Die Nachricht, dass der Getränkehandel Hahn zum Jahresende zumacht, rast wie ein Lauffeuer durch Dagersheim. Ein Nachfolger für den Traditionsbetrieb hat sich zwar nicht gefunden – aber Tochter Lena Hahn wird die Mosterei weiter betreiben.
Dagersheim - Wenn der Feuerwehr-Musikkapelle beim „Göckelesfest“ an Himmelfahrt der Biernachschub ausging: Wo gab’s sofort fassweise Nachschub? „Beim Hahn“. Und was tat der Hubers „Eigele“, wenn ihm als Viertelesschlotzer der Trollinger zur Neige ging? Er ging „zum Hahn“, der Dagersheimer Getränke-Adresse schlechthin. Nicht mehr lange, dann sind die Tage des Naheliegenden gezählt. Denn Getränke Hahn schließt zum 31. Dezember seine Pforten. Wie ein Lauffeuer ist diese Nachricht im Flecken herumgegangen. Und nur eines tröstet die Dagersheimer (und Auswärtige) über diesen Verlust hinweg: dass die Mosterei Hahn in Betrieb bleibt. Wenigstens das.
Mit 66 Jahren, da fängt die Rente an – widerwillig!
Klaus Hahn, der Chef, hätte gerne noch weitergemacht. Mit seinen 66 hätte er sich noch lange nicht alt genug gefühlt, aufzuhören. Aber: Anfang November hat ihn ein Schlaganfall schachmatt gesetzt. Das hat den Mittsechziger ordentlich mitgenommen. „Ich hatte einen Wahnsinnsdusel“, zitiert das Dagersheimer Ur-Gestein den Chefarzt aus dem Klinikum Sindelfingen nach der Diagnose. Es hätte schlimmer ausgehen können. Nach einer Reha am Bodensee wirkt er zwar schon wieder fit. Aber seinen Lebenswandel will Klaus Hahn nun ändern – etwa durch viel tägliche Bewegung.
Rente bezieht der ehemalige Ortschaftsrat schon seit fünf Monaten. Jetzt sollen er und Ehefrau Miriam auch endlich in Rente gehen (dürfen), sagen ihre beiden Kinder Sebastian und Lena Madeleine. Das hätten sie schließlich auch verdient.
Schon im Alter von 15 Jahren der Mutter zur Hand gegangen
Gerade 15 Jahre alt war Klaus Hahn, als sein Vater Erwin überraschend an einem Lungentumor starb. Just zu einem Zeitpunkt, als das 1948 gegründete Unternehmen Eigentum erworben und viel Geld in den Betreib hineingesteckt hat. „Mir henn an jenseits Haufa Schulda g’hett“, erzählt Klaus Hahn von Anfang der 70-er Jahre. Seine Mutter Hermine musste fortan anpacken, „ohne Wenn und Aber“. Und Sohnemann Klaus musste ihr assistieren.
Also stürzte sich der Junge, der gerade den Realschulabschluss gemacht hatte, nach einer verkürzten Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann bei Kriegbaum ins elterliche Geschäft. Machte den Lkw-Führerschein, kutschierte Getränkekisten palettenweise und trieb im Herbst jene Mosterei um, die man kreisweit kennt wie kaum eine zweite. Nicht zuletzt, weil sie an der Straßenkreuzung Böblinger-/Aidlinger Straße so augenfällig gut liegt, dass keiner im Ampel-Autostau sie je übersehen könnte. Geschweige denn „überriechen“. In guten Obst-Anlieferjahren lag tonnenweise Trester herum.
Manche Arbeitstage begannen schon morgens um vier Uhr
Klaus Hahn hat mehr als 50 Jahre lang gearbeitet, vielleicht müsste man eher sagen: geschuftet. Oder, auf gut schwäbisch, „g’schafft wie a Brunnaputzer“. Öfter ist er um 4 morgens los, um um 7 bei Paulaner in München Bier abzuholen. Oder er fuhr zum Chiem- und an den Tegernsee. Die Mineralwässer aus Bad Teinach oder Bad Liebenzell lagen da vergleichsweise ums Eck.
Nun, er habe immer gerne gearbeitet, Hahn will nicht klagen über das Los seiner Selbstständigkeit. So war er verwurzelt im Gemeindeleben wie ein alter Streuobstbaum in der Erde. Die vielen Kontakte zu den Leuten und zu den Vereinen – das sei durch nichts aufzuwiegen, gewährt der 66-Jährige Einblick in seine Arbeitslebenbilanz und in seine von Bodenständigkeit geprägte Einstellung zum Leben. Urlaub? Mehr als mal drei, vier Tage am Stück gab’s für ihn nicht.
Die Umsätze locken mögliche Nachfolger nicht
Es schmerzt ihn, loslassen zu müssen. Und so suchte Klaus Hahn händeringend nach einer Nachfolgelösung für seinen Markt. Fand sie aber nicht. Getränke Klauss in Maichingen war so eine Möglichkeit. „Aber der hat vor zwei Jahren schon den Nonnenmacher in Gärtringen übernommen. Was soll der mit einem dritten Markt?“, fragt Hahn. Andere Interessenten hätten ihm gesagt, die Umsätze, die man brauche, gäbe der Markt nicht her. Nicht mehr. Die Supermärkte mit ihren Getränkeangeboten und Sonderpreisen setzten auch Familie Hahn zu.
Gibt es eine Nachnutzung der Immobilie? Hahn hofft darauf, hat allerdings noch nichts unternommen diesbezüglich. Vielleicht will er auch am letzten Zipfel Hoffnung festhalten, dass es an der Hauptstraße weiter Flüssiges vom Wasser über den Wein bis zum Whisky geben wird. Sein Sohn Sebastian Hahn (41) wird den Getränke-Abholmarkt in Schönaich weiterführen und einen Teil der Lkw-Zufuhr erhalten.
Lena Hahn setzt die Mosterei-Tradition fort – aus Passion
Und auch Tochter Lena, 38, hält eine Traditionslinie der Familie am Leben. Die Reit- und Skibegeisterte, die auch im Yoga aktiv ist, wird die Mosterei der Familie aus Passion fortführen. Diesbezüglich scheinen die väterlichen Gene eins zu eins übergesprungen zu sein. Und sollte dann je eine Ernte in diesem Saisongeschäft überhand nehmen – Vater Klaus wird man garantiert im Hof und an der Presse mithelfen sehen. Rente hin oder her: Wo G’schäft ist, kann so einer nicht bloß zugucken.