Von wegen Tübingen: Gestochert wird auch in Vaihingen im Landkreis Ludwigsburg. Die Fahrt über die Enz ist unterhaltsam und der Ausblick wunderschön und auch ein bisschen romantisch. Ein Ausflug, der sich lohnt.
Zum Stocherkahn-Fahren muss man nach Tübingen? Von wegen. Den Spaß auf dem Wasser mit hübscher Aussicht und netter Unterhaltung gibt es nämlich auch in Vaihingen an der Enz. Dort, ganz im Nordwesten des Landkreises Ludwigsburg, kurz vor der Grenze ins Badische, kamen ein paar Herren vor knapp zehn Jahren auf den Stocherkahn.
Heute schippern sie Einheimische und Touristen über die Enz. So wie an diesem sonnigen Samstagnachmittag. Der Kahn – inzwischen einer von vieren in der Vaihinger Flotte – heißt Leonie von Kaltenstein, nach dem Schloss Kaltenstein, das über der Stadt thront. Zwölf Teilnehmer stehen erwartungsfroh am Ufer der Enz. An der Ecke Enzgasse und Ziegelgartenstraße ist am Wasser eigens ein kleines Podest errichtet worden, sodass die Besucher bequem ein- und wieder aussteigen können.
Rausfallen ist so gut wie unmöglich
Tatsächlich ist das An-Bord-Gehen gar nicht so wackelig wie befürchtet. Immer zwei sitzen sich auf einem Brett gegenüber, der Rücken ruht ziemlich bequem, fast schon in Liegestuhl-Position, schräg über dem Wasser. Doch keine Angst: Rausfallen ist so gut wie unmöglich. Und kentern übrigens auch. Nur ein einziges Mal ist Kapitän Jörg Prochaska ein Fahrgast über Bord gegangen. Und das sei eher vorsätzlich gewesen: Bei einem Betriebsausflug wurde allzu sehr herumgealbert.
Doch zurück zum Start. Wenn alle zwölf Gäste im Kahn sind – genau so viele passen rein – kann es losgehen. Jörg Prochaska steht am Heck des Kahns und bewegt diesen mit der circa sechs Meter langen Stocherstange ruhig vorwärts. Die ungefähr 1,2 Kilometer Richtung Roßwag befinden sich in einer Staustufe, das heißt, der Wasserpegel ist immer auf einem Niveau. Zwischen 1,5 und 2,2 Meter ist die Enz hier tief.
Früher, erzählt Jörg Prochaska, wurden die Enz mit Kähnen befahren, die Leder transportierten. „Am Mühlkanal in Vaihingen waren die Gerber zuhause.“ Aber das ist lange her. Heute geht es rein zur Freude über das Gewässer, auf dem motorbetriebene Schifffahrt nicht gestattet ist.
Auf die Idee mit dem Stocherkahn auf der Enz kamen damals Hans-Joachim Rösner und zwei Freunde. Und natürlich hat die Stocherkahn-Stadt Tübingen auch etwas mit der Sache zu tun. Die drei Herren hatten vor vielen Jahren dort studiert. Als sie kurz vor der Pensionierung standen, gingen sie die Idee von anno dazumal an, machten einen Kahn fit und stocherten an einem eiskalten Februartag über die Enz.
Vier Stocherkähne und 14 Kapitäne
Einmal abgesehen von eisig gefrorenen Händen ging alles glatt – und das Trio wurde bei der Stadt vorstellig, um die Fahrten als besondere Führung anzubieten. Inzwischen gibt es vier Stocherkähne und 14 Kapitäne. Einer davon ist Jörg Prochaska, 65 Jahre alt und Maschinenbauingenieur in Altersteilzeit. Er ist, wie er sagt, „dem Wasser sehr verbunden“. Er schwimmt, segelt ab und zu in der Ostsee – und ist seit einigen Jahren nun auch als Stocherkahn-Kapitän im Einsatz.
In Tübingen auf dem Neckar hat Jörg Prochaska das Stocherkahn-Lenken auch schon ausprobiert. Dort sei natürlich weitaus mehr los, „immerhin gibt es dort mehr als 100 Kähne“, berichtet er. „Es ist auch schön in Tübingen, aber ganz anders als in Vaihingen auf der Enz.“
Und es ist richtig schön auf der Enz, das merken die Passagiere schnell. Das Schloss Kaltenstein, umrahmt von den steilen Weinbergen, immer im Blick, geht es auf dem Flüsschen erst ein wenig an städtischem Leben vorbei und dann mitten in die Natur. Die Enz rauscht in ganz kleinen Wellen vorbei, der Wind streichelt das Gesicht, vorne, am Bug des Stocherkahns gluckert es ein wenig. Ganz entfernt hört man die Straße, ein Hahn kräht, eine Ente schwimmt vorbei, fünf Störche kreisen hoch oben über dem Wasser.
Und es wird noch ein wenig romantischer: Denn irgendwo, schon vorbei am Kraftwerk, kurz vor dem Wendepunkt, beginnt der unbekannte Teil der Enz. „Den kennen nicht mal viele Vaihinger“, weiß Jörg Prochaska. Das wunderschöne Plätzchen liegt umringt von hohen Bäumen. Im Hintergrund plätschert es an der Fischtreppe vor sich hin, ansonsten ist es total ruhig.
Für den Stocherkahn geht es hier nicht weiter. Das Wasser wird zu flach. Aussteigen und tragen scheidet aus. Das Holzgefährt wiegt trocken und leer um die 600 Kilogramm, im Wasser ist es glitschig – also ist hier der Wendepunkt der Stocherkahnfahrt. Jörg Prochaska dreht geübt um. Derweil beobachten die Passagiere einen Graureiher, der interessiert aufs Wasser blickt.
Zurück, vor dem Kraftwerk, gibt es noch ein kleines Päuschen. Der Kahn legt an einem umgekippten Baumstamm an. Jörg Prochaska packt kleine Gläser und zwei Flaschen aus – einen Lemberger aus Roßwag und einen unvergorenen Saft aus Lembergertrauben. Gut gestärkt geht es zurück zum Ausgangspunkt. Danach bietet sich noch ein Spaziergang durch die Stadt und/oder hinauf zum Schloss mit toller Aussicht an.
Unterwegs in der Region
Serie
Urlaub daheim ist alles andere als langweilig. Die Region bietet vielfältige Möglichkeiten für abwechslungsreiche Tage. In unserer Serie „Der Ferientipp“ stellen wir Ausflugsziele vor. Wetten, dass auch für Sie etwas dabei ist?
Anreise
Vaihingen an der Enz erreicht man mit dem Zug Richtung Karlsruhe vom Stuttgarter Hauptbahnhof aus in circa 15 Minuten. Von dort geht es mit dem Bus und zu Fuß weiter. Wer mit dem Auto kommt, findet zum Beispiel gut einen Parkplatz an der Gerberstraße.
Tickets
Infos und Tickets für die Fahrt gibt es unter www.vaihingen.de/freizeit-erlebnis/vaihingen-erleben/stocherkahnfahrten.
Verpflegung
Für das Hüngerchen danach bieten sich einige Gastronomien in der Innenstadt von Vaihingen an oder aber – etwas außerhalb – zum Beispiel das Inklusions-Restaurant Seemühle, das Richtung Roßwag gelegen ist.