Der Trigema-Chef hält nichts von Heimarbeit. Doch sie ist längst nicht mehr wegzudenken aus dem Arbeitsleben. Viele Chefs müssen sich daran noch gewöhnen, meint unser Autor Eberhard Wein.
Endlich sagt es jemand: „Wenn einer zu Hause arbeiten kann, ist er unwichtig“, hat der Burladinger Trigema-Chef Wolfgang Grupp gerade in seiner kompromisslosen Art verkündet. In seinem Unternehmen auf der Schwäbischen Alb arbeitet von rund 1200 Mitarbeitern kein einziger im Homeoffice. In der Produktion ist das sowieso nicht möglich, aber auch in der Verwaltung habe das kein Mitarbeiter von ihm verlangt. Und Grupp, so viel ist klar, hätte es auch nicht genehmigt.
Vielen Chefs dürfte der 81-jährige Unternehmenspatriarch aus der Seele geredet haben. Denn das liegt in der DNA eines jeden Vorgesetzten: Man will nicht nur wissen, dass die Mitarbeiter arbeiten – man will sicher sein. Und das geht am besten, wenn man sie mit den eigenen Augen sieht. Bei Trigema geschieht dies übrigens im wörtlichen Sinne. Schon vor Jahren hat Grupp die Trennwände herausreißen lassen, selbst die zu seinem eigenen Büro. Sogar wenn Grupp-Sohn Wolfgang am Besprechungstisch Verhandlungen führt, sitzt ihm der Papa nur wenige Meter entfernt im Nacken.
Jeder zweite Job eignet sich fürs Homeoffice
Das alles mag nach einer etwas schrulligen Unternehmensführung klingen. Allerdings ist Grupp erfolgreich – zumindest „bisher“, wie er selbst an dieser Stelle gerne einschränkt. Ob seine Ideen auch außerhalb seines Burladinger Textilreichs in heutiger Zeit noch zur Nachahmung empfohlen werden können, ist aber fraglich. Fast jeder zweite Job, so hat das Ifo-Institut ermittelt, eignet sich fürs Arbeiten zu Hause. Und jeder vierte Arbeitnehmer nimmt diese Möglichkeit regelmäßig in Anspruch. Die Zahl hat sich nach der Coronapandemie stabilisiert. Ein Recht auf Homeoffice gibt es nicht, aber die Verankerung im Arbeitsvertrag ist vielen Arbeitnehmern etwas wert: Es ersetzt laut Ifo eine achtprozentige Lohnerhöhung. Wer frisch von der Uni kommt, ist es ohnehin gewohnt, am heimischen Küchentisch zu arbeiten, und fordert dies bei Bewerbungsgesprächen auch ein.
Viele Vorgesetzte sind verunsichert
Doch was bringt das dem Arbeitgeber? Diese Debatte hat Grupp nun jedenfalls wieder kraftvoll eröffnet. Und irgendwie haben alle recht. Zum Beispiel der Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer: „Wenn du jemandem nicht zutraust, dass er zu Hause arbeitet, dann hättest du ihn gar nicht erst einstellen sollen“, sagt er und warnt vor der „Wiederkehr der Präsenzkultur“. Es komme nicht darauf an, wie viel Zeit jemand in der Firma verbringe, sondern auf das Ergebnis.
Doch möglicherweise haben viele Chefs ein Problem, genau dies zu messen – gerade wenn sie selbst fachlich unsicher sind. Doch Betriebsräte wachen wacker darüber, dass keine zusätzlichen Kennziffern eingeführt werden, die starr nach Quoten oder mithilfe Künstlicher Intelligenz die Effektivität der einzelnen Mitarbeiter messen. Denn auch dies ist richtig: Die Schwierigkeiten, die bei der Lösung einer Aufgabe auftreten, lassen sich oft nur schwer quantifizieren. Am Ende könnte belohnt werden, wer sich geschickt die einfachen Arbeiten sichert.
Für Führungskräfte wird es anspruchsvoller
Insofern bleibt die Arbeitszeit momentan die einzige unumstrittene Größe. Führungskräfte müssen darauf reagieren und ihr Augenmerk noch mehr darauf lenken, ihr Mitarbeiterteam beisammen zu halten, damit niemand im Homeoffice verloren geht und um der Kreativität, die sich in Präsenz besser entwickelt, Raum zu geben.
Eigentlich könnten die Betriebe nun getrost ihre Büroflächen verringern. Doch nur sehr wenige beabsichtigen dies. Offenbar hoffen viele Chefs insgeheim noch auf die Rückkehr ihrer Mitarbeiter. So ganz scheint Grupps Firmenphilosophie doch nicht aus der Zeit gefallen zu sein.