Daimler-Rechtschefin Renata Jungo Brüngger: Wir wollen wissen, woher die Rohstoffe kommen. Foto: Daimler

Der Daimler-Konzern trägt sich mit dem Gedanken, ein Auto zu bauen, bei dem auf Stoffe tierischer Herkunft komplett verzichtet wird. Es gebe durchaus die Überlegung, ein veganes Auto anzubieten, sagt Daimler-Rechtschefin Juno Brüngger.

Stuttgart - Sie ist zuständig für die Einhaltung von Recht und Gesetz – nicht nur im eigenen Unternehmen, sondern auch entlang der gesamten Lieferkette. Im Interview sagt Renata Jungo Brüngger, Vorstandsmitglied der Daimler AG, worauf es ihr dabei ankommt.

Frau Jungo Brüngger, Daimler hat seit einigen Jahren ein eigenes Vorstandsressort für Recht. Braucht man das für die Einhaltung von ­Gesetzen?

Ich sehe mich als die Risikomanagerin von Daimler. Meine Aufgabe besteht darin, rechtliche Risiken frühzeitig zu erkennen – mit Blick auf mögliche Verstöße ebenso wie auf neue Technologien.

Worin können solche Risiken bestehen?

Daimler arbeitet intensiv an Technologien wie dem autonomen Fahren und der Künstlichen Intelligenz, das wirft viele neue Rechtsfragen auf. Es wäre nicht gut, wenn Ingenieure in monatelanger Arbeit ein tolles System entwickeln und wir dann sagen müssten, dass es wegen des Datenschutzes nicht realisierbar ist. Deshalb versuchen wir, schon in der Entwicklungsphase die Risiken zu erkennen, damit solche Projekte dann auch umgesetzt werden können.

Zu Ihrem Verantwortungsbereich gehört auch die Nachhaltigkeit und damit die Frage, welche Maßstäbe Daimler an die Lieferanten von Rohstoffen anlegt. Worauf achtet Daimler beispielsweise beim Kobalt-Einkauf für Elektroauto-Batterien?

Wir wollen sicherstellen, dass in unseren Autos nur Rohstoffe enthalten sind, die nicht mit der Verletzung von Menschenrechten, zum Beispiel mit Kinderarbeit, in Berührung gekommen sind. Deshalb haben wir ein System zum Schutz von Menschenrechten eingeführt, das die Lieferkette transparent macht und in der Branche bisher einzigartig ist. Wir analysieren für die einzelnen Rohstoffe das Risiko, ob bei ihrer Gewinnung Menschenrechte verletzt werden. Ist das Risiko hoch, nehmen wir die Lieferkette besonders genau in den Blick. Kobalt schätzen wir zum Beispiel als absoluten Risikorohstoff ein.

Daimler beschafft diesen Stoff nicht direkt, sondern er ist in den Batteriezellen enthalten, die Daimler zukauft. Haben Sie überhaupt Einblick in die Situation vor Ort?

Wir beziehen unsere Rohstoffe in der Tat über Lieferketten, die durchaus sechs oder sieben Stufen enthalten können. Deshalb lassen wir uns von den Lieferanten vertraglich zusichern, dass sie ihrerseits ihre Lieferkette transparent machen. Nicht jeder legt gerne seine Karten offen, deshalb erfordert es viel Überzeugungsarbeit, bis man sich ans Ende der Kette durchgearbeitet hat.

Papier kann aber sehr geduldig sein.

Es bleibt auch nicht bei den Verträgen. Wo das Risiko besonders hoch ist, gehen wir vor Ort und machen uns ein unmittelbares Bild von den Arbeitsbedingungen.

Wonach entscheiden Sie, wo Sie diese Inspektionen vornehmen?

Wir haben alles in allem 60 000 Lieferanten in aller Welt, die könnte man unmöglich alle gleichzeitig kontrollieren. Um das Risiko einzuschätzen, nutzen wir Listen der Vereinten Nationen über Stoffe, bei deren Gewinnung die Menschenrechte verletzt werden. Zudem arbeiten wir mit Nichtregierungsorganisationen zusammen, die die Lage ebenfalls beobachten. Bekommen wir Hinweise auf Verstöße, gehen wir diesen nach.

Es gibt ja beim Kobalt nur wenige Lieferanten, aber viele Autohersteller, die es für ihre Elek­troautos unbedingt benötigen. Haben Sie da überhaupt Druckmittel in der Hand, um Ihre Standards durchzusetzen?

Die Welt ist heute so globalisiert, dass ein Betreiber nicht einfach im Verborgenen fragwürdige Praktiken umsetzen kann. Deshalb stoßen wir meistens auf offene Ohren, wenn wir Beanstandungen haben. Es gibt aber auch Lieferanten, die von Standards nichts wissen wollen. Diese nehmen wir dann aus unserer Lieferkette heraus . . .

. . . so dass sie dann eben andere Abnehmer beliefern. Für die arbeitenden Kinder ändert sich dadurch nichts.

Genau deshalb sind solche Entscheidungen auch nicht endgültig. Wir versuchen vielmehr, auch mit diesen Lieferanten im Gespräch zu bleiben und auf Veränderungen hinzuwirken. Es gibt ja ein großes Interesse, ein Unternehmen wie Daimler zu beliefern.

Gibt es auch jenseits der Elektrobatterie problematische Rohstoffe?

Wir analysieren grundsätzlich das gesamte Produkt. So haben wir die S-Klasse auf entsprechende Materialien überprüft und 50 Stoffe festgestellt, deren Beschaffung potenziell ein Risiko darstellt. Dazu gehören zum Beispiel Stahl und Zink, aber auch Leder. Hier legen wir Wert darauf, dass es aus nachhaltiger Produktion stammt und der Tierschutz eingehalten wurde.

Viele Menschen wollen keine Produkte tierischen Ursprungs mehr nutzen – wirkt sich diese Haltung gegenüber Tieren auch auf den Autokauf aus?

Es gibt bei uns durchaus die Überlegung, auf bestimmte Stoffe ganz zu verzichten und zum Beispiel ein veganes Auto anzubieten.

Neben der Elektromobilität steht ja auch die Digitalisierung im Zentrum der Strategie von Daimler. Welche Regeln gelten bei Ihnen für den Umgang mit Daten?

Die Grundregeln lauten Transparenz, Selbstbestimmung und Datensicherheit. Der Kunde soll selbst entscheiden, welche Daten er bereitstellt und welche Dienste er nutzen will. Und er soll auch wissen, was mit seinen Daten geschieht. Wenn Daten an Dritte weitergegeben werden, hat unser Kunde jederzeit Transparenz darüber, für welchen Zweck er Zugang auf Fahrzeugdaten gewährt hat.

Wie freigiebig sind die Kunden mit ihren Daten?

In der A-Klasse haben wir erstmals ein Infotainment-System auf Basis der Künstlichen Intelligenz eingeführt. Die Erfahrung zeigt, dass die jüngeren Kunden in kürzester Zeit alle Dienste aktivieren. Sie wollen Verkehrsinformationen erhalten oder vielleicht daran erinnert werden, dass sie einmal die Woche mit ihrer Mutter telefonieren. Ältere Menschen, die nicht so digital aufgewachsen sind, haben da mehr Vorbehalte.

Für viele Firmen, etwa für Versicherungen, können die Daten von Interesse sein, weil sie zum Beispiel Auskunft über die Fahrweise geben.

Die Daten sind wertvoll und wecken bei Versicherungen Begehrlichkeiten. Aber auch hier gilt, dass der Kunde über die Verwendung entscheidet. Der verantwortungsvolle Umgang mit Daten wird mehr und mehr zu einem Qualitätsmerkmal von Unternehmen werden.

Trotz aller Bemühungen, Compliance, also die Einhaltung von Standards und Gesetzen, durchzusetzen, gibt es auch gegen Daimler immer wieder rechtliche Verfahren, sei es wegen des Diesels oder wegen Kartellverstößen. Sind Rechtsverletzungen unvermeidbar?

Die Vorstellung, dass wir Compliance einführen und am nächsten Tag sind im ­gesamten Unternehmen alle Probleme ­vollständig beseitigt, wäre nicht realistisch. Wir haben nicht nur 300 000 Mitarbeiter, sondern es scheiden auch laufend Menschen aus und es kommen neue hinzu. All diese Menschen über Gesetze und unsere Standards zu schulen, ist daher eine Daueraufgabe. Die Arbeit daran wird uns sicher nicht ausgehen.