Michael Ilk, wie man ihn nicht kennt: mit Handpuppen in den Kulissen von einst. Foto: Simon Granville

Als der Ludwigsburger Baubürgermeister Michael Ilk im Jahr 2021 Freiberufler wurde, wunderte das manchen. Was der 60-Jährige jetzt macht, was er mit Puppenspiel am Hut hat, warum er Kinderbücher schreibt und was das mit einem toten Freund zu tun hat.

Michael Ilk kennt die Spekulationen. Sie werden mal offen, mal hälingen ausgesprochen: Konnte der nicht mit dem OB? Ist das nicht ein Abstieg, vom Ludwigsburger Baubürgermeister zum Teilzeit-Fachbereichsleiter in Sachsenheim? Hat er Geldprobleme? „Wenn einer vor dem Ziel noch abbiegt, dann muss was faul sein, das denken halt viele“, sagt der 60-Jährige. Keine der Spekulationen treffe zu, erklärt er.

 

Michael Ilk war 2021 abgebogen, statt auf dem geraden Weg in Richtung Pension zu marschieren. Von Haus aus Bauingenieur und schon in mehreren Verwaltungspositionen tätig, bewarb er sich nicht für eine zweite Amtsperiode in Ludwigsburg, sondern peilte eine Selbstständigkeit als zertifizierter Wirtschaftsmediator an. „Das ist mittlerweile gut angelaufen, zum Beispiel habe ich gerade einen tollen Auftrag in Schorndorf, wo sie bis 2035 klimaneutral werden wollen“, sagt er. Sich auf dem Markt anzupreisen, sei allerdings schon ungewohnt für ihn gewesen, räumt Ilk ein. Auch in seinem Privatleben gab es unvorhergesehene Abzweigungen.

Es kam ihm also zupass, als sein Kreistags-Freie-Wähler-Fraktionskollege Holger Albrich, Bürgermeister in Sachsenheim, dort jemanden für die vakante Stelle als Fachbereichsleiter Stadtentwicklung und Nachhaltigkeit brauchte und ihn ansprach. Ilk macht das jetzt seit rund einem Jahr auf einer 50-Prozent-Stelle. „Im Grunde schlägt ja immer noch ein kommunales Herz in meiner Brust. Und ich habe ein hoch motiviertes Team dort“, sagt Ilk. Für ihn sei die Tätigkeit kein Rückschritt. In einer kleineren Kommune sei man an den Themen näher dran, das mache Freude. „Aber sobald ein Nachfolger gefunden ist, räume ich den Posten.“

Zum freieren Leben gehört nicht nur, dass Michael Ilk jetzt Zeit hat, sich mit seiner Tochter – eines von drei erwachsenen Kindern – regelmäßig zum Schwimmen zu verabreden. Sondern auch, dass er sich nun auch schreibenderweise für Kinder betätigt. „Räuber Rotbart – der Schatz im Schloss“ heißt ein vom Freiberger Illustrator und Grafiker Patrick Fix bebildertes Buch, das Ilk in einem Print-on-demand-Verlag herausbrachte. Es richtet sich an Kinder ab vier Jahren.

Es geht ihm nicht darum, das große Autorengeld zu machen. Ilk schrieb die Geschichte um die im Briefkasten eingesperrte Oma, den Räuber, ein Gespenst und einen Schatz auch als Hommage an seinen Freund Peter Schönbein, der wenige Wochen vor seinem 27. Geburtstag starb. Die Erinnerung an ihn katapultiert Ilk zurück in eine andere Zeit. Damals engagierte er sich auf einem Feld, womit man den Ex-Bürgermeister kaum in Verbindung bringt: mit dem Puppentheater.

Mit seinem Freund Peter – beide besuchten das Gymnasium in Feuerbach – schrieb und spielte Ilk als Jugendlicher Puppentheaterstücke. In der damaligen Feuerbacher Bücherei, die er als leidenschaftlicher Leser liebte, durften die beiden einen leeren Raum nutzen. Sie hatten Puppen, Kulissen, Requisiten und Bühne selbst gefertigt, „mit wachsender Begeisterung und unter Einsatz des kompletten Taschengeldes“ erzählt er. Die Stücke waren kasperltheaterartig, aber ohne Kasperl, „den neunmalklugen Depp“, so Ilk, stattdessen mit einem klugen Drachen namens Balduin, Seppl und der Großmutter.

„Wichtig war uns, dass die Probleme gewaltfrei gelöst werden“, erzählt Ilk, der – Stichwort Gewaltfreiheit – später auch den Kriegsdienst verweigerte. Das funktionierte zum Beispiel so, dass Räuber nicht Knüppel-aus-dem-Sack-mäßig verdroschen, sondern über den See vertrieben wurden, weggepustet von den Kindern aus dem Publikum. „Die haben wir aktiv eingebunden“, berichtet Ilk. Als die Bücherei umzog und das Domizil der jungen Puppenspieler wegfiel, schrieben sie verzweifelt ans Stuttgarter Kulturamt und an die Zeitung. Und sie überzeugten die Verantwortlichen dergestalt, dass das Kulturamt ihnen einen Deal vorschlug: „Ihr baut euch eine transportable Bühne, die Stadt Stuttgart bezahlt sie euch, und dafür verpflichtet ihr euch, regelmäßig in Stuttgarter Büchereien zu spielen.“ Ilk und Schönbein schlugen begeistert ein, zumal es auch noch Gage für die Auftritte gab. Zehn Jahre lang waren sie mit ihrem „Puppenspiel in der Räuberhöhle“ unterwegs. Später spielte er noch mit anderen Partnern, etwa bei einer Puppen-„Zauberflöte“ mit dem Visconti-Quartett, und solo. Der letzte Auftritt war 2011.

„Peter und ich haben an die 20 eigene Geschichten erfunden“, erzählt Michael Ilk. Zu den allermeisten habe er damals zum Glück Inhaltsangaben geschrieben. Aus einem dieser Plots hat er jetzt das Buch gemacht, „es wäre schade, wenn diese Geschichten verloren gehen würden“, findet er. Weitere sollen folgen, wenn es klappt, schon vor Weihnachten. „Ich selbst habe in letzter Zeit im Rahmen meiner Mediatoren-Ausbildung fast nur noch Fachbücher gelesen“, sagt er.

Mit 19,90 Euro ist das knapp 70-seitige Buch nicht günstig – „aber die Druck- und Grafikkosten würde ich gerne einspielen“. Das kommunale Herz kommt auch beim Autor Michael Ilk nicht ganz zum Stillstand. Nicht nur bei einem Erwachsenenstoff, der ihm im Kopf herumgeistert und sich um ausufernden Bürokratismus dreht. Beim „Räuber Rotbart“ zählt auch der nicht sonderlich tatkräftige, aber großspurige Bürgermeister Pumpernickel ein Protagonist. Zum Schluss will er unbedingt eine Rede halten. Es kommt aber nicht dazu: Keiner will sie hören.