Wer genau wissen will, was in Schönheitsmitteln drin ist, wählt die Zutaten selbst und produziert so auch weniger Müll.
Stuttgart - Angefangen hat alles mit einem kleinen Herz. Zwölf Jahre ist es her, als Karen Rose in einem Laden für Naturkosmetik einen kleinen Bodybutter-Bar in Herzform entdeckt. „Das war feste Creme, die ist dann auf der Haut geschmolzen, und ich fand das grandios. Ich habe das zu Weihnachten verschenkt und hab mir das selber ein paarmal gekauft. Aber das ging ganz schön ins Geld – und ich war noch Studentin und hatte kein Geld“, berichtet sie. Und dann habe sie im Internet mal nachgeschaut und sich gefragt: „Kann man das nicht auch selber machen?“
Die Berlinerin kann. Sie besorgt sich die nötigen Zutaten, beginnt zu experimentieren und entwickelt ihr eigenes Rezept für das Creme-Herz. „Es ist immer noch mein Lieblingsprodukt, weil es beeindruckend ist: Man hat was Festes, und es schmilzt, und es funktioniert.“ Nach dem ersten Erfolgserlebnis macht Karen Rose einfach weiter: Aus Butterprodukten, Wachsen und Ölen macht sie versuchsweise selbst gerührte Cremes, Shampoos und Badezusätze – beschenkt Freunde und Familie und ist mit den Ergebnissen auch selbst zufrieden.
Workshops ausgebucht
2016 wagt sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Seitdem gibt sie ihr Wissen um selbst gemachte Kosmetik auch hauptberuflich weiter. Eine Idee, mit der sie die Kundschaft am Anfang erst einmal überzeugen muss. „Damals war es noch so: Naturkosmetik, was ist das eigentlich? Warum braucht man das? Das war dann eher so der Partygag für Junggesellenabschiede oder so was.“ Mittlerweile seien ihre Workshops immer ausgebucht. „Und man merkt einfach, dass die Leute verstanden haben, was wir für Müll produzieren und was wir teilweise alles Schreckliches kaufen.“
Wer sich in der Drogerieabteilung die Zutatenlisten von Kosmetikprodukten anschaut, versteht oftmals nicht einmal die Hälfte. Klarheit bringen Apps wie CodeCheck oder Tox Fox. Nach dem Abscannen eines Produkts entschlüsseln sie die Zutatenliste und zeigen an, welche Inhaltsstoffe aus welchem Grund bedenklich sein können.
Bedenkliche Silikone
Zum Beispiel Silikone. Sie werden etwa in Shampoos eingesetzt, um Haare glatt und glänzend zu machen. Langfristig genutzt verfehlen sie jedoch häufig ihre Wirkung, das Haar wird kraftlos und schlaff. Zusätzlich können Kläranlagen die winzigen Kunststoffteilchen nicht aus dem Abwasser herausfiltern. So gelangen sie letztlich auch in unser Trinkwasser. Auch Acrylate sind Kunststoffe. Sie sollen dafür sorgen, dass zum Beispiel Duschgel nicht zu flüssig wird. Hergestellt werden sie aus Erdöl. Beim Duschen gelangen sie ins Abwasser und damit ebenfalls in die Gewässer.
Der Enthärter Disodium EDTA wird in Cremes verwendet, um Inhaltsstoffe miteinander zu vermischen. Zugleich steht er im Verdacht, an Schadstoffe anzudocken und sie über die Haut in den Körper zu schleusen. Auch Parabene stehen seit Längerem in der Kritik. Eingesetzt als Konservierungsmittel, schützen sie Kosmetika wie auch Arzneimittel effektiv vor Keimbefall. Zugleich werden sie verdächtigt, das Hormonsystem zu beeinflussen. Seit Oktober 2014 sind verschiedene Parabene in kosmetischen Mitteln in der Europäischen Union nicht mehr zugelassen. Ein generelles Verbot von Parabenen gibt es jedoch nicht.
Schädliche Inhaltsstoffe
Das Perfide dabei: Auch in Produkten, die besonders ökologisch daherkommen und mit „natürlichen Inhaltsstoffen“ werben, stecken zuweilen schädliche Inhaltsstoffe. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat 16 vermeintliche Naturpflegeprodukte wie Cremes, Lotionen und Shampoos überprüft und flüssige Kunststoffe sowie synthetische Inhaltsstoffe darin gefunden. Denn die Begriffe „Naturkosmetik“ oder „Biokosmetik“ sind nicht gesetzlich geschützt.
Wer sichergehen will, dass ein Produkt wirklich frei von bedenklichen Zutaten ist, sollte auf ausgewählte Naturkosmetiksiegel wie das des Bundesverbandes deutscher Industrie- und Handelsunternehmen (BDIH) oder des internationalen, nicht gewinnorientierten Verbands für Natur- und Biokosmetik Natrue achten.
Wenige Zutaten
Die Rezepte von Karen Rose kommen mit wenigen Zutaten aus, die sich in gut sortierten Bioläden finden lassen: Natron, Stärke, Sheabutter, Kokosöl. Als Ersatz für das teure Mandelöl bietet sich auch Sonnenblumenöl an. Die hausgemachte Kosmetik hält sich gut zwei Jahre lang. Wer sichergehen möchte, bewahrt sie im Kühlschrank auf. Viel schiefgehen könne bei der Herstellung nicht, wenn man sich an die Grundregel halte: „Das Wichtige ist – gerade wenn wir unraffinierte Öle und Butter benutzen –, dass wir möglichst wenig Hitze dazugeben und dass wir die nicht überhitzen, weil dadurch die guten Mineralstoffe und Vitamine zerstört werden und gerade auch zum Beispiel ein Produkt wie Sheabutter darunter leidet und nicht mehr richtig fest wird“, rät Karen Rose. „Unser wichtigstes Ziel ist, immer die härteste Zutat zuerst zu schmelzen und, erst wenn die geschmolzen ist, die nächste Zutat hinzuzugeben. So arbeiten wir uns im Schmelzpunkt immer weiter nach unten.“
Noch sind es vor allem Frauen, die ihre Workshops besuchen. Aber Karen Rose ist überzeugt, dass auch Männer sich bald vermehrt mit dem Thema auseinandersetzen werden. Pflegendes Bartöl zum Selbermachen hat sie bereits im Angebot.