Das Sams ist die bekannteste Figur des Kinderbuchautors und Illustrators Paul Maar (rechts). Jetzt feiert sein Wesen mit den Wunschpunkten 50. Geburtstag. Foto: Nicolas Armer/dpa

Das Sams brachte vor 50 Jahren nicht nur ein bisschen Anarchie ins Kinderzimmer. Paul Maars ungewöhnliches Wunschpunkt-Wesen bleibt in vielen Beziehungen sehr aktuell.

Kinderbuchheld müsste man sein! Da wäre man wie Karlsson vom Dach immer in den besten Jahren, einer wie Pippi Langstrumpf bleiben schwindende Kräfte und graue Haare selbst im fortgeschrittenen Alter erspart. Am 50. Geburtstag noch frisch und frech wie am ersten Tag? Das Sams weiß besonders gut, wie das geht.

 

Im August 1973 schlug Paul Maars Fantasiefigur als Findelkind im Leben von Herrn Taschenbier auf – und beim Lesepublikum ein wie eine Bombe. Elf Bände sind bislang erschienen, die Sams-Fans betteln um mehr. „Ein zwölfter Sams-Band ist in Arbeit“, verspricht der inzwischen 85-jährige Autor.

Kinderbuchheld ohne Patina

Warum hat gerade das Sams keine Patina angesetzt? Tatsächlich ist der Held, den Paul Maar sich als Mittdreißiger ausdachte, auch heute noch der Zeit voraus. Oder müsste man besser das Held sagen? Paul Maars Trick, das anarchische Sams neutral zwischen die Geschlechter zu platzieren und so Jungs und Mädchen zugleich anzusprechen, wirkt verblüffend aktuell – besonders in einem Umfeld, in dem die Diskussion um eine gendergerechte Sprache die Gemüter so zuverlässig erhitzt wie die Klimakrise die Erdatmosphäre. „Ich bin kein Junge, ich bin kein Mädchen, ich bin ein Sams“, sagt das Sams über sich selbst. Es war bereits divers, als dieses Adjektiv für viele noch ein Fremdwort war.

Body Positivity ist ein weiteres aktuelles Schlagwort, mit dessen Bedeutung die Sams-Leserschaft vertraut ist. Für die Idee dahinter sensibilisiert das Sams seit einem halben Jahrhundert. Rote Wuschelmähne, Rüsselnase, blaue Wunschpunkte und das Bäuchlein in einen Taucheranzug gezwängt: eine Schönheit im gängigen Sinn ist die Figur, die Paul Maar als sein eigener Illustrator versehentlich mit Sommersprossen in der falschen Farbe umgesetzt hat, auf keinen Fall. Dafür ist sie schön schlau und weiß: „Eine Nase wie die meine, so ne feine, nicht zu kleine, ist so schön wie sonst kaum eine.“

Paul Maar 2007 mit dem ersten Sams-Band Foto: dpa/Marcus Führer

Vorlaut, aber immer sehr unterhaltsam ist das Sams und wie es die Welt sieht. Zu seiner Philosophie gehört, Dinge und schikanöse Mitmenschen nicht einfach hinzunehmen, sondern sie zu hinterfragen - schließlich ist das Sams Kind einer Zeit, die antiautoritäre Erziehungskonzepte durchsetzte. Doch wer hier wen erzieht, ob der schüchterne Herr Taschenbier das Sams oder umgekehrt, das hält Paul Maar so wunderbar in der Schwebe, dass Eltern sowohl vom Sams als auch von seinem Wahlvater sowie seiner wachsenden Familie viel lernen können in Sachen Verständnis, Geduld und Zugewandtheit. Besonders heute, da Kinder viel Zeit vor Displays verbringen, wirkt diese Aufmerksamkeit füreinander fast wie ein erhobener Zeigefinger.

Das Sams als Lebenscoach

Eine Mischung aus Poet und Lebenscoach sei das Sams, so wirbt der Oetinger-Verlag für seinen Star. Therapeutische Funktion hatte die Ausarbeitung des Sams auch für den Autor selbst. In seiner Biografie „Wie alles kam“ deutet Paul Maar an, warum das freche Wesen durchaus als sein Wunsch-Alter-Ego gelten kann. Als Maars dominanter Vater einen Buchprüfer anstellte und nur übellaunig mit diesem umging, war das für den jungen Paul wie eine Offenbarung. „Herr Werner war schüchtern, still, fast kontaktgestört, er sprach von sich aus nie einen Erwachsenen an“, beschreibt er den Angestellten quasi als Ebenbild von Herrn Taschenbier. Als Wink des Schicksals nahm Paul Maar diese Begegnung: So wollte er als Erwachsener nicht werden. Als Autor stellte er Herrn Taschenbier mit dem Sams eine Figur zur Seite, wie er in seiner Autobiografie notierte, „die all das verkörpert und im Übermaß besitzt, was ihm abgeht: Lebensfreude, Witz, Mut, Selbstsicherheit und eine große Portion Frechheit“.

Das Sams ist nicht nur erfolgreiche Kinderbuchfigur, sondern auch Gegenstand literaturwissenschaftlicher Arbeiten. Paul Maar spielt, wie die Forschung betont, mit Verweisen. E.T.A. Hoffmanns Kunstmärchen „Das fremde Kind“ scheint in den Sams-Büchern auf, Maar parodiert Goethes „Erlkönig“, lässt das Verhältnis von Mephisto und Faust anklingen und das Sams im zehnten Band mit dem blauen Drachen die Wilhelm-Tell-Nummer einüben.

Zu wirklichkeitsfremde Buchwelten?

Wie andere Kollegen sah sich auch der Sams-Autor in den 1970er Jahren mit dem Eskapismus-Vorwurf konfrontiert. Mehr Realitätsnähe statt fantastischer Welten forderten seine Kritiker, denn Kindheit sei nicht nur rosig, sondern eben auch mies. Paul Maar zeigt, dass die eigentlichen Miesmacher die Erwachsenen sind. Ein Beispiel ist Frau Rotkohl, die ihr Vorbild in der strengen Vermieterin der Familie Maar hatte. Acht Jahre wohnten die Maars in Bad Cannstatt, als Vater Paul in Stuttgart Malerei studierte und später als Kunsterzieher arbeitete. Wenn das Sams Frau Rotkohl das Gegenteil von dem in den Mund legt, was sie eigentlich sagen will, wehrt es sich vielleicht auch im Namen seines Autors gegen Bevormundung. Die Lacher hat es bis heute auf seiner Seite.

Mit dem Sams zum Erfolg

Autor
Paul Maar, 1937 in Schweinfurt geboren, kam durch die Familie seiner späteren Frau Nele bereits als Schüler mit der Welt des Theaters in Verbindung. Er studierte an der Stuttgarter Kunstakademie Malerei und arbeitete als Kunsterzieher an Schulen in Crailsheim und Filderstadt. Aus Mangel an guten Büchern für die eigenen Kinder machte er sich selbst ans Werk.

Bücher
1968 veröffentlichte Maar mit „Der tätowierte Hund“ sein erstes Kinderbuch, 1971 folgte mit „Der König in der Kiste“ das erste Theaterstück. Im August 1973 erschien mit „Eine Woche voller Samstage“ der erste von bislang elf Sams-Romanen. Maars Werkliste umfasst rund hundert Positionen mit Romanen, Erzählungen, Gedichten, Theaterstücken und Musicals für Kinder. 2020 erschien seine Autobiografie „Wie alles kam – Roman meiner Kindheit“.

Kino
Die Sams-Bücher eroberten in drei Kinofilmen die große Leinwand; das Sams wird darin von Christine Urspruch gespielt, Ulrich Noethen ist Herr Taschenbier. Auch Paul Maars Hundeheld „Herr Bello“ kam mit Armin Rohde in der Hauptrolle ins Kino.

Zahlen
Mehr als sechs Millionen Sams-Bücher wurden im deutschsprachigen Raum verkauft. Zudem liegen die Sams-Abenteuer in 30 Übersetzungen vor - beim Sprachwitz Paul Maars und den flotten Reimereien seines Wunschpunkt-Wesens keine leichte Sache. Unter anderem mit einem Wunschpunkt-Spiel und einem Rätselbuch begleitet der Oetinger-Verlag den 50. Geburtstag. „Das Sams und das Gesamtwerk von Paul Maar spielen eine sehr wichtig Rolle für unseren Verlag, dafür möchten wir uns bedanken“, sagt Verlegerin Julia Bielenberg.