Viele Menschen leiden unter der wegen des Coronavirus ausgerufenen Isolation. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Für vielen Senioren ist die Corona-bedingte Isolation schwierig. Wie kann man sie in diesen Zeiten erreichen? Zwei Sozialarbeiter in Stuttgart-Fasanenhof suchen Lösungen – und finden sie nicht immer.

Fasanenhof - Eigentlich haben Matthias Winterhagen und Daniela Bieneck den schönsten Beruf auf dem ganzen Fasanenhof, davon sind sie überzeugt. Für die zwei Sozialarbeiter besteht kein Zweifel: Wenn sie beim Mittagstisch oder Kartenspielen in die glücklichen Augen der Senioren blicken, dann geht für sie die Sonne auf.

Matthias Winterhagen betreut das Begegnungszentrum der Arbeiterwohlfahrt (Awo), Daniela Bieneck ist Quartiersmanagerin der Paritätischen Sozialdienste (Pasodi) und betreibt im Auftrag ihres Arbeitgebers unter anderem zwei Wohncafés. Im Alltag haben die beiden oft miteinander zu tun; ihre Kundschaft bezeichnen sie liebevoll als „unsere Senioren“.

Mittagstische, Gymnastikgruppen und Frühlingsausfahrten bestimmen ihren Tagesablauf – so war es zumindest vor der Pandemie. Zurzeit ist die Küche im Awo-Begegnungszentrum verwaist, die Tische im großen Saal sind an die Seite gerückt. Wo sonst Dutzend Senioren miteinander schwatzen, herrscht nun trostlose Stille.

Stresstest für das soziale Netz

Keine Woche hat es gedauert, um den Alltag von Matthias Winterhagen und Claudia Bieneck komplett auf links zu drehen – vom Sozialarbeiter für Senioren zum Schreibtischtäter, so ließe sich ihr Werdegang in Zeiten von Corona wohl am besten umschreiben. Statt über ihre Klienten zu sprechen, müssen sie nun regelmäßig telefonische Krisensitzungen abhalten. Denn das Leben der Senioren geht weiter, auch wenn sich viele von ihnen durch die Beschränkungen in der Corona-Krise ihrer letzten Kontaktmöglichkeiten beraubt sehen.

Um den Fasanenhof und seine ältere Bevölkerung mache sie sich eigentlich keine Sorgen, sagt Bieneck beim Gespräch im menschenleeren Begegnungszentrum. „Das soziale Netz hier ist sehr eng geknüpft, schon vor der Krise gab es Nachbarschaftshilfen, die jetzt an Bedeutung gewinnen“, sagt sie. Das Auffangnetz aus sozialen Kontakten stehe dennoch unter einem Stresstest, das beobachtet auch Matthias Winterhagen. „Selbst den gut gelaunten Senioren geht die Situation langsam an die Nieren. Im April hätten wir die ersten Busausflüge angeboten, da freuen sich viele meiner Klienten über Wochen drauf“, sagt er. Die Busse müssen in diesem Frühjahr allerdings in der Garage bleiben, den Mangel an sozialen Kontakten versucht Winterhagen mit Telefonaten abzufedern. Doch auch das klappe nur bedingt, sagt er. „Alle können wir mit unseren Angeboten nicht erreichen. Die Stimmung wird schon jetzt schlechter, das Risiko einer Depression steigt bei manchen an.“

Persönlicher Kontakt unter strengen Vorgaben

Bei den Paritätischen Sozialdiensten versucht sich Daniela Bieneck deshalb an einer alternativen Herangehensweise. Seit wenigen Wochen bietet sie wieder persönliche Sprechstunden an. Allein und unter hohen Hygienestandards dürfen die Senioren zu ihr ins Wohncafé kommen, um zumindest für eine Viertelstunde die Welt in ihrem Ausnahmezustand hinter sich zu lassen. „Die Menschen, die sonst in keiner Struktur stecken, haben es jetzt am Schwersten. Mit einer solchen Sprechstunde kann ich sie zumindest wieder im Blick haben und mit ihnen von Angesicht zu Angesicht sprechen“, sagt sie.

Auch paarweise Spaziergänge wolle sie bald anbieten. „Genug Ehrenamtliche könnten wir dafür sicherlich zusammentrommeln. Mit dem nötigen Sicherheitsabstand und Mundschutz sollte das doch möglich sein“, hofft Bieneck. Wie weit sie mit ihren Angeboten gehen darf, bleibt der Quartiersmanagerin aber ein Rätsel. Für soziale Träger seien die Auflagen der Landesregierung nur schwer zu durchblicken, bemängelt sie: „Wir brauchen mehr Leitlinien in diesem Wirrwarr. Eine Perspektive für die Zeit nach dem Lockdown wäre hilfreich.“

Gerade für Demenzkranke ist die Situation schwierig

Fürs Erste stochert auch Matthias Winterhagen weiter im Ungewissen. Neben der Begegnungsstätte hat der Awo-Verantwortliche noch ganz andere Sorgen: 70 bis 80 Klienten betreut der Wohlfahrtsverband auf dem Fasanenhof mit seiner ambulanten Pflegestation. Doch die Kontaktbeschränkungen, hohe Auflagen und neue Verordnungen machen die Arbeit am Patienten zum Drahtseilakt. „Ich arbeite aktuell an Notfallplänen und versuche einzuordnen, wie dringend die Senioren unsere Unterstützung brauchen. Da, wo es nicht vermeidbar ist, müssen wir aber trotz der sozialen Isolation helfen“, ist er überzeugt. Gerade bei Patienten mit Demenz sei die Ausnahmesituation schwierig, berichtet Winterhagen. „Manche Senioren sind es gewohnt, ihre Pfleger zu herzen und zu umarmen. Wenn die plötzlich auf Abstand gehen müssen, macht das für demente Menschen überhaupt keinen Sinn. Aufgrund ihrer Erkrankung sind Erklärungsversuche schon im Vorhinein zum Scheitern verdammt.“

Es sind die Schicksale dieser Menschen, die Matthias Winterhagen und Daniela Bieneck keine ruhige Minute mehr lassen. Aus ihren Büros heraus versuchen sie, der Vereinsamung Herr zu werden, dem Virus auch auf sozialer Ebene die Stirn zu bieten. Das Auffangnetz auf dem Fasanenhof dürfte ihnen dabei Hilfe sein – doch wie lange es durch die Krise trägt, vermag keiner der beiden zu sagen. Nur in einem sind sie sich einig: Zerbricht es in seine Einzelteile, wären die Folgen für die ältere Bevölkerung im Stadtteil fatal.

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