Dan Ettinger beim Antrittskonzert mit den Stuttgarter Philharmonikern. Foto: Thomas Niedermüller

Das Publikum jubelt. Der Dirigent demonstriert Bescheidenheit, stellt sich erst zwischen seine Musiker und hält dann die Partitur in die Luft. So endet das Antrittskonzert Dan Ettingers bei den Stuttgarter Philharmonikern.

Stuttgart - Der Auftakt ist kurz, sachlich. Und vielleicht auch ein wenig irritierend. Michael Stille, Intendant der Stuttgarter Philharmoniker, erinnert vor dem voll besetzten Beethovensaal daran, dass es Musiker anderer Orchester gebe, die in ihrem gesamten Berufsleben nie einen Wechsel ihres Chefdirigenten erleben. Und bevor Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn dann einen Dirigierstab an den neuen Spitzenmann „seines“ Orchesters übergibt, lobt er das „hervorragende Musikpublikum“ in der Landeshauptstadt. Dan Ettinger selbst sagt nur kurz Danke und dass man es ihm „nicht persönlich nehmen“ solle, wenn er sein neues Arbeitsmittel im ersten Stück noch nicht zum Einsatz bringen werde.

Das erste Stück, das ist Mozarts G-Dur-Konzert für Violine und Orchester (KV 216) – nein, sagen wir besser: Es hätte Mozarts G-Dur-Violinkonzert sein können. Dass dies am Dienstagabend nicht immer und unbedingt der Fall ist, liegt nicht am Dirigenten, der hier (sitzend) mit den Händen Klänge formt. Zwar kommen diese (aus Mangel an Konzentration oder an Probenzeit?) oft noch nicht ganz auf den Punkt, zwar werden etliche intonatorische Zielvorgaben nicht erreicht, und in der Kommunikation holpert und stolpert so manches. Aber das ist nicht der entscheidende Grund. Mozarts Misslingen verantwortet vielmehr vor allem der Solist des Abends, der serbische Geiger ­Nemanja Radulovic, eine schillernde, eigenwillige Persönlichkeit, deren Gebaren und Gestalt – hager, hochgewachsen, dunkel gewandet – wie eine Mischung aus Papageno und Paganini anmutet.

Der serbische Geiger Nemanja Radulovic ein Hexenmeister der Klänge

Radulovic ist ein Hexenmeister der Klänge, auf zauberhafte Weise kann er zumal dem Leisen feinste Schattierungen entlocken, und man muss bewundern, wo und wie er den Solopart mit Farbakzenten bereichert. Die andere Seite des Musikers ist aber auch da. Sie nimmt Tempi extrem, sie staut den musikalischen Fluss oder treibt ihn an, ohne dass die Partitur dafür Anlass böte; sie zerfetzt die Kadenz im ersten Satz so, dass deren Motive wirken wie musikalisches Fingerfood; sie macht aus dem langsamen Mittelsatz ein tief romantisches Stück, lässt ihn förmlich ertrinken in sattem Sentiment, und dass dem Teufelsgeiger im finalen Rondo Mozarts augenzwinkernder Rückblick auf barocke Tanzgestik nicht durch die flinken Finger gleitet, liegt wohl nur am Kontrast zum folgenden Gassenhauer, den er auskostet, als sei dieser eigens für ihn komponiert worden.

Ist er aber nicht. Wo die bevorzugten Weidegründe des zirzensischen Effekt-Musikers Nemanja Radulovic liegen und liegen sollten, zeigt sich beim zugegebenen Stück aus Tschaikowskys „Schwanensee“, und dass auch Ettingers Qualitäten eher im weiteren Umfeld der Romantik zur Geltung kommen, beweist der frischgebackene Chefdirigent anschließend bei Gustav Mahler. Dabei könnte man glatt die These aufstellen, dass die Wahl von dessen fünfter Sinfonie durchaus kein Zufall war. Schließlich ist diese in ihrer formalen und tonartlichen Unentschiedenheit wohl Mahlers schillerndstes Werk des Übergangs, und nach dem wunderbar genauen und klar strukturierten Mahler-Zyklus seines Amtsvorgängers Gabriel Feltz setzt Dan Ettinger auf eine sehr eigene Dramaturgie der Gegensätze, die manchmal etwas plakativ wirkt, in der Summe aber ebenfalls stimmig ist.

Die Musiker wirken wie wachgeküsst

Hier stehe ich, ich kann nicht anders: Das scheint Dan Ettinger dem Stuttgarter Publikum in diesen 75 Minuten sagen zu wollen, und beruhigt kann man feststellen, dass diese Aussage nun nicht mehr auf Kosten der Musik getroffen wird.

Die Musiker selbst wirken wie wachgeküsst. Sie sind in Spannung, sehr konzentriert, die Streicher wirken gebündelt, die Bläser punkten mit knalliger Präzision, und das Können ist fast so groß wie das Wollen. So ziehen vor den Ohren der Zuhörer Mahlers leer gewordene (Tanz-)Formen vorüber, ferne Volksmusik-Klänge, exotisches Instrumentarium; dazu im Scherzo, das Ettinger eben nicht zu schnell nimmt, ein verkleidetes, degeneriertes Menuett, das wie ein Totentanz wirkt. Man kann das düsterer, abgründiger spielen lassen, als es hier geschieht, aber dafür hält Dan Ettinger, auch weil er das Risiko nicht scheut und seine Musiker immer wieder zwischendurch kurz von der Leine lässt, sein Publikum bei der Stange – und widersteht in einem gut durchgestalteten und nicht ins allzu Langsame getriebenen Adagietto nicht nur erfolgreich der Kitschgefahr, sondern bringt auch das Singen in diese gesanglose Sinfonie ein.

Das Publikum jubelt. Der Dirigent demonstriert Bescheidenheit, stellt sich erst zwischen seine Musiker und hält dann die Partitur in die Luft. Man hätte bei diesem bunten Antrittskonzert auch Gründe dafür finden können, dies gerade nicht zu tun, aber es finden sich auch Gründe dafür. Stuttgart hat einen Künstler gewonnen, der keinen gleichgültig lassen wird. Und das ist schon mal ganz schön viel.

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