Olivier Messiaens Heiligenoper „Saint François d’Assise“ am Staatstheater stiftet Debatten. Stadtdekan Christian Hermes beklagte jüngst die demonstrative Scheu der Inszenierung vor dem religiösen Kern von Musik und Handlung. Ihm antwortet nun der Opernintendant Viktor Schoner – ein Gastbeitrag.
Christian Hermes, der Stadtdekan der katholischen Kirche in Stuttgart, schreibt kürzlich zum Abschluss seines Artikels „Tabu Transzendenz“ in dieser Zeitung: „Natürlich gibt es keinen Gott im Theater, wir sind ja nicht verrückt.“ Gerne rufe ich spiegelnd dem geschätzten Nachbarn über den Eckensee zu: Natürlich ist die Kirche Gottes Ort, nicht die Oper. Aber würde die Kirche anders kommunizieren, dann gäbe es kein Missverständnis und Gott wüsste, wo sein Platz ist. Oder bin ich verrückt?
Zuerst: Dass unsere Inszenierung von Olivier Messiaens Saint François d’Assise in Stadt, Ländle und weit darüber hinaus von Publikum und Medien, vom Stadtdekan und vielen anderen Partnern so ernsthaft begleitet wird, das freut und ehrt uns. Der enorme Publikumserfolg dieses Projekts befreit mich als Intendant aus jeglicher Verteidigungshaltung: Wir sind trotz des herausfordernden Materials vollkommen überbucht.
Der Slogan lautet: „Erlösung durch Verwesung“
Doch nun zur Oper: Dass ein Theologe, und noch dazu einer mit scharfem Verstand, Schwierigkeiten hat mit unserer Interpretation von Olivier Messiaens Werk, das wundert mich gar nicht. Denn die Inszenierung von Anna-Sophie Mahler beschäftigt sich nicht so sehr mit Messiaens eher naivem Katholizismus. Sie schaut mit dem Blick einer 1979 in der BRD geborenen, intellektuellen Theatermacherin von heute auf die Figur des Franziskus.
In den Jahren und Monaten der Beschäftigung mit der Aufgabe, dieses Werk in Stuttgart auf die Bühne zu bringen, stellte sich dem Team immer wieder die Frage, wie Messiaens christliche „Ideologie“, wie die teilweise überraschend simplen Textzeilen mit den außerordentlichen und komplexen Klangwelten des Komponisten zusammenzubringen seien. „Erlösung durch Verwesung“ wurde zum Slogan der Produktion. Anna-Sophie Mahler hat jahrelang mit dem legendären Regisseur Christoph Schlingensief gearbeitet, im Dschungel genauso wie in Bayreuth. Sein dortiger Hase aus dem „Parsifal“ wurde unser Maskottchen und verwies nicht nur auf Joseph Beuys und dessen Mystizismus, der über die theologische Enge des Themas hinausführen konnte.
Franziskus verwandelt sich zum Schluss wieder zum Künstler
Christian Hermes hat recht: Im Theater gibt es keinen heaven, noch nicht einmal einen sky, sondern einfach nur eine Obermaschinerie. Und so ist vielleicht der entscheidende Moment dieser Inszenierung genau dann erreicht, wenn das Publikum glaubt, es sei schon vorbei: Der Sänger Michael Mayes kommt nach acht Stunden Arbeit, nach Vollendung einer der härtesten Partien der Opernliteratur, nach einer szenischen Metamorphose vom Konzertsänger zum Franziskus zur über der Bühne schwebenden Libelle wieder herab auf die Bretter, die eben noch die Welt bedeutet haben.
Lächelnd, erleichtert und warmherzig entledigt er sich der Stahlseile und Karabiner, der Flügel und des Kostüms und nimmt den Applaus entgegen. Im Theater schminkt man sich jeden Abend ab. Das ist der Unterschied zur katholischen Eucharistie: Da geht es um eine liturgische Realität – das ist kein Spiel. Da ist klar, wer Gott ist. Oder zumindest, wer darüber entscheidet.
In der Oper geht es um eine Versuchsanordnung. Bei „Saint François“ bedeutet das konkret, die Natur in verschiedensten konkreten Formen von der Gottesanbeterin bis zum „Blob“ als Übersetzung des Unsagbaren zu verstehen. Die überirdische Musik von Oliver Messiaen hilft dabei, die Brücke zu bauen. Das keinen Zweifel zulassende, reine C-Dur am Ende ist allerdings in der realen Welt für viele von uns fast unerträglich. Allein, es wirkt. Für den Katholiken Messiaen und den gläubigen Theologen ist es vermutlich logische Notwendigkeit.
Es gibt eine Sehnsucht nach Gemeinschaft
Die musiktheatrale Beschäftigung mit christlichen Mythen treibt uns als Staatsoper derzeit um: Die szenische Umsetzung der Johannes-Passion im vergangenen April und nun die Produktion von „Saint François“ haben Zehntausende von Opernbesuchern erlebt. Oft sah ich Begeisterung. Moritz Kallenberg, der Evangelist in Johann Sebastian Bachs Oratorium, wurde wie ein Rockstar gefeiert; ähnlich ergeht es Michael Mayes als François. Es gibt also ganz offensichtlich eine Sehnsucht in unseren westlichen Stadtgesellschaften nach Gemeinschaft, nach Momenten des Rituals, des Sich-gemeinsam-auf-den-Weg-Machens, nach emotional herausgehobenen, mit anderen geteilten Erlebnissen.
Wie so etwas in Zukunft aussehen könnte, wurde gerade in Workshops auf der Urban Future Conference erarbeitet – Faktencheck: von Kirche oder Oper war da wenig die Rede! Aber wer übernimmt denn in naher und mittlerer Zukunft die traditionelle Rolle des Gemeindesaals, des institutionalisierten Gastgebers im Geiste des Unsagbaren?
Kein Dresscode, keine Bourgeoisie
Und hier kommt die eigentlich entscheidende Frage der Stuttgarter Inszenierung von „Saint François d’Assise“ zum Tragen: Das Publikum knüpft Verbindungen an diesem Tag, es ist dem Alltag enthoben, es tauscht sich aus. Keine Form von Elitarismus, Dresscode oder Bourgeoisie. Eher eine Versammlung von Citoyens.
Denn: Das Publikum, darunter übrigens ziemlich viele junge Leute, macht sich im Laufe des Tages tatsächlich Gedanken über die komplexe Verbindung aus Spiritualität, Religiosität, Natursehnsucht im 21. Jahrhundert; es räsoniert über die Figur des Franziskus als Vertreter einer Letzten Generation, seinen Orden und seine Hoffnung nach Erlösung – und es erlebt dies alles sehr emotional. Das ist Oper! Ein echtes Gesamtkunstwerk, das Raum lässt für mehrere große Fragen gleichzeitig – und oberflächlich nur, wenn man sich auf Antworten nur einzelner Fragen kapriziert, aber wirksam und einzigartig, wenn man das Gesamterlebnis zulässt. Die condition humaine im Gesamtkunstwerk.
Im Theater wird Theater gespielt
Oder in den Worten des Ahnherrn dieser Diskussion: „Man könnte sagen, dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei, den Kern der Religion zu retten, indem sie die mythischen Symbole, welche sie im eigentlichen Sinne als wahr geglaubt wissen will, ihrem sinnbildlichen Werte nach erfasst, um durch ideale Darstellung derselben die in ihnen verborgene tiefe Wahrheit erkennen zu lassen.“ So Richard Wagner in „Religion und Kunst“.
Tabu Transzendenz? Ja, klar. Im Theater spielen wir Theater. Für das Göttliche sind andere zuständig. Ob unsere „Saint François“-Pilgerreise mit der Musik von Oliver Messiaen allerdings bei der*m einen oder anderen Zuschauer*in transzendente Augenblicke auslöste und eine Ahnung von Gott zuließ? Darüber müssen wir uns, ob Opernintendant oder Stadtdekan, mit unserem wunderbaren Publikum, einer Gemeinde im weitesten Sinne, austauschen.
Hierfür gibt uns die noch bevorstehende letzte Vorstellung Gelegenheit. Ich freue mich wie verrückt darauf.
Mehr zum Autor und zur Aufführung
Staatstheater
Viktor Schoner, Jahrgang 1974, ist seit Sommer 2018 Intendant der Staatsoper Stuttgart.
Aufführung
Die letzte Vorstellung von Olivier Messiaens Oper „Saint François d’Assise“ in der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler beginnt am 9. Juli um 14 Uhr im Opernhaus und endet gegen 22.15 Uhr. Sie ist ausverkauft; es gibt eventuell Restkarten unmittelbar zuvor an der Opernkasse.