Peter René Lüdicke als Ippolit in „Der Idiot“ Foto: Conny Mirbach

Sportliches Unterfangen, einen Tausend-Seiten-Roman zu dramatisieren. Bei der viereinhalbstündigen Premiere von „Der Idiot“ am Samstag im Stuttgarter Kammertheater ist dem Regisseur Martin Laberenz auf halber Strecke die Puste ausgegangen.

Stuttgart - Die schöne Nastassja Filippowna (Manja Kuhl) ist umringt von nackten Männern, die Männchen machen, Bodybuildingposen (Teekanne!) einnehmen oder Yoga-Positionen (Schildkröte!). Männer wie Rogoschin (Paul Schröder), die sie kaufen wollen, oder Männer wie Ganja (Christian Schneeweiß), die auf ihre Mitgift scharf sind. Nur der oft Idiot genannte Fürst Myschkin (Manolo Bertling), in kurzen Hosen und Pullunder zum ­rosaroten Hemd, steht bekleidet da. Er ist der Einzige, der sie um ihretwillen nehmen würde.

„Hm“, überlegt Nastassja, „er ist ein Fürst, er ist reich, und er ist ein Idiot, was gibt es Besseres?“ Doch so einfach ist es nicht. Bei Dostojewski sagen die Figuren ­immer Ja und Nein zugleich. Also geht sie mit Rogoschin. Der hüpft vor Freude auf und ab: „Sie ist eine Königin! Keeeiiiner fasst sie an!“ Er wirft ihr sein Geld vor die Füße, das sie postwendend ins (imaginäre) Feuer wirft.

Die unmögliche Liebe in Zeiten des Kapitalismus

Anders als im Roman werden die Scheine nicht gleich vor den Flammen in Sicherheit gebracht. Regisseur Martin Laberenz hält sich in seiner „Der Idiot“-Inszenierung fürs Staatsschauspiel Stuttgart am Samstag im Kammertheater ansonsten recht genau an den Roman. Diese Szene ist allerdings eine der wenigen, die ohne Kommentar über das Theaterspielen an sich auskommt und die klarmacht, worum es bei Dostojewski vor allem auch geht: um die unmögliche Liebe in Zeiten des Kapitalismus.

Dostojewskis 1868 erschienener Roman ist unglaublich reich an Themen – Sterben, Leben, Geld, Liebe, Sozialismus, Kapitalismus, Atheismus, Christentum –, an schillernden Figuren sowie an Dramoletten: ­Zusammenkünfte in Petersburg und auf dem Land, bei denen endlos geredet, gestritten, geliebt, gehasst und schier in Ohnmacht gefallen wird. Laberenz war offenbar ­begeistert davon. Doch durchdringt er die Freundschaft zwischen dem moralisch guten Fürsten und dem neureichen Rogoschin? Interessiert er sich für den jungen schwindsüchtigen Ippolit, der die Frage nach dem Sinn des Lebens aufwirft? Faszinieren ihn die vertrackten Liebeskonstellationen?

Ja, ja und: ja. Er begeistert sich für alles, aber für alles nur ein bisschen. Viele Szenen werden oberflächlich, hektisch angespielt. Das hat zur Folge, dass diese – so enorm gekürzt – ihre Kraft verlieren.

Nebenfiguren bringen Hauptfiguren zum Glänzen

Ausgiebig thematisiert wird nur die Entstehung der Dramenfassung und der Inszenierung. Wenig originell, weil vor allem auch in Stuttgart inzwischen kaum eine Premiere vergeht, bei der Darsteller nicht über gestrichene Figuren reden oder darüber, ob sie die Rolle mögen. Peter René Lüdicke, der den jungen todgeweihten Ippolit verkörpert, ­erklärt, er spiele besonders gern mit Manolo Bertling, und ständig will er mit seinem – im Roman Dutzende Seiten umfassenden – ­Bericht loslegen, warum er sich umzubringen gedenkt. Er wirft während der ersten zweieinhalb Stunden wahllos Papier auf den Boden, später doziert er darüber, dass erst die Nebenfiguren die Hauptfiguren zum Glänzen bringen – eine Binsenweisheit, die für jede figurenreiche Inszenierung von Shakespeare bis Tschechow stimmt.

Bis zur Pause hält Laberenz’ Regiearbeit die Balance zwischen Spiel und Rede über das Spiel. Danach wäre es womöglich klug gewesen, wirklich einmal einer Nebenfigur die Bühne zu überlassen und Ippolit die lange Abschiedsrede vortragen zu lassen. Doch die Inszenierung ist nach der Pause eigentlich beendet. Es folgt ein zweistündiges ­Bonusprogramm, wie man es von Film-DVDs kennt. Bei „Extras“ gibt es oft eine Tonspur, auf welcher der Regisseur Hintergründe zu den Dreharbeiten erzählt. Oder die Rubrik „gestrichene Szenen“. Filmmaterial, das für den Fortgang des Geschehens dann doch eher entbehrlich war.

Und so schleppt sich der Abend dahin mit vielen derartigen Szenen, mit Kommentaren über die Kostüme von Aino Laberenz und die Bühne von Volker Hintermeier, bis man wieder an dem Punkt ist, an dem der Abend verheißungsvoll begonnen hatte: Beim Mord an Nastassja Filipowna. Da war Manja Kuhl als Nastassja vom nebelumwölkten Bühnenhimmel auf das Spielplateau herabgeschwebt. Paul Schröder als Rogoschin und Manolo Bertling, der den Idioten Fürst Myschkin wirklich sympathisch spielt, hatten aufgeregt über das Messer und das wenige Blut geredet, das Nastassja verloren hat.

Im Hintergrund der Schriftzug „There will be no miracles here“ – ein Satz aus einem Lied der Musikerin Friederike Bernhardt, die diese viereinhalb Stunden lang musikalisch und darstellerisch begleitet hat. Es wird hier keine Wunder geben – ziemlich bescheiden für einen jungen Künstler, sich mit weniger als einem Theaterwunder zufriedenzugeben. Doch ja, so kam es: Keine Wunder.

Weitere Vorstellungen in dieser Spielzeit nur noch vom 4. bis zum 6. März. Kartentelefon: 07 11 / 20 20 90.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: