Bei einer Kundgebung haben sich am Freitag rund 300 Bürger für eine bunte Gesellschaft starkgemacht und betont, wie sehr das Land davon profitiert.
Nach dem Geheimtreffen in Potsdam, bei dem rechtsextreme Kreise von massenhaften Deportationen von Ausländern schwadroniert haben sollen, ging ein gewaltiger Ruck durch das Land – und Zigtausende Menschen für Demokratie und Toleranz gingen auf die Straße. Zuletzt waren die Teilnehmerzahlen bei den Demos allerdings hier und da etwas geringer ausgefallen. Nicht so in Marbach. Hier kamen am Freitagabend rund 300 Bürger unter dem Motto „Marbach ist bunt“ auf dem Burgplatz zusammen, um Flagge für Vielfalt zu zeigen. Und im Grunde alle Redner hoben hervor, dass die Gesellschaft genau davon profitiert.
Der Marbacher Alt-Bürgermeister Herbert Pötzsch sagte, dass schon ab den 1960er-Jahren Hunderttausende Arbeiter aus Südeuropa „unser Land mitaufgebaut haben“. All diese Menschen seien längst Teil der Gesellschaft, hätten ihre Kultur mitgebracht. „Und Vielfalt ist Reichtum“, betonte Pötzsch. Sylvia Rall, Geschäftsführerin der Hainbuch GmbH, gab zudem zu bedenken, dass der wirtschaftliche Motor bis heute nur durch Fachkräfte aus dem Ausland am Brummen gehalten werden könne. Im eigenen Unternehmen seien Frauen und Männer aus 16 verschiedenen Nationen tätig. „Und die schaffen alle ganz wunderbar zusammen“, sagte sie. Rall warnte zudem davor, Populisten und „Parteien mit vermeintlich leichten Lösungen“ das Feld zu überlassen. Die AfD wolle sich aus der EU verabschieden. Dabei sei diese Partnerschaft so wichtig. Ein Austritt gefährde die Sicherheit, Arbeitsplätze und somit letztlich den Wohlstand. „Das wäre eine Katastrophe für Deutschland“, sagte die Geschäftsfrau.
Thomas Bantle vom Asylkreis Marbach gab zu bedenken, dass auch kein Altenheim ohne Pflegekräfte mit Wurzeln im Ausland funktionieren würde.
Schüler werben für Demokratie
Eindringlich warben auch Yannic Flad als Schülersprecher des Friedrich-Schiller-Gymnasiums und Paul Lidle, der für den Stadtschülerrat sprach, dafür, die demokratischen Errungenschaften nicht aufs Spiel zu setzen. Und Demokratie lebe von Vielfalt, erklärte Flad. Lidle strich überdies heraus, wie wichtig solche Kundgebungen seien. Auch jetzt noch nach der großen Demo-Welle. Man könne so zeigen, „dass es uns um etwas Längerfristiges geht“. Lidle appellierte an die Teilnehmer, weiter für die Zivilgesellschaft zu kämpfen und für die Freiheit der Meinung, der Sprache sowie gegen Rassismus einzutreten.
Interessant war auch die Perspektive des Grünen-Landtagsabgeordneten Tayfun Tok, der sich als Kind einer Einwandererfamilie freute, dass mit den Kundgebungen zuletzt eine Lanze für eine liberale Demokratie gebrochen wurde. „Das hat richtig gutgetan und tut auch heute gut“, sagte Tok. Er betonte, dass die Vielfalt die Stärke und nicht die Schwäche des Landes sei, das Grundgesetz keine Menschen erster oder zweiter Klasse kenne. Der stellvertretende Marbacher Bürgermeister Michael Herzog richtete zudem den Appell an alle, am 9. Juni wählen zu gehen und sein Kreuzchen bei den demokratischen Parteien zu setzen. Hans Martin Gündner vom Marbacher Solarverein empfahl, im Dialog zu bleiben, Brücken zu bauen und Gräben zuzuschütten. Ähnliche Botschaften vermittelten auch die Lieder, die zwischen den Redebeiträgen auf dem proppevollen Burgplatz präsentiert wurden.
Diskussion als wichtiger Nebeneffekt
Susanne Wichmann, die die Demo mit Nikolai Häußermann angemeldet hatte, zeigte sich von der Resonanz angetan. Man habe eine breite Vielfalt von Menschen erreicht. Und auch Zuspruch von denjenigen erfahren, die nicht persönlich an der Demo hätten teilnehmen können. Fast wichtiger als die Kundgebung selbst sei aber, dass man eine Diskussion über das Thema losgetreten habe, mit Bekannten oder zuhause am Küchentisch. „Wenn es nötig ist, kann man so eine Kundgebung auch wieder machen“, sagt Wichmann. Der Rückhalt wäre sicher da, wird das Marbacher Bündnis für Demokratie und Vielfalt als Veranstalter der Demo doch von vielen Vereinen, Verbänden, Parteien, Kirchen und Initiativen getragen.