Nirgendwo in der Welt wäre ein Akt der Grablegung wie dieser denkbar. Als die Briten ihre tote Königin Elizabeth II. zu Grabe tragen, entfaltet sich noch einmal die Strahlkraft der Monarchie.
Es ist ein kolossales Spektakel: Um den Sarg unter dem königlichen Banner und der imperialen Krone nehmen König Charles III., die königliche Familie, der Hofstaat, kirchliche und weltliche Würdenträger, Monarchen, Präsidenten und Regierungschefs fast der ganzen Welt Abschied von der im Alter von 96 Jahren verstorbenen britischen Monarchin. Hymnen steigen während des Gottesdiensts in Westminster Abbey ins Gewölbe der Kathedrale hoch. Weiße Federhelme, goldene Wappen, Degen und jede Menge militärischer Orden entfalten militärisches Gepränge. Am Ende fehlt nicht einmal der Klagegesang eines einzelnen Dudelsacks. Das Ganze lebt, in seiner betörenden Fülle, vom Glanz einer Jahrhunderte zurückreichenden Zeit.
Das Begräbnis folgt einem minutiösen Protokoll
All das gebühre der toten Monarchin, macht Erzbischof Justin Welby deutlich: „Zu ihrem 21. Geburtstag hat Ihre verstorbene Majestät in einer Rundfunkansprache erklärt, sie wolle ihr ganzes Leben in den Dienst der Nation und des Commonwealth stellen. Selten ist ein Versprechen so gut gehalten worden wie dieses.“
Die Gäste, unter ihnen US-Präsident Joe Biden und Kaiser Naruhito von Japan, verbeugen sich vor der Monarchin. Der kleine Prinz George, der mit seiner Schwester Charlotte und seinen Eltern in der ersten Reihe sitzt, folgt dem Ablauf der Feiern gebannt und spielt gehorsam seine Rolle.
Schon die Prozession zur Abtei folgt einem minutiösen Protokoll: Auf der nur für diesen Zweck aufbewahrten Staatslafette wird der Sarg durch Westminster, dann die Mall entlang zum Buckingham-Palast und danach zum Wellington Arch, nach Hyde Park Corner, geführt. 138 Matrosen der Royal Navy – 98 vor und 40 hinter dem Sarg – sind mit dieser Aufgabe betraut. Dass sie die Lafette ziehen, ist dem Zufall zu verdanken. Als sich 1901 die Lafette mit dem Sarg Königin Victorias nicht bewegen wollte, weil die von Victoria gewünschten acht „cremefarbenen Ponys“ nicht stark genug waren, um sie zu ziehen, befahl Prinz Louis Battenberg in aller Eile Kadetten der Royal Navy, den Job zu übernehmen. Seither ist der Lafettenzug der Matrosen Tradition.
Mit dem Elektroscooter zum Begräbnis nach London
Solche Pannen waren früher nicht selten: Königliche Bestattungszüge blieben schon mal im Schlamm stecken, und beim Begräbnis Georges V. rollte das juwelenbestückte Malteserkreuz der Krone vom Sarg aufs Straßenpflaster, wo es ein Offizier glücklicherweise erspähte und in Sicherheit brachte.
An diesem Montag geht alles glatt. Herolde und ganze Truppenverbände, festlich gekleidet und die Arme in Respekt auf dem Rücken verschränkt, begleiten den Zug. Hinter dem Sarg geht der neue König, Charles III., mit seinen Geschwistern und seinen beiden Söhnen. Die Prinzen Andrew und Harry müssen in Zivil antreten, weil sie nicht mehr den „arbeitenden Royals“ zugehören.
Entlang der Prozession haben sich große Menschenmengen eingefunden, die meist in Schweigen verfallen, als der Sarg an ihnen vorbeigezogen wird. Die man nach ihren Gefühlen fragt, antworten, sie seien „einfach aus Respekt“ für die Königin gekommen – oder sie wollten „diese historische Chance“ nicht verpassen. Zu einer gewissen Prominenz bringt es die 52-jährige Cara Jennings aus der Grafschaft Kent, die mit ihrem Elektroscooter fünf Tage lang in Green Park campiert hatte, um am Morgen der Begräbnisfeiern dabei zu sein. Reportern teilt Cara Jennings mit, sie habe ganz einfach der Königin, dieser „entzückenden Frau“, durch ihre Präsenz „die letzte Ehre“ erweisen wollen. Schließlich habe schon ihre Großmutter als Putzfrau für Elizabeth II. gearbeitet.
Live-Übertragungen in den Stadien
Andere drängen sich auf Gehwegen und unter Bäumen zusammen. Viele haben sich in den Tagen und Nächten davor schon in die zuletzt 15 Kilometer lange, inzwischen legendäre Schlange nach Westminster Hall, zur dort aufgebahrten Queen, eingereiht. Einen Ansturm wie diesen, stöhnt die Polizei, die mehr als 10 000 Beamte im Einsatz hatte, habe London noch nie erlebt.
Zwischen einer und zwei Millionen Menschen sollen tatsächlich am Montag in der britischen Hauptstadt auf den Beinen sein, um einen Blick auf den Trauerzug zu werfen. Die großen Bahnhöfe, in die schon am Vortag viele Sonderzüge eingerollt waren, hat man über Nacht durchgehend offen gehalten – schon weil es eine relativ kalte Nacht war an der Themse. Auch viele Gaststätten bleiben offen, rund um die Uhr.
Wer sich nicht „an die Front“ wagt, kann die Gottesdienste und Prozessionen auf riesigen Bildschirmen verfolgen. In Parks, in Pubs und in Fußballstadien sammeln sich Tausende, um „mit dabei“ zu sein. Über zwanzig Kathedralen öffnen ihre Portale, um Gläubige und Nichtgläubige zum Public Viewing unter ihren Kreuzgewölben einzuladen. Hunderte von Kinos setzen den Trauerzug ebenfalls aufs Programm. Ohne Popcorn zwar, aber mit großzügigen Mengen Mineralwasser. Die Tickets gingen in Rekordzeit weg.
Es gibt auch kritische Stimmen zur Monarchie
Neue Rekorde glaubt man auch bei den Fernsehübertragungen – praktisch auf allen großen britschen Kanälen – erzielt zu haben. Mehr als 35 Millionen Briten schalten sich im Laufe des Tages zu. Das sind mehr als beim Begräbnis Dianas, das vor just 25 Jahre noch so viel Leidenschaft ausgelöst hatte. Weltweit verfolgen rund vier Milliarden Menschen die Ereignisse in London. Vom „Fernsehereignis des Jahrhunderts“ spricht man bei der BBC. Auf ihrem Parlamentssender hatte der Sender sogar einen 24-Stunden-Livestream aus der Westminster Hall eingerichtet, wo Elizabeth II. von Mittwochabend bis Montagmorgen aufgebahrt lag.
Manche allerdings empfinden den „Strom der Anteilnahme“ als allzu unterwürfig. Mittlerweile befürwortet fast ein Viertel aller Briten die Abschaffung der Monarchie. In Schottland ist es offenbar sogar ein Drittel. Und unter den 18- bis 24-Jährigen Einwohnern im ganzen Königreich gibt es neuerdings offenbar mehr Antiroyalisten als Anhänger des Königtums.
Die letzte Etappe führt nach Windsor
Dass man die königliche Familie in einer derart gespaltenen Gesellschaft wie der britischen zum Symbol von Pflicht und Opferbereitschaft deklariere, sei doch schlicht „verlogen“, meint der linke Labour-Abgeordnete Clive Lewis. Mit solchen Bemerkungen, just zum Staatsbegräbnis, löste Lewis Ärger aus, nicht zuletzt bei seinem eigenen Parteichef, dem Labour-Vorsitzenden Sir Keir Starmer. Um nur keinen Anstoß zu erregen, hatte Starmer von seinen Parteikollegen strikte Zurückhaltung verlangt. Allen Politikern ist bewusst, dass die Rückkehr zu „normalen Verhältnissen“ nicht einfach sein wird. Die wirtschaftliche Lage ist schwierig. Der zum nationalen Feiertag erklärte Begräbnismontag, an dem die meisten Betriebe geschlossen sind, drängt das Land an den Rand einer Rezession. Aber überzeugte Royalisten wollen davon an diesem Tag nichts hören. Wichtig ist für sie nur der Abschied von Elizabeth II. und das Geleit auf der letzten Etappe ihres Weges.
Von Wellington Arch wird der Sarg der Monarchin im Wagen nach Windsor gefahren. Am sogenannten „Long Walk“ Windsors, der langen Auffahrt zum Schloss, stehen noch einmal Tausende Menschen Spalier. Am Abend wird der Sarg der Queen dann, nach der Entfernung des Szepters, des goldenen Reichsapfels und der imperialen Krone, in die Gruft der King George VI. Memorial Chapel gesenkt. Dort, neben ihrem im Vorjahr verstorbenen Gatten Philip und ihren Eltern, erreicht die Königin, die über siebzig Jahre lang Großbritanniens Staatsoberhaupt und eine Ikone ihres Landes war, das Ziel ihrer Reise – nach all den langen, turbulenten Jahren ihrer Ära. Und nach elf Tagen einer extensiv zelebrierten Trauer.