantenforschung zu Physik-Professor Jörg Wrachtrup und zum Stuttgarter Atelier Brückner, das derzeit an der Ausstellung und Szenografie des Ägyptischen Museums nahe der Pyramiden arbeitet.
Mit Widersprüchen leben
Orte habe man gesehen, die Mut machen, sagte Oettinger hernach. Er spürte „innovative Kraft“. Möge diese Kraft mit uns sein. Käpsele hat er also gefunden. Doch was ist Stuttgart nun? Verschlafen oder aufgeweckt? Dazwischen gibt es in der Debatte oft nichts. So ist der Schwabe, er hat es besonders schwer seine Mitte zu finden; ihm ist die Dialektik in die Wiege gelegt. Er irrlichtert immer zwischen den Polen, bemüht die Widersprüche zu vereinen. Er ist verhockt und weltläufig,Grübler und Schaffer, engstirnig und eigensinnig, behäbig und revolutionär. So wie Stuttgart selbst: urban und ländlich, grau und grün, voller Wengert und Autos, lebendig und verschnarcht. Vielleicht kann man sich darauf einigen, es ist schon ganz okay hier. Und das ist für einen Schwaben schon wieder ein Lob.