Zusammen flexibel ist man weniger allein: Mit diesem Spruch wirbt das Stuttgarter Gemeinschaftsbüro für Kreative und Freischaffende. Foto: coworking-stuttgart.de

Kreative und Freischaffende teilen sich in Büros Mietarbeitsplätze. Das Stuttgarter Coworking-Areal gibt es seit 2010.

Stuttgart - Sie sind jung, tragen viel zu ­große Brillen, in der einen Hand halten sie den Latte macchiato, mit der anderen ihr Smartphone, natürlich das mit dem Apfel. Eine Festanstellung haben sie nicht, denn das würde ihre Kreativität einschränken. Sie nennen sich Freelancer, man könnte schlicht Freiberufler dazu sagen, aber das klingt nicht hip genug. Sie sind sogenannte Coworker, das heißt, sie arbeiten nicht zu Hause, sondern in Gemeinschaftsbüros mit anderen Kreativen zusammen. So weit zumindest das Klischee des modernen Großstadthipsters. So etwas gibt es in Berlin, vielleicht noch in Hamburg und Köln – aber in Stuttgart?

Doch, auch in Schwaben finden sich die Gemeinschaftsbüros für kreative Freischaffende. Seit 2010 gibt es in Stuttgart das Coworking 07 11. Gestartet haben die Gründer Harald Amelung und Felicia Copaciu in der ehemaligen Bahnhofsdirektion, dem Kreativareal H7. Dort mussten sie Ende 2011 ausziehen, die Großbaustelle von Stuttgart 21 zwang sie dazu. Ein Jahr lang weilten die Coworker in der Ossietzkystraße, bis es Anfang September in den Stuttgarter Westen ging.

Für 19 Euro am Tag kann man einen Arbeitsplatz mieten, 199 Euro kostet ein ganzer Monat. Im Preis enthalten: Strom, Internet, Drucker, Fax und Getränke. 22 Plätze gibt es im neuen Büro in der Gutenbergstraße, vorher waren es 15.

Durchgestylt und unnahbar cool ist hier keiner, auch nicht das Büro

Ein Blick in das knapp 200 Quadratmeter große Büro lässt Vorurteile bröckeln. Durchgestylt und unnahbar cool ist hier keiner, auch nicht das Büro. Neben dem Hauptbüro gibt es eine Lounge und zwei Konferenzräume, die stündlich angemietet werden können. Die Coworker sitzen an hellen Schreibtischen, vor ihnen steht ein Laptop. Zwischen ihnen stehen quadratförmige Regale, die auch als Raumtrenner genutzt werden. Die Einrichtung ist einfach und pragmatisch. Getrunken werden keine Szenegetränke, sondern Filterkaffee, fair gehandelt, zumindest wenn er im Angebot war.

Harald Amelung, einer der Gründer von Coworking 07 11, ist selbst kein Schwabe, aufgewachsen ist er in Halle, sorgt aber für schwäbische Bodenständigkeit im Stuttgarter Büro. Der IT-Programmierer ist groß gewachsen, trägt eine schlichte randlose Brille und ein dunkles, unifarbenes Polohemd. Ihm geht es weniger um Lifestyle, sondern um die Idee des gemeinsamen Arbeitens. Er möchte Menschen, die sonst allein daheim oder im Café arbeiten, zusammenbringen. „Im Vordergrund steht der Vernetzungsgedanke. Hier arbeiten Leute aus den unterschiedlichsten Branchen zusammen, jeder kann irgendwie vom anderen profitieren“, sagt Amelung. Meistens passiere das aber eher beiläufig.

Die freiberufliche Historikerin plant einen Internetauftritt, der Programmierer kann helfen, ihre Stadtführungen online bei You Tube zu vermarkten. So greifen einzelne Rädchen ineinander. Der Coworker nennt das Open Source, offene Quelle.

„Wir lassen hier jeden so, wie er ist“

„Dazu gibt es bei uns eine nette Gemeinschaft, einmal in der Woche gehen wir zusammen was trinken“, erzählt Amelung. ­Taoufik Ammar, selbstständiger Berufsberater, Lebenscoach und überzeugter Coworker, betont: „Trotzdem besteht bei uns kein Zwang zum Sozialen. Wir lassen hier jeden so, wie er ist.“

Auch wenn die Coworker ihre Offenheit betonen, ein Krawatten- und Anzugträger würde wohl eher nicht in die Gemeinschaft der freiberuflichen Querdenker passen. Viele der Stuttgarter Coworker kommen aus der IT-Branche, es gibt aber auch Werbetexter, Philosophen, Marketing-Berater, Studenten und freie Journalisten.

Taoufik Ammar hat früher zu Hause ­gearbeitet, in einer kleinen Souter­rain-Wohnung. Sein Ausblick ging ins Grüne, auf ­Höhe seiner Fensterbank begann der Rasen. „Ich war es leid, allein zu Hause zu sein. Da hab’ ich mich immer von der Hausarbeit ­ablenken lassen“, sagt der Berater. „Durch einen Freund hab’ ich vom Co­working-­Space in Stuttgart erfahren. Hier habe ich nun Kollegen, aber im positiven Sinne. Leute, mit denen man zusammenarbeiten kann, ohne die ganzen sozialen Verpflichtungen, Cliquen und Hierarchien.“

„Wir wollen kein zweites Berlin werden, irgendwie wird es hier doch noch schwäbisch bleiben“

So wie Ammar geht es vielen Freiberuflern in ganz Deutschland. Bundesweit gibt es mittlerweile knapp 170 Coworking-Areale. Die meisten in Großstädten. Das Modell des Miet-Büros ist auch Reaktion auf immer flexiblere Arbeitsverhältnisse. Gearbeitet werden kann von überall. Mehr als Strom, Internet und Laptop brauchen viele nicht. „Teilweise haben wir auch Leute hier, die nur für die Zeit eines Projektes hier in Stuttgart sind“, erzählt Harald Amelung.

Die Keimstätte aller deutschen Coworking-Büros ist das Betahaus in Berlin. 2009 wurde es gegründet und hat mittlerweile Filialen in Hamburg, Köln, Barcelona und Sofia. Die Berliner haben das Betahaus zu einer richtigen Marke stilisiert mit unverkennbarem Design und eigenem Café. „Berlin ist für uns schon eine Art Leuchtturm“, sagt Amelung. Er hofft, dass die Stuttgarter Coworking-Szene in Zukunft weiter wachsen wird. Dabei ist ihm wichtig: „Wir wollen trotzdem kein zweites Berlin werden, irgendwie wird es hier doch noch schwäbisch bleiben“, sagt der Mann aus Sachsen-Anhalt und lächelt. An seinem Platz steht ein großer, überdimensionaler Bildschirm. Natürlich der mit dem Apfel. Ganz vom Klischee lossprechen können sich die Stuttgarter Coworker dann eben doch nicht.

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