Auch das Stuttgarter Ballettpublikum schätzt Polina Semionova – zum Beispiel als Gast bei einem Auftritt als Tatjana in Crankos „Onegin“. Foto: Stuttgarter Ballett

Auf eine Kompanie des Jahres konnten sich die Kritiker nicht einigen - zu vielfältig waren die Antworten der 41 befragten Tanz-Experten, die das Fachmagazin „tanz“ nun in seinem Jahrbuch veröffentlichte. Ein paar Künstler sind dann doch mehr als andere aufgefallen.

Berlin - Vielleicht ist das Ergebnis dieser Umfrage ein wenig der Metoo-Debatte geschuldet, die in der vergangenen Saison auch die Tanzszene nicht ausgespart hat. Die traditionelle Kritikerumfrage, für die das Fachmagazin „tanz“ in diesem Jahr 41 internationale Journalisten befragt und das Ergebnis an diesem Dienstag in seinem aktuellen Jahrbuch veröffentlicht hat, kürte jedenfalls eine Frau an die Spitze dieser Dance-Charts 2018: Crystal Pite hat den Titel „Choreografin des Jahres“ unbedingt verdient; die Kanadierin hat zum Beispiel auf Einladung von Christian Spuck für das Züricher Ballett choreografiert und wird nicht nur für ihre Musikalität und ihren Einfallsreichtum gelobt, sondern auch für Inszenierungen, die Wert und Würde des Menschen feiern. Polina Semionova, als Gast dem Berliner Staatsballett verbunden, ist Tänzerin des Jahres; als Tänzer des Jahres setzte sich Trajal Harrell durch, ein Voguing-Spezialist aus New York. Voguing? Dass die aus der queeren Clubkultur in Harlem hervorgegangenen Catwalk-Posen vielfach Beachtung finden, liegt an der komödiantischen Leidenschaft Harrells. Aber nicht nur: Die aktuelle Kritikerumfrage unterstreicht, wie vielgestaltig und mobil die internationale Tanzszene ist – und dass eine Einigung auf wenige herausragende Ereignisse immer schwieriger wird. Ein Ensemble des Jahres war bei 41 unterschiedlichen Nennungen gar nicht ausfindig zu machen. Unter den herausragenden Produktionen haben es gleich zwei aufs Podest geschafft: „Grand Finale“ von Hofesh Shechters in London beheimateter Kompanie, ein Stück, das unmittelbar nach der Pariser Uraufführungs bei Eric Gauthiers Festival in Stuttgart gastierte, und Lin Hwai-mins „Formosa“, das Stück, mit dem sich der taiwanesiche Choreograf vom Cloud Gate Dance Theatre verabschiedet.

Heimat? Auch Marcia Haydée gibt Auskunft

Auch wenn kein Stuttgarter Künstler explizit unter den Jahressiegern auftaucht, bestimmt vielfach eine Stuttgarter Perspektive das aktuelle Jahrbuch, das unter dem Titel „Heimat? Los!“ fragt, welche Gefühle Tänzer mit diesem Begriff verbinden. Marcia Haydée und Louis Stiens geben Auskunft über Glück und Hoffnungen, Roman Novitzky hat mit der Kamera einen Blick in Künstlergarderoben geworfen, seine Porträts dieser „Heimat des Lampenfiebers“ durchziehen das Jahrbuch. Ob Friedemann Vogel, Marco Goecke oder Rosario Guerra, ob Stuttgarter Ballett oder Gauthier Dance: mancher Kritiker hat auch aus Stuttgart intensive Erlebnisse mitgenommen und in Tänzern wie Alessandro Giaquinto „Hoffnungsträger“ entdeckt. Und auch eines in der Auswahl der „Heimat-Stücke“ spielt hier: Die Stuttgarter Choreografin Nicki Liszta erzählte in „Wolfgang“ von den Ängsten, die jeden umtreiben, der sich mit Heimatgefühlen zu sehr bindet.

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