Freiburgs Coach Christian Streich verkörpert die Vereinskultur. Foto: Imago/Norbert Schmidt

Der SC Freiburg steht im DFB-Pokal-Finale in Berlin. Das Spiel gegen RB Leipzig an diesem Samstag ist das größte in der Geschichte des Fußball-Bundesligisten – und die Krönung eines speziellen Wegs.

Alle wollen, alle sollen sie dabei sein. Der SC Freiburg steht im Finale des DFB-Pokals. Größer geht es kaum. Es ist das Spiel des Jahres, das Spiel der Saison. Oder, wie es sämtlichen Protagonisten des Fußball-Bundesligisten formulieren: Es ist das größte Spiel der Vereinshistorie.

 

Groß wird also der südbadische Tross sein, der die Mannschaft von Trainer Christian Streich an diesem Samstag im Berliner Olympiastadion gegen RB Leipzig unterstützt. Da sind die etwas mehr als 26 000 Karten, die dem SC offiziell zur Verfügung stehen und in Windeseile ausverkauft waren. Obendrein hat der Club alle Mitarbeiter des Vereins, vom Verkäufer im Fanshop über den Ticketing-Beauftragten bis zur Putzkraft, nach Berlin eingeladen und dafür neben dem Hotel einen großen Sonderzug organisiert.

Durchlässigkeit als Erfolgsrezept

In dem sollten bei der Abfahrt am Freitagmorgen auch alle Freiburger Jugendmannschaften mitfahren. Nur bei der U 16 und der U 15 hakte es bei der Planung – beide sollen am Samstag laut Spielplan in ihren Ligen selbst am Ball sein. Immerhin: Bei der U 16 hat der SC eine Verlegung auf den Freitagabend durchsetzen können, sodass auch diese jungen Talente in Berlin dabei sind.

Alle Mann an Bord – das muss sie wohl sein, die berühmte Durchlässigkeit von der Jugend nach oben zu den Profis, die beim SC Freiburg nicht nur bei der besonderen gemeinsamen Finalreise nach Berlin gelebt wird. Die Durchlässigkeit ist seit Jahrzehnten das Qualitätsmerkmal des Clubs aus dem Breisgau – es ist ein Erfolgsrezept, das längst zum Vorbild für die meisten anderen deutschen Vereine taugt. Und das nun zum Höhepunkt nach Berlin geführt hat.

Ein paar Tage vor dem großen Finale sitzt Andreas Steiert in der prallen Morgensonne, die in Freiburg auch zu früher Stunde eine größere Kraft als anderswo im Land entwickeln kann. Steiert ist der Leiter der berühmten Freiburger Fußballschule, die im Jahr 2001 unter der Federführung des damaligen Profitrainers Volker Finke gegründet wurde und seither einiges zum glänzenden Image des Clubs beigetragen hat.

Christian Streich ist das Gesicht des Clubs

Umgeben von Schwarzwaldtannen üben an diesem warmen Mai-Vormittag ein paar Jungs das Passspiel auf dem Kunstrasenplatz. Der Trainer verspricht später am Ende ein Eis oder einen Burger für den, der im Gaudi-Lattenschießen die Latte trifft. Die meisten anderen jungen Kicker sind zu der Zeit noch in der Schule. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, der am frühen Nachmittag die Fußballschule erreichen wird.

Das Nachwuchsleistungszentrum des SC ist in den Bauch des alten Möslestadions eingebettet. Das Stadion im Osten der Stadt mit seinen alten, braunen Holzbänken auf der Tribüne steht offiziell unter Denkmalschutz. Inoffiziell vielleicht auch, weil dort einst ein gewisser Christian Streich kickte und später mehr als 15 Jahre lang an der Seitenlinie Jugendteams des SC Freiburg trainierte.

Seit Ende Dezember 2011 coacht Streich nun die Bundesliga-Profis. Längst ist er das Gesicht des Clubs nach außen, längst ist er so etwas wie das politische Gewissen des deutschen Fußballs. Manche nennen ihn auch Kulttrainer, was Streich selbst so gar nicht passt. „Gschwätz“ – so nennt er das in seinen Augen sinnlose Gerede dann gerne auf Alemannisch. Für die Begriffe „Durchlässigkeit“ und „Kontinuität“ dagegen gibt es keine speziellen südbadischen Ausdrücke. Dennoch passen sie perfekt zum SC Freiburg.

Die Verantwortlichen kennen sich schon lange

Andreas Steiert jedenfalls spricht kontinuierlich von der Kontinuität im Club. „Mit ihr kann man sich über die Jahre hinweg viele Grundsatzdebatten ersparen, weil man die mit den meisten Beteiligten eben schon längst geführt hat“, sagt er: „Stattdessen führen wir schon die nächste Diskussion, und dann wieder die nächste – so entwickeln wir uns inhaltlich weiter, das macht uns wahrscheinlich so stark.“

Protagonisten dieser gelebten Kontinuität gibt es viele. Profitrainer Streich ist der berühmteste, seine heutigen Assistenten Lars Voßler, Patrick Baier oder Andreas Kronenberg kommen auch aus der Fußballschule, ebenso wie der heutige Sportvorstand Jochen Saier und der Sportdirektor Klemens Hartenbach.

Man kennt und schätzt sich also seit Jahrzehnten, und manchmal, da treiben es die Freiburger so weit, dass auf ihren guten Taten geradezu ein Fluch zu liegen scheint. So gab es vor ein paar Jahren mal „eine Delle“ (Steiert), was die Durchlässigkeit von der Jugend zu den Profis anging. Ein jahrelanger Prozess, den man als Verantwortlicher steuern muss, stagnierte in Freiburg irgendwann. Der simple Grund: Die Jugendtrainer Voßler, Baier und Kronenberg machten ihre Sache so gut, dass sie zu den Profis und zum alten Bekannten Streich aufrücken durften. In der Jugend hinterließen sie eine Lücke.

Jeder weiß, was erwartet wird

Auf Sicht aber profitiert der SC von diesem natürlichen Weg vom Nachwuchs zu den Profis – und das auf allen Ebenen. Der frühere Jugendtrainer Streich trainiert nun seit mehr als zehn Jahren die Profis. Bei anderen Clubs wechseln die Trainer mitunter jedes Jahr aufs Neue. In Freiburg bleibt alles bei einem Streich – auch die Philosophie. „Bei uns wissen wir, was das Trainerteam oben bei den Profis von jungen Spielern erwartet“, sagt Steiert, der Chef der Fußballschule: „Auf diese Spitze der Pyramide richten wir in der Jugendarbeit alles aus.“

In dieser Ausrichtung spielt auch Julian Schuster eine große Rolle. Der langjährige Kapitän und Mittelfeldstratege des SC, der früher beim VfB spielte, ist nach seinem Karriereende vor knapp vier Jahren der sogenannte Verbindungstrainer von der Jugend zu den Profis. Schuster betreut junge Freiburger Kicker von der U 17 an, und das nicht nur auf dem Platz.

Zu seinen Einzel-Sonderschichten gehören neben Zweikampfschulung oder Kopfballtraining auch mal längere Spaziergänge, bei denen mitunter Tacheles geredet wird. Etwa darüber, dass es in einem möglichen Übergang zu den Profis nicht von heute auf morgen klappen kann mit dem großen Durchbruch und dabei immer auch Geduld oder Demut gefragt sind.

Die Dramaturgie für das Pokalfinale stimmt

Der gebürtige Bietigheimer, der von 2008 bis 2018 Profi beim SC Freiburg war, weiß, was der Cheftrainer Streich von jungen Spielern erwartet. Nico Schlotterbeck, Schusters prominentester Schützling der vergangenen Jahre, hat es inzwischen zum Nationalspieler geschafft. Noch heute übt Schuster mit dem Innenverteidiger allein auf dem Platz. Oder geht mit ihm spazieren oder Kaffee trinken – wohl auch noch bis zu seinem Wechsel nach Dortmund im Sommer. Über die nötige Geduld allerdings müssen die beiden dabei nun eher nicht mehr reden.

So läuft das also in diesem offenbar ganz und gar durchlässigen Club namens SC Freiburg, der die Sache mit der Kontinuität mit seinem erstmaligen Einzug ins DFB-Pokal-Finale an diesem Samstagabend vollends auf die Spitze getrieben hat.

Diese spezielle Endspiel-Dramaturgie wäre wahrscheinlich für jeden Sportfilm-Drehbuchautoren in der Theorie zu kitschig und unrealistisch – in der Freiburger Praxis geht sie so: Christian Streich war früher 15 Jahre lang bis zum Jahr 2011 A-Jugend-Trainer beim SC. Er holte in dieser Funktion dreimal den DFB-Pokal der Junioren in Berlin. 2009 beim Triumph mit dabei in der A-Jugend: der heutige Mittelfeldchef Nicolas Höfler und der heutige Rechtsverteidiger Jonathan Schmid. 2011 mit dabei: der heutige Kapitän Christian Günter, der inzwischen mit 269 Bundesliga-Einsätzen Rekordspieler des SC und Nationalspieler ist.

Mit dem Sonderzug zum Finale nach Berlin

Nun also wollen die vier im Berliner Olympiastadion zusammen auch den großen Pokal holen. Der ehemalige Jugendtrainer Streich als Profitrainer, seine ehemaligen Jugendspieler Höfler, Schmid und Günter als Profis. Mehr geht nicht. Oder, wie es Streich selbst sagt: „Das hat mit ganz vielen Leuten zu tun, die sich wahnsinnig dafür einsetzen, dass hier in Freiburg gewisse Entwicklungen stattfinden – in der Fußballschule und auch sonst überall im Verein.“

Er meint jene Menschen, die am Freitagnachmittag allesamt mit dem großen Final-Sonderzug in Berlin eingefahren sind.