Zum Internationalen Frauentag will das Aktionsbündnis 8. März mit einer Demonstration in Stuttgart auf Frauenrechte aufmerksam machen. Der Verdi-Bezirk Stuttgart ruft zu Streiks in Berufsgruppen auf, in denen viele Frauen tätig sind. Die Gewerkschaftssekretärin Ariane Raad erklärt, wofür gestreikt wird.
Am 8. März, dem Internationalen Frauentag, will das Aktionsbündnis 8. März in Stuttgart bei einer Demonstration das Thema Frauenrechte auf die Straßen tragen. Teil des feministischen Aktionsbündnisses ist auch der Verdi-Bezirk Stuttgart. Die Gewerkschaft hat am Internationalen Frauentag zu einem Streik für bestimmte Berufsgruppen aufgerufen. Ariane Raad, Gewerkschaftssekretärin von Verdi Stuttgart erklärt, warum gestreikt wird und weshalb feministische Bewegung und Gewerkschaft zusammenarbeiten.
Frau Raad, Verdi hat für den Internationalen Frauentag am Freitag in Stuttgart einen Streik geplant. Wer soll genau seine Arbeit niederlegen?
Wir rufen die Beschäftigten im Einzel- und Großhandel, der Kliniken in den Landkreisen Ludwigsburg, Böblingen und im Rems-Murr-Kreis und die kommunal Beschäftigten der drei Landkreise zum Streik auf. Hinzu kommen noch die Azubis des Klinikums Stuttgart.
Warum streiken diese Berufsgruppen in Stuttgart und Region?
Wir versuchen, am 8. März Bereiche in den Blick zu nehmen, in denen aktuell Tarifrunden laufen und die für Frauen wesentlich sind. Im Einzelhandel arbeiten überwiegend Frauen. Seit zehn Monaten stockt eine Tarifrunde, obwohl die Frauen dringend eine Gehaltserhöhung brauchen. Die Arbeitssituation ist sehr prekär: viel zu geringes Gehalt, Schichtdienste, Arbeitszeiten, die unterirdisch und oft nicht familientauglich sind.
Und im öffentlichen Dienst und den Krankenhäusern?
Bei den letzten Tarifverhandlungen wollten die Arbeitgeber den Tarifvertrag zur Altersteilzeit nicht verlängern, obwohl das für viele Beschäftigten aufgrund der körperlichen und psychischen Belastungen wichtig ist. Viele Frauen sind im Alter von Armut bedroht, auch aus dem öffentlichen Dienst, in dem überwiegend Frauen arbeiten. Die harten Arbeitsbedingungen und die mangelnde Bezahlung kommen auch daher, dass sogenannten Frauenberufen nicht der nötige Wert beigemessen wird.
Verdi beteiligt sich auch an der Demonstration zum 8. März, die steht unter dem Motto „Wir lassen uns nicht kaputtsparen“. Wo wird denn aus Ihrer Sicht in Stuttgart kaputtgespart?
Das ist kein Stuttgarter Phänomen, sondern zieht sich bundesweit durch. Es fließen riesige Summen in Prestigeprojekte und Aufrüstung, die bei Sozialem und öffentlicher Infrastruktur gebraucht würden. Kein Naturgesetz, sondern politische Prioritätensetzung. Eigentlich ist es viel wichtiger, die Daseinsfürsorge auszubauen. Dazu gehört alles, was der öffentliche Dienst leistet: Pflege und Kitas, aber auch Verwaltung und natürlich die Reinigungskräfte. Das ist gesellschaftlich unverzichtbare Arbeit, die vor allem von Frauen gemacht wird. In Stuttgart gab es bis vor Kurzem nicht genügend Hebammen, es mangelt an Kinderärzten. Und bald sollen Öffnungszeiten von Kitas reduziert werden – zulasten von mehrheitlich Frauen.
Inwiefern trifft das besonders Frauen?
Wenn die Kitazeiten in der Stadt reduziert werden, trifft das Frauen auf beiden Seiten: die pädagogische Fachkraft, weil gleichzeitig die Zahl der Kinder in den Gruppen erhöht werden soll, um mehr aufzunehmen. Aber auch die Mutter, die ihre Arbeitszeit reduzieren und wieder in Teilzeit gehen muss und der nicht nur Einkommen fehlt, sondern deren Abhängigkeit von ihrem Partner im Zweifel steigt – mit allen bekannten negativen Folgen.
Verdi tut sich zum dritten Mal in Stuttgart für den 8. März mit der feministischen Bewegung zusammen. Warum?
Der 8. März ist der feministische Kampftag, und es gehört an diesem Tag einfach dazu, darauf aufmerksam zu machen, wie prekär viele Frauen arbeiten und leben. Es ist gut, dass wir den gewerkschaftlichen Arbeitskampf und den feministischen Kampf nicht gegeneinander denken, sondern miteinander betrachten und führen. Nicht nur die Mutter, deren Kitaplatz in Gefahr ist, in den Vordergrund zu stellen, sondern sie und die Beschäftigten, die völlig am Limit sind.
Sie sprechen vom feministischen Kampftag. Gegen wen wird gekämpft?
Gegen das Patriarchat. Nicht einfach gegen Männer, sondern gegen die Strukturen, die in der Gesellschaft seit Jahrhunderten bestehen und sich auf vielen Ebenen manifestieren. Dass es immer noch überwiegend Frauen sind, die Haus- und Sorgearbeit leisten, oder dass viel mehr Frauen als Männer in sozialen Berufen arbeiten, weil sie abgestempelt sind als Frauenarbeit. Auch Alltagssexismus, patriarchale Rollenbilder und Gewalt gegen Frauen sind Ausdruck dieser Strukturen. Die Rechtsentwicklung der letzten Zeit kann dieses Bild sogar noch verschärfen. Dem müssen wir breit entgegentreten. Der 8. März ist immer wichtig, aber wird in diesem Kontext in den kommenden Jahren noch wichtiger werden.