Bald soll die Büste der chilenischen Literaturpreisträgerin Gabriela Mistral auf dem Santiago-de-Chile-Platz in der Blumenrabatte bei der rechten Treppe in Degerloch stehen. Foto: Archiv ichael Steinert

Weil Georg Kieferle seit 26 Jahren Honorarkonsul ist, schenkt der Staat Chile ihm – und damit auch der Stadt Stuttgart – eine bronzene Büste der Literaturpreisträgerin Gabriela Mistral. Das Kulturamt will sie aber gar nicht unbedingt haben.

Degerloch - Der Santiago-de-Chile-Platz in Degerloch wird seit seiner Einweihung vor sieben Jahren immer beliebter. Touristengruppen und Einheimische bewundern gleichermaßen die Aussicht. Nun soll der Platz am oberen Kesselrand um eine Skulptur reicher werden: Georg Kieferle, seines Zeichens seit 26 Jahren Honorarkonsul der Republik Chile, hat von eben diesem Staat eine bronzene Büste der Literaturnobelpreisträgerin Gabriela Mistral für seine Verdienste erhalten. Statt sie aber in seinem eigenen Garten aufzustellen, spendet er sie lieber seiner Heimatstadt. Im Herbst möchte er die Büste am Santiago-de-Chile-Platz aufstellen lassen – übrigens ein Platz, den er zu großen Teilen der Stadt Stuttgart gestiftet hat.

Das Kulturamt – so lässt Bezirksvorsteherin Brigitte Kunath-Scheffold ihren Rat in der vergangenen Sitzung wissen – sieht keinen Zugewinn in der Büste. „Das Amt kennt wohl den Platz nicht“, fügt sie lediglich dieser Stellungnahme hinzu. Die Bezirksbeiräte sind hingegen begeistert: „Das ist eine tolle Sache, was soll man da dagegen haben?“, fragt Michael Huppenbauer von den Grünen. „Das ist auf alle Fälle ein Zugewinn“, sagt auch Sebastian Gottschalk (CDU). Und die SPD stößt ins gleiche Horn: Das ist eine Bereicherung für Stuttgart und Degerloch. Kein Wunder also, dass der Beschluss des Bezirksbeirats einstimmig und positiv für das Vorhaben ausfiel.

Die bronzene Büste ist ungefähr 95 Zentimeter hoch, ihr Sockel misst etwa 30 auf 35 Zentimeter an der Basis. Hergestellt hat sie die Gießerei Fundición El Progreso der Familie Rojas Velozo in Santiago de Chile. Weil die Gießerei familiäre Bindungen zu Deutschland hat, spendete sie die Büste der Chilenischen Vertretung in Berlin. Der Botschafter Jorge O’Ryan Schütz wiederum bot sie wegen der freundschaftlichen Bande zwischen Santiago und Stuttgart Georg Kieferle für den Platz auf dem Stuttgarter Haigst an. „Der Platz [...] symbolisiert die Beziehungen zwischen den Städten und macht die Besucher neugierig auf das Land, seine Kultur und seine Menschen“, schreibt der Botschafter an die Stadt Stuttgart.

Büste soll gegen Ende September aufgestellt werden

Die Skulptur soll nun in die Blumenrabatte bei der rechten Treppe am Santiago-de-Chile-Platz platziert werden. Georg Kieferle will eine Attrappe bauen lassen, um den endgültigen Standort auszutarieren. Die Büste weilt allerdings noch in Chile. Georg Kieferle rechnet damit, dass sie Ende September aufgestellt und eingeweiht werden kann.

Die Namens- und Formgeberin Gabriela Mistral (1889 - 1957) hieß eigentlich Lucila Godoy Alcayaga und war eine bedeutende Dichterin, Diplomatin und Pädagogin, die unter ihrem Pseudonym besonders im Bereich der Literatur erfolgreich war. Sie war die erste Lateinamerikanerin und die erste Frau in diesem Bereich, die den Nobelpreis für Literatur im Jahr 1945 gewann. Der SÖS/Linke-Bezirksbeirat Michael Eckel begrüßt als Antiquar und Buchhändler die Schenkung der Büste ausdrücklich. Zur Einweihung schlägt er vor, Lesungen und andere Veranstaltungen zu organisieren, um Mistral bekannter zu machen.

Georg Kieferle freut sich über die Büste: „Für mich als Honorarkonsul ist das eine große Auszeichnung“, sagt der 83-Jährige. Als der Architekt vor 26 Jahren zum Honorarkonsul gewählt wurde, war noch Augusto Pinochet an der Macht – und Kieferle der erste chilenische Honorarkonsul überhaupt in Stuttgart. „Davor gab es kein Konsulat“, erzählt Kieferle. Dabei hat Baden-Württemberg eine ganz alte Verbindung zu dem südamerikanischen Land. Schließlich sind zwischen 1850 bis 1875 viele verarmte Menschen aus dem Ländle nach Chile ausgewandert. „Für deren Nachfahren bin ich verantwortlich“, erklärt Kieferle.

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