Sebastian Vettels roter Renner schlägt Funken – ein kleines Feuerwerk zum Abschied? Foto: AFP/Tolga Bozoglu Foto:  

Sebastian Vettel steigt in Abu Dhabi zum letzten Mal in seinen Ferrari. Richtig glücklich ist er bei den Italienern nicht geworden – umso mehr freut er sich auf das Abenteuer Aston Martin.

Stuttgart - Noch einmal muss Sebastian Vettel schlafen, dann steigt er am Sonntag in Abu Dhabi zum letzten Mal in seinen Ferrari. Sein Partner Charles Leclerc nutzt die letzten gemeinsamen Stunden dazu, sich noch einmal zusammenzureißen und mit großer Geste eine Botschaft in die Welt zu schicken, die schlicht und ergreifend lautet: „Danke Seb.“ Das war im Freitagstraining auf dem Helm des Monegassen zu lesen. Böse Zungen würden da eher fragen: Danke wofür? Für Neid, Missgunst und Streitereien, von denen das Zusammensein der beiden Rotkäppchen immer mal wieder bestimmt war?

Viele Lorbeeren für Vettel

Abschiedsreden und -gesten entsprechen nie wirklich der Wahrheit. „Es wäre fantastisch, wenn wir noch mal ein großartiges Rennen haben könnten – das hat er sich verdient“, legt Leclerc auch verbal noch einmal nach. Ferrari selbst lobt den Piloten vor seinem finalen Auftritt in Tönen, die höher nicht sein könnten. Vettel hinterlasse „riesige Fußstapfen“, sagt Teamchef Mattia Binotto und vergleicht seinen Noch-Piloten in seiner Einzigartigkeit mit Ferrari-Größen wie Michael Schumacher und Niki Lauda.

Sebastian Vettel wird sich da wohl sagen: Danke für die Blumen! Und er wird froh sein, dass die rote Ära vorbei ist. Er liegt auf dem 13. Gesamtrang, so schlimm war es noch nie um ihn bestellt im roten Renner, mit dem es zurzeit keinen Blumentopf zu gewinnen gibt. In seinen sechs Jahren bei der Scuderia holte er immerhin 14 Rennsiege, wurde aber nie Weltmeister. Wie auch Fernando Alonso hat er es nicht geschafft, in Maranello erfolgreich zu sein wie Schumacher oder Lauda. Dabei hatte er es sich so gewünscht.

Die große Liebe geht anders

Aber eine große Liebe, die war es ohnehin nicht, die den Fahrer mit dem Team verband – vor allem seit der als Mann für die Zukunft gehandelte Leclerc 2019 verpflichtet wurde. Zur distanzierten Beziehung etwa zu Teamchef Binotto hat sich Vettel jüngst in der „Gazzetta dello Sport“ geäußert. „Wir respektieren uns, aber zwischen uns ist nie diese Art von Liebe entstanden, die als Fundament dient.“

Mattia Binotto ist bei Vettels Abschied gar nicht dabei, eine letzte öffentlich zur Schau gestellte Umarmung wird es in Abu Dhabi also nicht geben, denn der Teamchef ist krank, mit Corona soll das nach Angaben der Scuderia jedoch nichts zu tun haben. Da Sebastian Vettel ein reflektierter Sportler ist, sucht er die Schuld für Nichterreichtes auch bei sich selbst. Natürlich habe er sich manchmal selbst im Weg gestanden und Dinge falsch gemacht, gibt er zu. Doch war er oft auch richtig sauer auf seine Mannschaft.

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Nun hofft der Hesse darauf, dass alles besser wird bei Aston Martin. Im Herbst seiner Karriere wagt er einen Neuanfang, der spannend ist. Unter dem britischen Markennamen fährt er ab 2021 für das Überraschungsteam der Saison – Racing Point. Zuletzt fuhr der Mexikaner Sergio Perez, der Vettel jetzt weichen muss, in dem Auto mit Mercedes-Power seinen ersten Rennerfolg heraus, auch weil sich die Weltmeistermannschaft des Motorenlieferanten durch eigene Fehler aus dem Spiel nahm. Doch Sieg ist Sieg. „Ich werde viele neue Leute, Arbeitsweisen und Herangehensweisen kennenlernen“, sagt Vettel in Vorfreude auf seine neue Truppe, „ich wäre aber nicht gut beraten zu glauben, dass nur mein Weg der richtige ist.“

Toto Wolff setzt auf Aston Martin

An konkrete Ergebnisse oder Siege denkt er nicht, zunächst einmal stehe das Kennenlernen im Vordergrund. Der Rest, so Vettel, der baue dann darauf auf. Auch wenn er am Sonntag beim Saisonfinale in der Wüste von Abu Dhabi (14.10 Uhr MEZ/RTL) noch einmal ranmuss – die Gedanken sind längst bei der James-Bond-Marke Aston Martin, in die Lawrence Stroll, der Vater von Vettels neuem Teamkollegen Lance Stroll, als Miteigentümer und der Mercedes-Sportchef Toto Wolff als Großaktionär viel Geld stecken. Sie glauben, dass die 007-Marke eine Zukunft besitzt: mit mehr verkauften Autos für den Straßenverkehr und mit Vettel am Formel-1-Lenkrad.

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Ein aufregendes Projekt – und im Hinblick auf den dritten Konstrukteursplatz von Racing Point sportlich vielversprechend. Vettel selbst erwartet „eine spannende Reise, in der wir versuchen werden, an die Spitze zu gelangen“. Und wenn es nicht klappt? Ach, beklagen will sich der Heppenheimer auf keinen Fall. Einfach mal glücklich sein, einfach mal zufrieden sein – darauf kommt es an. Er will sich um seine drei Kinder kümmern, auch das zählt. Aber ganz wichtig ist ihm: „Ich hoffe, dass ich meine offene Mentalität bewahre und nicht zu schnell alt und grantig werde.“ Bei Ferrari war er fast so weit.

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