Dieter Herzog mit Gabi Behrendt. Auch Hündin Tessa durfte in die WG einziehen. Foto: Rainer Kwiotek

In der Freiburger Wohngenossenschaft Vaubanaise leben Rentner, junge Familien, Singles und Menschen mit Behinderungen unter einem Dach. Kann das funktionieren?

Freiburg - Anna Ryzek packt die letzten Bücher aus ihrem Ikea-Regal in den Umzugskarton. Ihre Mutter steht daneben und sagt: „Es wird Zeit, dass sie auszieht.“ Die Tochter lächelt verlegen, schließt die Kiste, packt sie auf einen Transportroller zu anderen Kartons und schiebt alles aus der Wohnung, Sechs Jahre hat sie bei ihren Eltern gelebt. An diesem Donnerstagmorgen wechselt sie in eigene vier Wände.

 

Während Anna Ryzek – Brille, Zopf, buntes Kleid – auf den Lift wartet, sagt sie: „Eigentlich wollte ich in eine WG ziehen, leider hat das nicht geklappt.” Die 25-Jährige büffelt für ihre mündliche Abschlussprüfung als Erzieherin. Daher ist es praktisch, dass ihr neues Domizil in der Nähe liegt – genau eine Etage weiter unten. „Ich hätte nie gedacht, dass ich in diesem Haus ein Appartement bekomme”, erzählt sie und schwärmt von Gartentagen im Sommer, an denen Mieter gemeinsam die Grünanlagen gestalten, von Gesprächen mit Nachbarn in den Laubengängen.

In der „Vaubanaise”, einem Wohnprojekt in Freiburg, leben Menschen mit und ohne Behinderungen, Rentner, junge Familien, Studis und Azubis, wie Anna Ryzek. Die Idee ist nicht neu. 1993 eröffnete das erste Mehrgenerationenhaus. Eine aktuelle Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) besagt, dass soziale Isolation und Einsamkeit im Alter zunehmen. Bei Männern steigt das Risiko sozialer Isolation zwischen vierzig und neunzig Jahren von fünf auf zwanzig Prozent. Frauen fühlen sich bis zum Alter von siebzig bis achtzig Jahren seltener als Männer isoliert. Danach häufiger. In Mehrgenerationenhäusern können sie jedoch Kontakt zu jüngeren Bewohner pflegen und Verantwortung übernehmen, etwa, indem sie Schülern beim Lernen oder Eltern bei der Kinderbetreuung helfen. Derzeit fördert die Bundesregierung in der ganzen Republik rund 540 Mehrgenerationenhäuser mit jeweils 40 000 Euro.

2013 zogen die ersten Mieter ein, jetzt sind es 75

In Freiburg schlossen sich im Jahr 2010 vier Familien zusammen, deren Kinder mit einem Handicap leben. Die Familien gründeten eine Genossenschaft, kauften der Stadt ein Grundstück ab, engagierten Architekten und Baufirmen. Rund acht Millionen Euro kostete das Projekt. 2013 zogen die ersten Mieter ein, heute leben 75 Menschen hier. Sie sind zwischen drei und 89 Jahre alt und verteilen sich auf vierzig Wohnungen und Wohngemeinschaften. Knapp ein Drittel lebt mit Einschränkungen wie Multipler Sklerose, Down Syndrom oder Autismus.

Donnerstagmorgen. Regen peitscht durch die Straßen, der Himmel wölbt sich grau über das sonst sonnenverwöhnte Freiburg. Elke und Robert Ryzek, beide Mitte sechzig, wagen trotzdem einen Rundgang durch das Quartier Vauban, in dem bis 1992 französische Soldaten stationiert waren, in einer Kaserne, benannt nach General de Vauban. Mittlerweile leben hier knapp 5600 Menschen in einer Siedlung mit Passivhäusern, Solarstrom und weitgehend autofreien Straßen. Elke Ryzek, gelernte Buchhalterin, sagt: „Wir wollen als Rentner noch was erleben.“ Sie verkauften ihr Haus bei Hannover und zogen nach Freiburg. „Hier stirbt man nicht einsam”, sagt sie, während sie mit ihrem Mann an Tattoostudio und Waldorfkindergarten vorbei spazieren und schließlich ein kleines Café am Rande des Viertels erreichen. Es ist proppenvoll. An Holztischen hocken Studenten vor Laptops, Frauen mit kleinen Kindern und junge Anzugträger. Robert Ryzek sagt: „Ich wollte nie in einer Gegend leben, in der nur alte Menschen wohnen und schon gar nicht im Altenheim.“ Nach einer halben Stunde, Kaffeebecher und Frühstücksteller sind leer, schlendern sie zurück zur Vaubanaise. Dort wartet Urs Bürkle.

Der 62-Jährige Projektmitgründer erzählt, dass man schon bei der Architektur darauf geachtet habe, Begegnungsorte zu schaffen, etwa durch Verzicht auf ein klassisches Treppenhaus. Die Mieter erreichen ihre Wohnungen über Fahrstuhl oder Außentreppen, die in eine Galerie münden, von der man alle Wohnungstüren erreicht. Auf diesen Laubengängen treffen sich Nachbarn zwangsläufig.

Eine Parkinson-Patientin als Mieterin

Auch die Hausorganisation sorgt für ein Miteinander von Jung und Alt. Entscheidungen treffen alle gemeinsam. Teams kümmern sich um Gemeinschaftsraum, saubere Gästezimmer und Laubengänge. Während der Gartentage stutzen sie Hecken, pflanzen Blumen, harken Laub. Nebeneffekt: Die Mieter sparen bei Handwerkern und Hausmeister, die Betriebskosten bleiben niedrig.

Elke Ryzek hat eine Patenschaft übernommen und deshalb muss sie nun los. Nur wenige Minuten braucht sie bis zur Pflege-WG im Erdgeschoss. Zwölf Frauen und Männer zwischen 25 und 87 leben hier – rund um die Uhr betreut von sechzehn Pflegekräften, darunter Altenpfleger, Pädagogen und Heilerziehungspfleger.

Gabi Behrendt, 70, leidet an Parkinson, sitzt im Rollstuhl und wohnt seit einem Jahr in der Vaubanaise. Der Umzug in die Wohngemeinschaft sei ihr schwergefallen. „Ich war sportlich aktiv, immer selbstständig und bin nun auf Hilfe angewiesen“, erzählt sie. Anfangs habe sie sich entwurzelt gefühlt. Immerhin: Ihr Sohn wohnt um die Ecke und sie durfte ihre kleine Mischlingshündin Tessa behalten.

„Ich dreh‘ mit ihr eine Runde“, sagt Elke Ryzek, die Tessa regelmäßig ausführt. Nachdem sie verschwunden sind, erzählt Gabi Behrendt, dass sie sich inzwischen integriert fühle. „Ich besuche Hausversammlungen, habe einen Kräutergarten angelegt und guten Kontakt zu anderen Hausbewohnern.“

Während Gabi Behrendt die frische Luft auf der Terrasse genießt, betritt die stellvertretende Wohngruppenleiterin Albana Lule das Zimmer eines Patienten. Sie sagt: „Bei uns steht Selbstbestimmung im Vordergrund.“ Die 30-Jährige ist examinierte Pflegefachkraft und besitzt einen Masterabschluss für Pflegemanagement. „Dass hier unterschiedliche Generationen wohnen ist kein Problem, wichtiger als das Alter ist die Offenheit der Patienten für die Probleme ihrer Mitbewohner.“

Der junge Chemiker und seine Familie

Zur selben Zeit, zwei Etagen weiter oben: Martin Etzrodt, Ingenieur, 36, klappt seinen Laptop zusammen. Mittagspause im Homeoffice. Der promovierte Chemiker forschte früher in Boston, später an der Freiburger Universität. Mittlerweile arbeitet er für ein Schweizer Internet-Startup. Seit sechs Jahren lebt er mit Frau und drei Kindern in der Vaubanaise. „In normalen Mietshäusern hat man kaum Kontakt zu Nachbarn, hier kann man sich austauschen und als Genossenschaftsmitglieder haben wir bei allen Entscheidungen Mitspracherecht.“ Er habe vor allem Kontakt mit anderen Familien. Wir stecken einfach in einer anderen Lebensphase mit anderen Problemen als Rentner.“ Durch häufige Dienstreisen oder Elternabende bleibe wenig Zeit. Ältere Bewohner bieten uns an, sich um unsere Kinder zu kümmern, aber es fällt uns schwer, Hilfe anzunehmen.“

Martin Etzrodt schaut auf die Uhr. Gleich kommt sein ältester Sohn aus der Schule und erwartet ein warmes Mittagessen. Es klingelt. Doch vor der Tür steht Elke Ryzek. „Wir sprechen gerade über unterschiedliche Erwartungen von älteren und jüngeren Hausbewohnern“, sagt Etzrodt. Elke Ryzek lacht. „Da erzählt ja gerade der Richtige“, sagt sie. „Wir haben immer wieder Unterstützung angeboten, aber Martin kann keine Hilfe annehmen.“ Etzrodt sagt: „Das stimmt, wir denken, es wäre zu stressig für euch.“ Elke Ryzek sagt: „Lieber arbeitet ihr bis zum Umfallen.“ Etzrodt lacht: „Das nennt man Generationenkonflikt“, und fügt hinzu, „aber ich möchte nirgendwo anders leben.“