Im Nassachtal bei Göppingen wohnt seit vier Jahrzehnten der Künstler Kurt Gminder. Ebenso lange diskutieren die Menschen, ob sein aus Bauabfällen erbautes Haus ein Künstlerhaus mit Charme ist oder eine Ruine. Ein Besuch.
Er zürnt. Sein Haus soll er zeigen, seine Zeit schon wieder opfern. Andere kämen dabei zu Geld, er höchstens zu Ruhm. Die Fragen der Reporterin seien eh zu lapidar, überhaupt werde er, seit er sein Haus nun für eine kurze Zeit für Besucher geöffnet habe, dauernd immer nur dasselbe gefragt. Ein Unding. Die Reporterin könne ja wiederkommen, wenn sie seine Ausführungen, die er niedergeschrieben hat, konzentriert durchgelesen habe. Mit den richtigen Fragen dann aber bitteschön. Ja, seine Überlegungen zu dem Haus werde er per E-Mail schicken. Wenn auch nicht unbedingt gerne. Da, auf diesem Blatt Papier, könne jeder Besucher seine Mailadresse hinterlassen.
Kurt Gminder ist kein Menschenfreund. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Es sprechen ja auch schon alle äußeren Umstände dafür, dass er so ist, wie er ist – oder zu sein scheint: nämlich kauzig. Gminder ist Künstler, lebt alleine und zurückgezogen auf dem Land. Allerdings im schönen Nassachtal bei Göppingen, dessen Landschaft so sanft und lieblich ist wie der Bach, der durch sie hindurchfließt. Das Haus des Künstlers passt sich hier organisch ein. Wie ein seltsam anmutender Haufen Steine, überwuchert von Gras und Gestrüpp, liegt es vor einem, am Rande einer Wiese. Die Türöffnung gleicht einem Höhleneingang.
Lehm, Stroh und Kuhmist
Seit nunmehr genau 40 Jahren bastelt der Bildende Künstler Kurt Gminder an diesem postmodernen Gesamtkunstwerk. Daran erinnert sich auch ein Besucher, ein älterer Herr, der den Tag der offenen Tür nutzt, um sich mit Hilfe seiner Kompaktkamera hier mal genau umzuschauen. „Ich habe Sie gesehen, wie sie anfingen zu bauen, mit Ihren eigenen Händen und mit Lehm, Stroh und Kuhdreck.“ Gminder nickt. Ja, Kuhmist, Balken und Glasfenster von Abrisshäusern – er hat in seinem Haus alles zusammengefügt, was nicht zusammengehört. Oder doch?
Daran scheiden sich seit Jahrzehnten die Geister. Für die einen ist es ein kreatives Künstlerhaus mit Charme, für die anderen ein Schrotthaus, gar ein Schandfleck. Doch was motivierte Gminder, dieses Haus so zu bauen, wie es jetzt dasteht? Es ist nicht allein die Tatsache, dass er aus einer Schrotthändler-Familie stammt, sondern auch der Verlust von einer „Menge an wunderschön gestalteten, uralten Häusern“ seiner Heimatstadt Kirchheim unter Teck, wie er sagt. „Zuerst verschwand das schönste Fachwerkhaus, dann das zweitschönste. Es fielen auch ganze Villen“, erinnert sich Gminder.
Der Künstler hat sich quasi schon früh um Nachhaltigkeit und Denkmalschutz bemüht: Bei ihm sind noch viele Sandsteine und bunte Glastüren aus diesen Gebäuden zu bewundern. Auch aus vielen anderen Kirchheimer Abbruchhäusern hat er eine Menge Bauholz ins Nassachtal verpflanzt. Besonders viele Eichenbalken fielen beim Abbruch einer Metzgerei in der Fußgängerzone an. „Einige davon hatten sogar den Stadtbrand im Jahr 1690 heil überstanden, sie stammen noch aus dem 13. Jahrhundert“, sagt Kurt Gminder.
Doch auch von der Hippie-Bewegung war Gminder inspiriert, er wollte hin zu einem bescheidenen, alternativen Lebensstil, „mit barfuß laufen, nackt rumspringen und frei, autonom, unabhängig und entschleunigt sein, mit Meditation und spirituellem Touch“. Gminder lehnt sich in seinen Gartenstuhl zurück: „Als ich sechs Jahre alt war, hat meine Mutter zu mir gesagt: ‚Junge, du baust später mal dein Traumhaus’ – wenn das nicht Intuition war“.
Oder einmal habe er vor Publikum gewürfelt, erzählt Gminder, und die erforderlichen zehn Augen geworfen. „Das ist auch Intuition. Die eines Künstlers. Aber darüber schreiben die Journalisten alle nicht in der Zeitung.“ Dabei sei das Intuitive die treibende Kraft überhaupt. Auch bei seinem Hausbau. Acht Jahre brauchte er, bis das Haus bezugsfähig war. Erbaut von eigener Hand – und mit der Hilfe von Künstlern, Interessierten, billigen Arbeitskräften, Alkoholikern. Das Haus war einigermaßen kostengünstig, aber freilich darf man die unzähligen Arbeitsstunden nicht mitrechnen.
Hexenhaus, Wohnhöhle, Irrgarten und Spielplatz
Dann zog Gminder ein, damals mit seiner Frau und den zwei Töchtern. Gewiss ist das Haus ein Paradies für Kinder, zumindest für kleine. Eine Mischung aus Hexen- und Geisterhaus, ein einziger großer Spielplatz, ein Irrgarten, eine Wohnhöhle, die sich quasi ständig neu erfindet. Inzwischen sind alle aus dem Haus, in alle Winde verstreut. Seine Töchter wohnen in Freiburg und Hamburg. Man merkt ihm an: Das beschäftigt ihn.
Kurt Gminder sitzt also alleine im Nassachtal. Doch nicht tatenlos. Bald sind ein paar neue Fenster nötig, vor allem aber schraubt er immer noch an seinen Kunstwerken. Wie zuletzt an einem Kreuz aus Spielzeugautos, das neben vielen anderen Objekten in seinem riesigen Skulpturengarten stand und beim letzten Unwetter in alle Winde verweht wurde. Wie seine Familie. Die meisten Autos hat er wieder eingesammelt und neu zusammengefügt.
Einen Teil seines Hauses möchte er gerne vermieten: „Aber ich bin wählerisch, das muss dann schon passen.“ Bei anderen Untermietern ist er nicht so kritisch: „In den 90er Jahren kam das Denkmalschutzamt daher und verlangte, ich solle das ganze Haus wegen des Holzwurms chemisch behandeln.“ Er hat sich natürlich geweigert. Noch heute steigt ihm die Zornesröte ins Gesicht, wenn er davon erzählt. Zu seinem Glück kam nur kurze Zeit später ein neues Gesetz heraus, das untersagte, Innenräume derart zu behandeln. Und so kann er jetzt werben mit: „Künstler-Bio-Haus in Uhingen-Nassach, 100 Prozent chemiefrei!“
Der Mann mit der Kompaktkamera kommt aus dem Haus, das auch Innen besichtigt werden kann. „Ich habe geguckt, wo Sie ihr Dynamit versteckt haben“, sagt er. Gminder lächelt milde und erzählt ihm, den anderen Gästen und der Reporterin, die noch immer da sitzt, quasi in einem Atemzug von John F. Kennedy, Joseph Beuys, Bhagwan, Marilyn Monroe und Ufos.
Es wirkt. Die Gäste verabschieden sich nacheinander. Nur der Kompaktkamera-Mann und die Reporterin sind noch da. Der Mann redet und redet. Plötzlich springt Gminder auf und verschwindet in Inneren seines Hauses. Der Mann ist leicht irritiert. „Wenn man anders ist und anderes macht als die Allgemeinheit, dann gilt man gleich als schrullig“, sagt er. Dann packt er seine Kamera ein und zieht seines Weges.
Im Haus herrscht ein solides Künstler-Chaos. Puppenköpfe finden sich auf Regalen und blicken von oben auf die Besucher herab, überall steht, liegt oder hängt etwas – nicht zuletzt Gminders Gemälde. Ein Haus wie ein Wimmelbild, an dem man sich nicht sattsehen kann. Das nie langweilig wird. Und wie man so schaut und staunt, denkt man, dass es schön ist, wunderschön. Das Haus im Ganzen ist fast wie ein Abbild der Welt in all ihren Facetten. So was kann ja eigentlich nur jemand erschaffen, der das Leben liebt. Und wahrscheinlich sogar die Menschen, in all ihren Eigenarten. Zumindest ganz tief im Inneren. Gut versteckt.
Kurt Gminder taucht plötzlich aus einer dunklen Ecke seines Hauses auf: „Der war anstrengend“, sagt er und lächelt schelmisch. Die Reporterin will sich ebenfalls verabschieden. „Können Sie noch was für mich machen?“, fragt Gminder. An einem übervollen Schreibtisch steht ein riesiger Apple-Bildschirm, der etwas deplatziert wirkt. Aus den Boxen erklingt sphärische Musik. Gminder drückt ihr eine Liste in die Hand, die mit den Mailadressen. „Können Sie meine Ausführungen für mich verschicken? Ich tue mich schwer damit . . . ja, auch an Sie selbst.“ Schon geschehen. Gminder drückt den Arm der Reporterin. „Danke.“