Zur Demonstration „Leonberg bleibt bunt“ kommen deutlich mehr Teilnehmer als angemeldet auf den Marktplatz. Politische Akteure kommen zu Wort, bevor die Menschen vor das neue Rathaus ziehen. Alles bleibt friedlich.
„Na, ob das was wird“, lautete noch um kurz vor halb 12 am Sonntag auf dem Marktplatz einer der Kommentare, „in unserem verschlafenen Leonberg?“ Doch fast wie auf Kommando füllte sich der historische Stadtkern nur wenige Minuten später. Am Ende waren es laut Polizeiangaben rund 1200 Menschen, die sich unter dem Motto „Leonberg bleibt bunt“ zur Kundgebung und zum anschließenden Demonstrationszug vors neue Rathaus versammelt hatten. Angemeldet war die Veranstaltung mit 500 Menschen gewesen.
Leonberg reiht sich in den Protest-Reigen ein
Seit einigen Wochen gibt es bundesweit an jedem Wochenende große Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und für Demokratie und Vielfalt. Auslöser war eine vom Recherche-Kollektiv Correctiv aufgedeckte Versammlung von hochrangigen AfD-Politikern, Neonazis und finanzstarken Unternehmern, die im November 2023 in einem Potsdamer Hotel über die Vertreibung von Millionen Menschen aus Deutschland diskutierten – mit oder ohne deutschen Pass, mit oder ohne Migrationsgeschichte.
Nun hat sich auch Leonberg in den Protest-Reigen eingereiht. Organisiert hatte die Demonstration die Grünen-Kreisrätin Angie Weber-Streibl, die unter anderem auch im Netzwerk Gartenstadt aktiv ist. Sie brachte in ihrer Ansprache zu Beginn – Punkt Glockenschlag 12 Uhr – auch gleich auf den Punkt, um den es ganz grundsätzlich geht: „Wir wollen in Leonberg keinen brauen Schmodder haben!“
Bei der knapp einstündigen Kundgebung auf dem Marktplatz kamen zahlreiche Rednerinnen und Redner aus der Politik zu Wort, es gab Musikbeiträge, am Ende berichtete Marei Drassdo von der KZ-Gedenkstätte Leonberg aus den Erinnerungen des Holocaust-Überlebenden Ernst Israel Bornstein, der im ehemaligen Engelbergtunnel Flugzeugteile montieren musste und Zeuge des elenden Sterbens seiner Mitmenschen und seiner Familie wurde.
OB Cohn fordert die Bürger zu mehr Zivilcourage auf
An diesem Sonntag, nur einen Tag nach dem Holocaust-Gedenktag, schwor so auch Leonbergs Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD) die Anwesenden ein: „Wir leben Vielfalt in Deutschland, in Baden-Württemberg und vor allen Dingen in Leonberg.“ Er forderte auch Zivilcourage. „Dieser Einsatz für die Gesellschaft ist meines Erachtens etwas verloren gegangen.“ Er schloss damit, dass „wir wachsam, wehrhaft und standhaft sind und für unsere demokratischen Grundwerte einstehen“.
Tobias Bacherle, der für die Grünen im Bundestag sitzt, stellte fest: „Der Leonberger Marktplatz ist sowieso einer der schönsten im ganzen Kreis. Aber so schön wie heute war er noch nie.“ Das „Geschwafel“ im Bundestag und, noch schlimmer, im Potsdamer Hinterzimmer, habe hier keinen Platz. Man dürfe weiterhin unangenehmen Gesprächen nicht aus dem Weg gehen, „weder online noch am Küchentisch beim Familienfest“.
Etwas kontroverser war der Beitrag von Wolfgang Faißt, Bürgermeister von Renningen und Landesvorsitzender der Freien Wähler. Die Politik habe für die Menschen im Land eine „All-Inclusive-Perspektive“ geschaffen. Nun aber kämen Länder und Kommunen an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit – so würden sich rechtsextreme Parteien über unzufriedene Wählerinnen und Wähler freuen. Allerdings: „Jeder Protestwähler trägt die Verantwortung für diese Protestwahl“, so Faißt weiter.
Gefordert: Klartext in der Politik, ohne Worthülsen
Oliver Zander, Vorsitzender des CDU-Stadtverbandes, forderte, dass die demokratischen Parteien „Klartext ohne Worthülsen“ liefern. Jasmina Hostert, SPD-Bundestagsabgeordnete, wies auf ihre eigene Migrationsgeschichte hin – sie stammt aus Bosnien-Herzegowina. Die Betroffenen einer rechtsextremen Herrschaft „wären heute die Menschen mit Migrationsgeschichte, dann die mit Behinderung und schließlich alle Andersdenkenden“. Daran schloss auch Hans-Dieter Scheerer, FDP-Landtagsabgeordneter, an: „Es scheint Menschen in unserer Gesellschaft zu geben, die aus der Geschichte nichts gelernt haben.“ Es gehe nicht nur gegen rechts, sondern für Freiheit, Gleichheit und für die Menschenrechte. Anschließend trugen Berenike Keller und Felicitas Schwarzhaupt vom Leonberger Jugendausschuss noch eine Utopie in Gedichtform vor.
Im Anschluss setzte sich der Demonstrationszug in Gang, über gesperrte Straßen ging es vom Marktplatz zum neuen Rathaus. Dort zerstreuten sich die Teilnehmer schließlich, nach einer komplett friedlich verlaufenen Veranstaltung.
Kreative Schildersprüche
Auswahl
Die Demo-Teilnehmer in Leonberg zeigten sich äußerst kreativ, was die Gestaltung ihrer Protestschilder angeht. Neben Forderungen wie „Nie wieder Faschismus“ oder „Keine Macht der Menschenfeindlichkeit“ gab es zahlreiche weitere Slogans. Hier eine kleine Auswahl: „Nazis essen heimlich Döner!“ „Marzipan statt Naziplan“ „Wer A sagt, muss nicht fD sagen!“ „Kein Sex mit Nazis!“ „Misch dich ein, sage nein!“ „Lieber solidarisch als solide arisch“ „Ich will eine bunte Welt!“„Ich bin 5 und weiß: AfD = doof!“ „Remigriert euch selbst!“ „Conni geht die AfD ärgern“.
Bunte Sticker
Und manchmal reicht auch einfach ein Schild mit einer Sonne und vielen, vielen bunten Glitzerstickern drum herum (gesehen in Händen eines Kindes).