Leinen los! Am 10. April 1912, 12 Uhr, verlässt die Titanic den Hafen von Southampton.Foto:Jens Ostrowski Foto:  

Wie fanden Leo Zimmermann und Georges Jouannault den Tod beim Untergang der Titanic? Wie schaffte es Luise Kink, in ein Rettungsboot zu gelangen? Drei Passagiere aus Baden-Württemberg und ihre Geschichte.

Enzberg/Southampton - Am 10. April 1912 weht ein kühler Nordwestwind über den Hafen von Southampton. Das Thermometer zeigt 10 Grad. An diesem nebligen Mittwoch geht das größte Schiff der Welt auf Jungfernfahrt: 269 Meter lang, 28 Meter breit, 40 Meter von der Wasserlinie bis zur Spitze der vier Schornsteine. An Bord: 1300 Passagiere und 900 Crewmitglieder. Kurz vor 12 Uhr sind alle Gangwayluken geschlossen. Leinen los! Sechs Schlepper ziehen die Titanic vom Anlegeplatz weg.

 

Die White Star Line bietet den Passagieren der Atlantiküberquerung neben dem Speisesaal auch die Kulinarik eines À-la-carte-Restaurants im zierlich-eleganten Louis-seize-Stil. Zur Küchenmannschaft zählt Georges Jouannault, Sohn eines französischen Vaters und einer deutschen Mutter. Er ist in Stuttgart zur Welt gekommen, in der Charlottenstraße aufgewachsen. Seine Familie arbeitet seit Generationen im Hotelgewerbe.

Im Sommer 1911 kochte Jouannault noch für Hotelgäste in einem französischen Heilbad. Danach führte ihn sein Weg nach London, wo er auf dem schwimmenden Titanic-Restaurant anheuerte. Unter dem Chefkoch Pierre Rousseau ist der 24-Jährige dort Assistent des Sauciers.

Die vertäfelten Wände und Axminster-Teppiche im Salon, die edlen Kristalllampen, die auf den Tischen leuchten, bekommt er an seinem Herd nicht zu Gesicht. Den Swimmingpool mit weißen Kacheln von Villeroy & Boch. Das Treppenhaus Erster Klasse, wo Mahagoniholz, tiefe Teppiche, Korbmöbel und Palmen eine angenehme Atmosphäre schaffen.

Die beiden teuersten Suiten sind gebucht von Bruce Ismay, dem Direktor der White Star Line, und der Millionärin Charlotte Cardeza, die mit ihrem Sohn Drake reist. Sie haben sogar eine Privatpromenade. Daneben, in der Ersten Klasse, tummelt sich die gesammelte amerikanische und europäische Hochgesellschaft. Die Kabinen sind mit einer Badewanne ausgestattet – absoluter Luxus damals.

Die Auswanderer in der Dritten Klasse

Weiter unten, bei den Passagieren der Dritten Klasse, geht es einfacher zu. 700 Auswanderer fahren mit der Titanic nach Amerika, um ihr Glück zu suchen. Zu ihnen gehören die 24-jährige Luise Heilmann, geboren in Enzberg bei Mühlacker, und ihre kleine Familie. Mit 20 Jahren ist sie ganz allein in die Schweiz ausgewandert. In Zürich heiratete sie Anton Kink, einen Monat später kam ihre Tochter zur Welt. Anton träumt davon, sich in Amerika eine eigene Farm leisten zu können. Diesem Traum folgen auch seine jüngeren Geschwister Maria und Vinzenz. Keiner von ihnen beherrscht nur halbwegs die englische Sprache. Erster Anlaufpunkt in der neuen Welt soll Antons Onkel Alois in Milwaukee, Wisconsin, sein.

Noch nicht lange her, da hätte sich Luise Kink ihre eigene Verpflegung für die Schiffsreise mitbringen müssen. Die Titanic setzt auch in der Dritten Klasse Maßstäbe: Es gibt keine Schlafsäle, sondern einfach gehaltene, aber gemütlich eingerichtete Kabinen. An weiß gedeckten Tischen des Speisesaals auf dem F-Deck werden drei Mahlzeiten täglich serviert.

Vielleicht begegnet sie dort auch Leo Zimmermann. Der 31-Jährige kommt aus einem Dorf bei Todtmoos. Um der Armut und Perspektivlosigkeit im noch arg rückständigen Hochschwarzwald zu entfliehen, will er seinem Bruder folgen, der seit zwei Jahren in Kanada lebt.

Am 14. April, einem Sonntag, nähert sich die Titanic der Eisregion im Nordatlantik. An Deck herrscht jetzt Kälte, die selbst innen zu spüren ist. Manche Passagiere sitzen mit Mänteln und Pelzen in den Aufenthaltsräumen, beklagen sich, dass das Schiff nicht besser beheizt wird.

Kaviar und Kiebitz-Eier

In der Küche hat Georges Jouannault an diesem Abend alle Hände voll zu tun. Das Restaurant ist bis auf den letzten Platz besetzt, die berühmtesten Passagiere speisen hier. Die Tische sind geschmückt mit blassroten Rosen und weißen Gänseblümchen, die Frauen in schimmernde Seidenroben gehüllt, die Männer elegant und gepflegt gekleidet. Das Streichorchester spielt Tschaikowsky. Es gibt Kaviar, Hummer, Wachteln aus Ägypten, Kiebitzeier, Pfirsiche und Gewächshaus-Weintrauben. Gegen 22 Uhr teilen die Stewards noch Tee und andere Erfrischungen aus. Reverend Carter schließt den Abend mit einem Gebet für das neue Schiff.

Um etwa 23.40 Uhr klingt ein dreimaliger Glockenschlag vom Krähennest durch die Nacht, der Späher meldet über Telefon zur Brücke: „Eisberg voraus!“ William Murdoch, der Leitende Offizier, lässt das Ruder sofort „hart Steuerbord“ legen, die Maschinen rückwärts laufen und die wasserdichten Türen schließen. Aber es ist schon zu spät. Der Eisberg beschädigt die Titanic unter der Wasseroberfläche.

Im Kabinentrakt der Ersten Klasse ist ein leichtes Zittern zu spüren, begleitet von einem Geräusch, als ziehe man ein Ruderboot über einen Kiesstrand. Weiter unten indes wird Leo Zimmermann durch das Getöse aus dem Schlaf gerissen. Auch Anton Kink vernimmt in seiner Männerkabine einen furchtbaren Stoß. Er schaut auf seine Uhr: 23.45 Uhr. Die Männer ziehen das Nötigste an und gehen an Deck. Die Nacht ist klar. Kink sieht deutlich einen Eisberg. Und auf dem Welldeck, das als Außenbereich für die Dritte Klasse dient, liegen große Mengen Eis. Die Besatzung versichert: Kein Grund zur Sorge.

Um Mitternacht neigt sich die Titanic schon nach Steuerbord und zum Bug hin. An Deck ist von der unmittelbaren Gefahr noch kaum etwas zu spüren. Kink will zurück in seine Kabine, um sich etwas Wärmeres anzuziehen. Da sieht er, wie durch einen Treppenschacht, der zu den unteren Decks führt, das Wasser nur so in die Korridore schießt. Er watet, so schnell er kann, mit seinem Bruder durchs wadenhohe eiskalte Meerwasser zu den Frauenkabinen, wo seine Frau und seine Schwester wach im Bett liegen. Sie nehmen das Kind, ein paar Decken und machen sich auf zur Promenade der Dritten Klasse.

Im Treppenhaus der Ersten Klasse spielt das Orchester

Im Treppenhaus der Ersten Klasse spielt das Schiffsorchester zur Beruhigung der Passagiere. In den Aufenthaltsräumen, den Vorhallen der Treppenhäuser und auf dem Bootsdeck haben sich jetzt sehr viele Menschen versammelt, teilweise nur in Schlafanzügen oder Nachthemden. Die 67 Bediensteten des Restaurants, darunter wohl auch Georges Jouannault, stecken noch in ihrer Dienstkleidung und wollen raus. Sie werden von Stewards daran gehindert, das Treppenhaus zum Bootsdeck zu erreichen. Passagiere haben Vorrang!

Eine Stunde nach der Kollision, um 0.40 Uhr, geht das erste Rettungsboot zu Wasser – mit 29 Personen gerade mal zur Hälfte besetzt. Viele sehen nicht ein, die hell erleuchtete Titanic gegen ein kleines, der See ausgesetztes Rettungsboot einzutauschen. Es herrscht noch wenig Aufregung. Stewards reichen den Passagieren Decken, Gentlemen legten ihre Mäntel um die Schultern frierender Frauen.

Die Titanic bewegt sich wieder aus ihrer Steuerbordschieflage, weil die fünf vorderen Abteilungen gleichmäßig vollgelaufen sind. Aber sie hat schon merklich Schlagseite Richtung Bug. Auf dem Deck der Dritten Klasse gibt es keine Rettungsboote. Vor der schmalen Treppe zur Zweiten Klasse bildet sich eine Menschentraube. Alle wollen nach oben. Menschen klettern über die Geländer. Vielleicht auch Leo Zimmermann. Anton Kink und seine Familie verlieren in dem Gedränge seine Schwester und den Bruder. Es wird kein Wiedersehen mehr geben.

Gegen 1.20 Uhr erreichen sie backbords das Bootsdeck. Ein Steward nimmt Anton Kink die vierjährige Tochter aus den Armen, geht mit ihr zum Rettungsboot Nummer 2. Luise folgt ihm. Anton will auch hinterher, doch ein Matrose stößt ihm die Faust in die Brust. Klares Zeichen: Keine Männer! In einem günstigen Moment schlüpft der Vater trotzdem durch die Absperrung und schafft es gerade noch ins Rettungsboot. Es ist 1.45 Uhr.

Die Menschen in den Rettungsbooten

Kurz darauf taucht das Vorschiff der Titanic unter. An der Bugspitze verschwindet die Reling. Innerhalb weniger Minuten erreicht das Meer den Fuß des Mastes. Die Bullaugen des C-Decks tauchen unter. Fast ein Viertel des Schiffs ist schon verschwunden. Immer noch sind etwa 1500 Menschen an Bord. Verzweiflung und Todesangst greifen um sich. Zwei Priester bahnen sich betend Schritt für Schritt den Weg durch die Menge hinauf zu dem steil aufragenden Deck. Um sie herum fallen die Menschen auf die Knie, weinen, flehen um Hilfe, sprechen ihre Beichte. Es erklingt das gemeinsame Vaterunser. Andere rennen von Panik besessen zum höchsten Punkt des Hecks, stürzen zu Aufgängen und Leitern, möglichst weit weg vom Wasser.

Das Hinterteil der Titanic zeigt jetzt wie ein drohender Finger 50 Meter in den sternenklaren Nachthimmel. Es gibt kein Halten mehr. Wer sich ganz oben auf dem Deck an Relings, Kräne, Poller geklammert hat, fällt ins Meer. Unglaublicherweise brennen noch viele Lichter. Dann gehen sie aus. Die Unglücksstelle ist urplötzlich nachtschwarz.

Luise Kink und ihre Familie hören in sicherer Entfernung die Schreie der auf der Titanic zurückgebliebenen Menschen. Als auch der letzte Flaggenmast am äußersten Ende des Hecks vom Meer verschluckt wird, bleibt zu ihrem Glück der gefürchtete Sogwirbel aus, wie ihn eigentlich jeder beim Untergang eines derart gewaltigen Schiffes erwarten würde.

In Boot 7 fordert der Matrose George Hogg die Ruderer auf, zur Untergangsstelle zurückzukehren. Obwohl die Bänke nur zur Hälfte besetzt sind, wird er von einer hysterischen Mehrheit überstimmt – aus Sorge, das eigene Boot könnte von den Verzweifelten zum Kentern gebracht werden. Allein Rettungsboot 4 paddelt sofort nach dem Untergang zum Unglücksort und kann noch mehrere Männer aus dem Wasser retten. Alle anderen Boote bleiben in sicherer Entfernung – oder nähern sich erst, als es schon zu spät ist. Der Tod hat es hier eilig. Nach wenigen Minuten herrscht schon Stille. Die Menschen sind erfroren im eiskalten Nordatlantik.

Die Lichter der Carpathia

Zwei Stunden und 40 Minuten nach dem Aufschlitzen ist das weltgrößte Schiff von der See verschluckt. 1500 Menschen sind gestorben. Darunter Leo Zimmermann aus Todtmoos und Georges Jouannault aus Stuttgart. Unter welchen Umständen sie ihr Ende fanden, kann keiner genau sagen. Vielleicht wurden ihre Leichen geborgen – identifiziert wurden sie nie.

Zwei Stunden nach dem Untergang sehen die Überlebenden die Lichter der Carpathia. Sie hatte nach dem Notruf sofort Kurs auf die Titanic genommen. Mit dem ersten Rettungsboot, das längsseits der Carpathia anlegt, kommen Anton und Luise Kink mit ihrer Tochter an Bord. Die Kleine wird in einen Sack gesteckt und mit einem Seil an Deck gehievt. Ihre Eltern folgen über die Strickleiter.

Als Titanic-Überlebende werden sie zur Attraktion. Sie touren durch Wisconsin, um von ihren Erlebnissen zu berichten – als Rahmenprogramm neben dem „Tanzenden Texas Tommy“ und einem schottischen Bauchredner. So können sie wenigstens ihr erstes amerikanisches Geld verdienen, das sie dringend nötig haben.

Später arbeitet Anton Kink in einer Fabrik und spart so lange, bis sich die Familie eine Farm pachten kann. Doch das Glück hält nicht. Sieben Jahre nach dem Untergang lässt sich das Ehepaar scheiden. Anton geht zurück nach Europa. Luise bleibt mit der Tochter, heiratet wieder. Über die Titanic spricht sie im Alter nicht mehr gern. Sie stirbt 1979. Ihr Grab ist auf dem Sunnyside-Friedhof in Milwaukee, 7000 Kilometer vom Enztal entfernt.

Die Reportage „Fahrt zur Hölle“ fußt auf Recherchen von Jens Ostrowski.Der Journalist aus Dortmund, Jahrgang 1982, hat sich in seinem Buch „Die Titanic war ihr Schicksal – Die Geschichte der deutschen Passagiere und Besatzungsmitglieder“ (Hardcover, 176 Seiten, farbig illustriert, 49,90 Euro, ISBN: 978-3000668036) mit Menschen befasst, die von dem Unglück heimgesucht wurden. Es ist erhältlich direkt beim Autor unter www.jensostrowski.de.