Der Rote Platz in Moskau ist menschenleer. Der angrenzende Kreml wirkt mit der Pandemie überfordert. Foto: dpa/Alexander Zemlianichenko

Präsident Wladimir Putin wollte in diesen Tagen eigentlich seine Macht bis 2036 sichern. Dann kam das Virus – und der starke Mann wirkt hilflos.

Moskau - Wenn Russlands Präsident Wladimir Putin Gouverneure, Minister, Bürgermeister empfängt, in seinen Arbeitszimmern quer durchs Land, ist er es, der redet und Anweisungen erteilt. Die Gouverneure, Minister, Bürgermeister wirken üblicherweise wie kleine Schuljungen an seinem Pult, die zu allem nicken und sich zu sagen beeilen, dass alles so erfolgen werde, wie der Präsident das wünsche.

An einem Nachmittag Ende März aber geschah etwas Außergewöhnliches in Russland. Ein Rollentausch, wie es ihn kaum sonst gegeben hatte in der jüngsten Geschichte des Landes: Auch hier saßen sich der Präsident und ein Bürgermeister gegenüber. Diesmal stand aber jemand anderes im Mittelpunkt. Es redete vor allem der Bürgermeister, Moskaus Stadtherr Sergej Sobjanin.

Putin nickt – wie einst seine Untergebenen

Er sprach das aus, was viele im Land längst dachten: Der Statistik zu Corona-Infizierten sei nicht zu trauen, die Lage sei ernst. Bis dahin vermittelte die Führung des Landes, sie habe das „chinesische Virus“, wie sie das Coronavirus nannte, im Griff. Russland, das bereits im Januar die Grenze zu China geschlossen hatte und jeden chinesischen Bürger im Land streng überwachte, sei bestens gewappnet, die Gefahren seien minimal. Sergej Sobjanin, sonst ein loyaler Apparatschik des Systems, bezweifelte das öffentlich, und Putin nickte, wie einst seine Untergebenen.

Nur wenige Zeit später sendeten die Fernsehsender Bilder des Präsidenten, wie dieser in einem kanariengelben Schutzanzug und einer Gasmaske ein Infektionskrankenhaus im Südwesten Moskaus besuchte. Der Chefarzt der Klinik – mittlerweile ist auch dieser an Covid-19 erkrankt – warnte Putin vor einem „italienischen Szenario“. Die Corona-Pandemie wurde mit diesen Bildern Chefsache. So wirkte es zumindest.

„Arbeitsfreie Tage“ bis Ende April

Zwei Reden an die Nation hat Putin seitdem gehalten. Zwei Reden, in denen er merkwürdig entrückt wirkte. Er versprach Staatsgarantien für Unternehmen, Steueraufschübe, Stundungen von Verbraucherkrediten – und ordnete „arbeitsfreie Tage“ bis Ende April an. Doch das kam bei den Russen ganz anders an: Ab auf die Datscha zum Schaschlik-Grillen, ab in die Ferien nach Sotschi, hatten sich da viele Menschen gedacht. Es seien schließlich bezahlte Ferien!

Aufrütteln sieht anders aus. In der unübersichtlichen Situation überlässt Putin das Handeln anderen, so wie er Unpopuläres stets anderen überlassen hat. Das Kalkül dahinter: Das Verkünden schlechter Nachrichten schadet der Popularität des Präsidenten. Also sollen es andere tun. Laufen die harten Einschnitte dennoch gut, kann sich der Präsident immer noch an die Spitze setzen. Schließlich war er es ja, der Bürgermeister und Gouverneure mit Vollmachten ausstattete.

Putin schiebt Verantwortung von sich

Die Verantwortung schiebt der Kreml vorerst weg. Denn Putin will Macht. Er will sie bis 2036. Alles war vorbereitet für seinen Coup, durch die Änderung der Verfassung sich diese Macht auch zu sichern. Durch die Aufhebung der Amtszeitbeschränkung und einen Umbau des Staates wollte er auf Dauer im Kreml regieren. Noch bis zu seinem Treffen mit Sobjanin hatte der Präsident an der Abstimmung dazu am 22. April festgehalten und sah keinen Grund, diese zu verschieben.

Wie er bis jetzt keinen Grund dafür sieht, die Parade am 9. Mai abzusagen. Der Sieg über das Hitler-Regime ist identitätsstiftend fürs Land. Putin ist der größte Gegner harter Maßnahmen im Land und überlässt die Initiative den Regionen.

So, als wäre er nicht der Präsident, der sich in 20 Jahren zum Zentrum eines Systems gemacht hätte, die auf einer Machtvertikale beruht. In Krisen aber, die er nicht steuern kann, wirkt Putin von jeher schwach. Das war bereits zu Beginn seiner Karriere so, als das U-Boot Kursk mit Überlebenden an Bord sank. Auch das Coronavirus lässt Putin blass aussehen.

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